Mixtape

In Gedenken an Peter Liechti

HÖRMUSIK
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POP…
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Zum Mixtape von Peter Liechti

Es ist vielleicht ein Vermächtnis, ein Bekenntnis, das uns Peter Liechti auch mit seinem Mixtape zurückgelassen hat. Die Nachricht, dass er nicht mehr bei uns ist – hier,  macht fassungslos.

Musik bedeutete ihm sehr viel, vielleicht mehr noch als der Film. Sie war seine zweite Heimat.

So sehr persönlich seine Filme sind – und dabei nie privat – so sehr arbeitete er auch für uns, die seine Filme sehen. «Ich will schon verstanden werden», sagte er erst kürzlich. Verstanden werden in dem, was man zeigen will. So lange daran bleiben, bis man dort ist, bis dieser Punkt erreicht ist, wo man glauben darf, dass man verstanden werden könnte. Nicht aufgeben. Nicht nachgeben – auch und vor allem nicht sich selbst gegenüber.

Die Musik, die Peter Liechti uns ausgesucht hat, ist alles andere als das, was man wohl erwartet hätte. Ein Mixtape mit Alter Musik und Liedern von Schumann? Verletzlichkeit, Hoffnung, Angst, in Musik gefasst.

Sich nicht festfahren. Seinen Standpunkt überprüfen, neue, andere Perspektiven einnehmen. Es kommt kaum von ungefähr, dass Peter Liechti uns ein Mixtape in zwei Seiten eingespielt hat.

Die zweite Seite seines Mixtapes: «Pop…», wie er sie benannte, mit drei Pünktchen… tanzbare Musik, Musik für helle Tage und Nächte, Musik fürs Tun, für Veränderung – hier. Auch für gesellschaftliche Veränderung.

Obwohl er sehr krank war, hat Peter sich im Herbst Zeit genommen, uns allen, die sie nun hören, seine Musik einzuspielen. Von Anfang an hat er unsere kleine, autorenschaftliche Initiative Neuland unterstützt, hat uns Zuspruch geschenkt und seinen Respekt für unser unentgeltliches Engagement.

Bereits in der zweiten Ausgabe von Neuland, im Dezember 2010, hat er uns, als wir ihn anfragten, seinen Film «Grimsel. Ein Augenschein» zur Verfügung gestellt.

Peter Liechti hat Filme gemacht. Und hat gleichzeitig auch junge Filmschaffende unterstützt, bestärkt.

Selber ist er Herausforderungen immer aufrecht begegnet, wie all jene, die das Glück hatten, mit ihm zu arbeiten, sagen können, weil sie es gesehen haben: Er war gerade, weichte nie zurück.

So entstanden seine so vielschichtigen, zauberhaften Filme und Texte, die nie gefallen wollten, aber einen umwerfen. Durchaus auch rauswerfen aus geordneten Bahnen, vorgefassten Vorstellungen, Empfindungen. Und er hat es geschafft, dass wir durch seine Arbeit immer wieder inneres und äusseres Neuland betreten können.

Ein Mixtape ist womöglich auch eine Aussage, eine persönliche Stellungnahme.  Selbstbildnis. Dieses Mixtape muss ihn deshalb auch einiges an Mut gekostet haben. Ihn, dem Musik so viel bedeutete, wie auch seine Filme immer wieder zeigen.

Und wie in seinen Filmen ist es auch hier eine filigrane, ebenso vielschichtige wie klar komponierte Erzählung, in die er uns mitnimmt.

Das Aussergewöhnliche, das er schuf, seine Filme, seine Texte, ist ihm nicht einfach so geschenkt worden. Er hat es mit seiner konsequenten Arbeit gesucht, es bearbeitet und geschliffen, bis es endlich so war, wie er es gut fand.

Und er war sich nie zu schade, war nie stolz, zu seinen Filmen, seinen Texten stets auch Wahrnehmungen, Einschätzungen und Zweitmeinungen einzuholen, obschon er wohl die besseren Antworten parat hatte als wir, die er uns fragte.

Der Künstler Peter Liechti, der, so Christoph Egger in seinem Nachruf, das bedeutendste filmkünstlerische Oeuvre der letzten Jahrzehnte geschaffen hat, war zu alledem auch ein wunderbarer, verlässlicher und zugewandter Freund.

Mit seinem Mixtape hat er uns Teil haben lassen an seinen Fragen – und an der Schönheit, die er zu schaffen vermochte. An seiner Sicht auf die Welt. Wir danken ihm sehr.  Anita Hugi

 

«Es geht mir zu schnell. Diese ganze Realität geht mir zu schnell. Vielleicht bin ich auch zu langsam, jedenfalls laufe ich nicht synchron mit ihr. Deshalb muss ich alles auf Film aufnehmen, vor mir ausbreiten, wieder und wieder neu aufrollen und aus allen Perspektiven betrachten, um mir so ein eigenes kleines Kaleidoskop aus Realitätsfragmenten zusammenzustellen. Damit gewinnt das Erlebte wenigstens im Nachhinein einen gewissen Wirklichkeitscharakter.» 

Peter Liechti, in: «Klartext», Vexer Verlag 2013 

Bild: Still aus «Signers Koffer», Film von Peter Liechti

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