GRUSS AUS LONDON

Auf Sargbrettern ins Glück

Ein Prinz und künftiger König brachte das Wellenreiten nach England. Das Vergnügen liessen sich auch ärmere Schichten nicht entgehen: Sie schwangen sich auf Sargbretter und ritten damit die Wellen.

Königinnen, Könige, Prinzessinnen und Prinzen sind auch nur Menschen. Auch sie sehnen sich nach Freiheit, Abenteuer und Freizeitaktivitäten, um sich den alltäglichen Pflichten zu entziehen und ihre menschlichen Batterien wieder aufzuladen.

So zieht man sich in die Stille der Natur zurück oder man treibt Sport. Diese Aktivitäten dienen dazu, Geist und Körper zu regenerieren. Und da der Sport und die Natur keine Klassengrenzen kennen, ist es möglich, dass ein Prinz und zukünftiger König von einem höchst talentierten Nichtadeligen etwas lernen kann. So auch im Zusammenhang mit der Geschichte des Surfens in Grossbritannien.

Beim Lesen des «Guardian» fand ich folgende Abbildung mit der Schlagzeile «Prince of Waves – Edward VIII revealed as Britain’s first surfer».

 

 

Auf dem Foto erkennen wir einen Surfer, der mit eng zusammengepressten Füssen auf dem Brett stehend eben eine Welle in Angriff genommen hat. Zur Balance breitet er die Arme wie ein zum Flug abhebender Vogel aus. Der geneigte, vorwärtsschauende Kopf signalisiert volle Konzentration, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und die Welle bis aufs Maximum auszunutzen. Professionelle Surfer weisen darauf hin, dass «mit-eng zusammengepressten-Füssen-auf-dem-Brett-stehen» ein heute eher unorthodoxer Surfstil ist. Aber 1920 war man anderer Meinung. Man betrachtete diese Art zu Surfen als äusserst effizient.

Wie dem auch sei: Surfexperten sind überzeugt (und mit ihnen das British Surfboard), dass das im Guardian abgedruckte Foto die erste Abbildung eines britischen Surfers ist. Die Aufnahme ist mit 1920 datiert und mit «Edward P» signiert. Es ist bekannt, dass der damalige Prinz Edward alle Dokumente und Briefe mit «Edward P» (Edward, Prinz) signierte.

Somit ist die Signatur ein Hinweis darauf, dass der abgebildete Surfer kein Geringerer als Prinz Edward (künftiger König Edward VIII von England) ist. Königliche Dokumente bestätigen, dass der damalige Prinz Edward während der fraglichen Zeit in Hawaii im Urlaub weilte und sich vom damaligen Surf-Superstar Duke Kahanamok das Surfen hatte beibringen lassen.

Die Veröffentlichung dieses Fotos war der Startschuss zu einem neuen Trend, der sich in England rapide ausbreitete. Surfen wurde zum Freizeit- und Vollsport der Privilegierten (am Morgen surfte man und am Nachmittag spielte man Tennis oder Bridge) und der Nichtadeligen. Surfen war damals wie auch heute noch keine billige Sportaktivität. Doch auch die Wenig-Begüterten fanden Wege, um sich auf primitiven Wellenbrettern einen rudimentären Surfstil anzueignen.

Man war erfinderisch, raffiniert und geschäftstüchtig. So auch Tom Tremwan, ein Sargmacher und Totengräber aus Perranporth. Er offerierte nichtadeligen, surfhungrigen Kunden bereits 1919 «basic-start-up-boards» zum Gebrauch an. Diese Surfbretter waren nichts anderes als schlichte, zusammengenagelte Sargdeckel.

 

Auf dem Foto sind stolze, nichtadelige Surfer und Surferinnen mit ihren Brettern am Strand von Cornwall zu sehen.

Königinnen, Könige, Prinzessinnen und Prinzen sind auch nur Menschen. Auch sie sehnen sich nach Freiheit, Abenteuer und Freizeitaktivitäten, um sich den alltäglichen Pflichten zu entziehen und ihre menschlichen Batterien wieder aufzuladen. … usw. usw. – the end –

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