A la Bande

Sine musica nulla vita

Side A: Rest
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Side B: Venture Out
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«Die alte griechische Einsicht, dass die Welt aus Klang oder ein Klang sei, trifft wohl zu. Ich war davon überzeugt, lange bevor ich es von den Griechen erfahren habe. Die Welt ist letztlich ein Klang. Vielleicht bin ich ein verhinderter Musiker, obschon ich theoretisch von Musik nichts verstehe, aber ich habe ein Leben lang mit der Musik gelebt. Die Musik ist strukturiert wie die Welt, hat also mit Wiederholung und Anklängen zu tun. Und das Musikalische, das in unserem Lebenslauf, in den sogenannten Schicksalen anklingt, ist etwas sehr Bewegendes.»
Gerhard Meier, Interviewauszug aus «Das dunkle Fest des Lebens»

Neulich habe ich beim Aufräumen im Keller eine Plastiktüte voller verstaubter Mixtapes gefunden. Als ich ihre handschriftlich notierten Titel las, erfasste mich flutwellengleich die Erinnerung an ihre jeweilige Entstehungszeit… Mixtapes lieferten mir mehr als einmal den Soundtrack zum Leben.

Wenn mir als Teenager die richtigen Worte fehlten, oder wenn ich befürchtete, dass diese gar zu dringlich oder freimütig ausfallen könnten, musste nicht selten ein Mixtape herhalten. In mancher Nacht hielt mich die Sehnsucht nach Mädchen, nach der Liebe, wach und Mixtapes wurden mitunter zum Ventil für dieses unablässige Gedanken- und Gefühlsrauschen. Es kann gut sein, dass ich mit einem Mixtape gar ein Herz gewann oder zumindest den Weg dazu ebnete. Das Mixtape war der perfekte Mittler zwischen Eigenem und der in Kunst überführten Erfahrung anderer. Eine kongeniale Mischung aus Mut und Feigheit. Mit einem Mixtape sagte man à la bande etwas über sich, ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster lehnen zu müssen. Als ob man sein eigenes Leben durch die Kombination fremder Fotografien darstellen oder nachstellen würde.

Der Erhalt eines Mixtapes hatte beinahe etwas Sakrales – wohl befeuert dadurch, dass mir dieses Glück nur sehr selten beschieden war. Das Verschenken eines Mixtapes kam dem Auswerfen eines Köders gleich: Wenn sich ein Gegenüber mit der Musik auf dem Mixtape identifizieren konnte, musste es doch eine bedeutsame Schnittmenge mit dieser Person geben! Dieses Gefühl der Verbundenheit war ein unschlagbares Antiserum gegen sporadisch aufkeimende, spätpubertäre Einsamkeitsgefühle. Zeig mir dein Mixtape und ich sage dir, wer du bist…

Mixtapes eröffneten ungeahnte Analogien, erlaubten dramaturgische Überraschungen, stilistische Konfrontationen, autobiografische Fingerzeige und persönliche Zusammenhänge. Mixtapes folgten der Intuition. Das erste Stück gab die Richtung vor, ebnete den Grund für alles, was darauf folgte. Mixtapes kamen einem temporären Kanon der eigenen Verfasstheit gleich. Mixtapes waren keine Best-of-Sammlungen, sondern Momentaufnahmen. Trotz Rückgriff auf bestehende «Poesie» waren sie alles andere als beliebig. Sie widerspiegelten die gegenwärtige Zeit und waren doch alsbald Artefakte der eigenen Biografie. Was dachte und fühlte man damals? Auf Mixtapes verknüpfte sich Musik mit Zuständen und Situationen und verhedderte sich mit den Erinnerungen daran. Hört man die Abläufe der Musikstücke Jahre später wieder, tropft einem das Vergangene luzid zurück ins Bewusstsein. Mixtapes als Trigger, der eine alte Wunde bluten, eine vergangene Euphorie aufleben lässt.

Zuerst schleichend und schliesslich einem Genickbruch gleich machte die Compact Disc der Audiokassette und mit ihr dem Mixtape den Garaus. Freilich konnte man den Spleen für die sorgfältig kuratierte Songabfolge (eine eigentliche Kunstform übrigens, die von der breiten Masse nie angemessen ästimiert wurde) in der Ära der CD zumindest «einseitig» am Leben erhalten. Für mich aber verlor das Mixtape mit dem Verschwinden der kleinen Magnetbänder nachgerade an Bedeutung, und so ist das Mixtape anbei ein eigentliches Faksimile, eine Playlists als Hommage an die verschwundenen Kompilations-Kassetten.

Und was die Kassetten in meinem Keller anbelangt: Die hielt ich für einige Momente leicht bebend in meiner Hand, um sie dann – nicht ohne ein Zögern – wieder an ihren seit bald über einem Jahrzehnt angestammten Platz zurückzulegen. Da sollen sie noch einige Jahre ruhen – oder vielleicht für immer. Denn was, wenn sie den Schmerz «von damals» wieder aufkeimen liessen? Musik kann das. Und ein Mixtape ganz besonders.

Benny Jaberg, März 2015, mit Dank an Eliane Boner.

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