Offenbarung

«Die auf der Erde wohnen»

Auf Patmos hat Johannes seine Offenbarung geschrieben – ein perfides Buch, wie Peter Polter findet. Grund genug, sich mit süssen Achladakia zu trösten – einem birnenförmigen Gebäck aus Mandeln, Honig und Orangenblütenwasser, das als Spezialität von Patmos gilt.

Patmos Prasovouna (Greece), Samstag, 17. August 2013

Die «Offenbarung», das letzte Buch des Neuen Testaments, liest sich über weite Strecken wie die grosse Vergeltungsphantasie eines von der Welt tief, gefährlich tief gekränkten Teenagers. Es ist ein Text wie aus dem Tagebuch eines Amok-Läufers. Es geht in der «Offenbarung» ja nicht darum, mit Gewalt irgendeine Form von Ordnung oder Gerechtigkeit herzustellen, sondern es geht allein um die Bestrafung selbst, die keinerlei Funktion hat – es sei denn jene, die grenzenlose Macht des Bestrafers zu demonstrieren. Typisch für den Sadismus der Schrift ist zum Beispiel die Anweisung an die Heuschrecken, die Menschen nicht sofort zu töten, sondern fünf Monate lang zu quälen (Offb 9,5): «Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und werden ihn nicht finden und werden zu sterben begehren, und der Tod flieht vor ihnen.»

Ich weiss nicht, ob es eine andere Weltreligion gibt, die einen derart fiesen Text zu ihren heiligen Schriften zählt.

Es gibt aber auch Passagen in der «Offenbarung», die wirken als habe da jemand in den Text eingegriffen und versucht, ihm eine mildere, humanere Seite zu geben. So fliegt an einer Stelle (Offb 8,13) plötzlich ein Adler hoch oben durch den Himmel und sagt mit lauter Stimme: «Wehe, wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen…» – ein ungewöhnlicher Moment der Anteilnahme, und ein geradezu filmischer Perspektivenwechsel. An dieser Stelle begreifen wir auch, dass die Tiere vom Weltuntergang nicht betroffen sind. Vielleicht sind sie nicht interessant genug, gequält zu werden. Oder sie sind unschuldig, unschuldige Botschafter des Verderbens wie die Pferde der Apokalypse, unschuldige Folterknechte wie die Heuschrecken.

Ungewöhnlich ist an der Stelle mit dem Adler auch, dass hier eine Natur-Beobachtung eine Rolle spielt: Adler, die hoch oben am Himmel ihre Kreise ziehen, wirken ja tatsächlich so, als würden sie ihre Eier in den Wolken legen und wären also von einer völlig verbrannten Erde auch nicht direkt betroffen. Eine solche Aufmerksamkeit für die Welt, wie sie ist, passt so gar nicht zum sonstigen Ton der «Offenbarung».

Die «Offenbarung» soll von einem Johannes geschrieben worden sein. Dieser weilte nach eigener Aussage «auf der Insel, die Patmos genannt wird, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen» (Offb 1,9). Dort erhielt er von Gott den Auftrag, «seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss» (Offb 1,1). Oft wird die karge, fast gänzlich baumlose, vermeintlich leblose Landschaft der Insel für die Visionen des Johannes verantwortlich gemacht. Doch entdeckt, wer etwas Zeit an einem Ort verbringt, in der Regel nicht eher, wie sich das Leben noch unter den schwierigsten Bedingungen zu helfen weiss? Und Johannes hatte Zeit auf Patmos, so können wir annehmen, und hätte also eher über die Wunder der Natur schreiben müssen. Aber vielleicht stammt ja nur die eine Stelle mit dem Adler von dem Johannes auf Patmos – bloss wer hat dann den ganzen Rest geschrieben?

Ich.

***

Das hier präsentierte Mandelgebäck hat gewöhnlich die Form kleiner Birnen – daher auch sein Name: Achladakia.

Achladakia (αχλαδακια)

Was auch immer Johannes veranlasst hat, die Apokalypse zu schreiben, das üppige Essen auf Patmos dürfte es kaum gewesen sein. Auf jeden Fall wächst auf der Insel nur wenig, das den Menschen ernähren könnte. Kein Wunder also, hat Patmos kulinarisch kaum üppige Besonderheiten zu bieten. Die bekannteste Spezialität ist wohl eine sogenannte Patmos «Cheese Pie», die sich jedoch geschmacklich kaum von ihren zahllosen Verwandten unterscheidet. In einer schönen Bäckerei im Zentrum des Hauptortes Skala haben wir ausserdem ein süsses Brot und zwei Sorten Konfekt entdeckt, die gross als «Traditional Sweets of Patmos» angepriesen waren. Die sogenannten Pouggi fanden wir einfach nur zuckrig süss – die Achladakia aber hatten ein exotisches Orangenblüten-Parfum, das uns an das ganze Räucherwerk erinnerte, das in den Kirchen der Insel zu Ehren des offenbarungswütigen Johannes angezündet wird – und dies obwohl die Ostkirche mit diesem letzten Buch der Bibel noch weniger anfangen kann als die Römischen Katholiken.

Wir fanden bald heraus, dass es sich bei diesen Achladakia um ein Gebäck handelt, das in ganz Griechenland populär ist und meist Achladakia Amigdalota genannt wird, wobei amýgdala (αμύγδαλα) die Hauptzutat Mandel bezeichnet und achládia (aχλάδια) die Birnen-Form des Gebäcks. Nun nennt unsere Bäckerei in Skala ihre Spezialität zwar Birnchen, formt den Teig aber nur zu einer leichten Kone. Man könnte also sagen, das besondere an der patmischen Mandelbirne sei ihre leicht abstrahierte, formal geklärte Form. Bei aller Liebe zur Moderne allerdings gefallen uns doch jene Achladakia besser, die eine konventionellere Birnenform haben – zumal diese Birnchen in den meisten Rezepten auch noch einen neckischen kleinen Stil in der Gestalt einer Gewürznelke bekommen. Die Nelke kann man zwar nicht essen – ihr ätherischer Duft aber macht sich beim Knabbern trotzdem bemerkbar, und ergänzt das feierlich Exotische der Orangenblüte.

Backzeit 20 Minuten

Auskühlzeit 30 Minuten

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Zutaten (für ca. 20 Stück)

100 g Honig

40 g Zucker

2 EL Zitronensaft

4 EL (0.6 dl) Orangenblüten-Wasser

1 gestrichener TL Vanille-Pulver

200 g Mandeln

150 g Mehl

ca. 20 Gewürznelken

Nochmals etwas Orangenblüten-Wasser zum Bepinseln des Gebäcks

Puderzucker

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Zubereitung

Honig, Zucker, Zitronensaft, Orangenblüten-Wasser und Vanille-Pulver in einem Pfännchen sanft erwärmen bis sich Honig und Zucker aufgelöst haben.

Die süsse Sauce mit Mandeln und Mehl zu einem leicht feuchten und klebrigen, aber doch auch ein wenig festen Teig verrühren – wenn nötig etwas mehr Mehl zugeben.

Mit leicht befeuchteten Händen etwa walnussgrosse Stücke vom Teig abzwacken und kleine Birnen formen, aufrecht auf ein mit Backtrennpapier belegtes Blech setzen. In die Spitzen der kleinen Birnen je eine Gewürznelke hineinpressen.

Blech in den auf 180º vorgeheizten Ofen schieben und 15 bis 20 Minuten backen. Wenn die Spitzen der Birnen nach 10 Minuten etwas dunkel scheinen, für den Rest der Backzeit ein Stück Backtrennpapier darüber ausbreiten.

Gebäck aus dem Ofen nehmen und abkühlen lassen. Mit Orangenblüten-Wasser bepinseln und dann dick mit Puderzuckerbestreuen. Ein paar Minuten anhaften lassen und dann nochmals bepudern.

In einer luftdichten Dose halten sich die Mandelbirnchen wenigstens eine Woche.

In der Auslage einer Bäckerei in Skala, dem Hauptort von Patmos, werden Pouggi und Achladakia als «Traditional Sweets of Patmos» angepriesen. (August 2013)

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