LITERATUR

Ewig und Eins

EWIG: Andrzej  Stasiuk:  Die Welt hinter Dukla

 

Um vier Uhr früh hebt die Nacht langsam ihren schwarzen Hintern, steht vollgefressen vom Tisch auf und geht schlafen. Die Luft ist kalt wie Tinte, sie fliesst die Asphaltwege herab, zerläuft und gerinnt zu schwarzen Seen. Es ist Sonntag, die Menschen schlafen noch, und deshalb sollte diese Erzählung keine Handlung haben, kein Ding kann schliesslich andere Dinge verdecken, wenn wir zum Nichts streben, zu der Feststellung, dass die Welt nur eine vorübergehende Störung ist im freien Fluss des Lichts.

Dukla ist ein kleines Städtchen in Südpolen, noch mitten in einem nicht-globalisierten Europa. Hier ist die poetische Aura des Einzigartigen spürbar, aus der Zeit vor dem Vervielfältigungszwang der «vernetzten» Welt, die alle europäischen Städte, besonders ihre Fussgängerzonen, in hässliche Klone des Fortschritts verwandelt hat.

In Andrzej Stasiuks «Welt hinter Dukla» geht es um Erinnerung, das Gedächtnisverfahren des Auswählens und des Festhaltens. Getragen wird diese Erinnerung an Dukla von Licht, realem Licht – Photonen, die auf eine Fotoplatte treffen. Man «liest» bei Stasiuk gleichsam ein Fotoalbum von grosser Einprägsamkeit. Denn Licht ist kaum jemals genauer, vielfältiger und poetischer beschrieben worden als in Stasiuks «Dukla»-Roman, der sich wie ein Licht-Gedicht liest.

Im Wechsel der Jahreszeiten und des Lichts gleicht Dukla den Landschaften bei Eric Rohmer, dem Südstaatenmittag bei Carson McCullers, der blauen Stunde bei Edward Hopper oder den kleinen, vergessenen Orten in Frankreich bei James Salter. Diesen Licht-Beschwörern verwandt, lässt auch Stasiuk das Licht über den Rand seines engeren Kegels hinausschwappen. Wenn die Reisen des Erzählers über Jahrzehnte hinweg immer wieder ins unbekannte Dukla am Rande der Karpaten führen, so wähnt man sich als Leser doch stets am Nabel der Welt. Provinz ist nicht Ödnis, sondern Mitte, sobald man in ihre Materie eindringt und sofern man erstaunt sein kann über die Epiphanien des Hier und Jetzt: diese transzendieren den Augenblick in die Ewigkeit hinüber.

Über sein Motiv sagt der Erzähler in «Dukla»: Schon seit langem scheint mir, das einzige, was zu beschreiben sich lohnt, ist das Licht, seine Abarten und seine Ewigkeit. Handlungen interessieren mich weit weniger. Ich kann sie mir schlecht merken. Sie bilden zufällige Ketten, die grundlos reissen und ohne Ursache beginnen, um unvermittelt wieder zu brechen. Der Geist ist geübt im Anstückeln, im Zusammenheften, im Bilden von Sequenzen, aber ich bin der Klügste nicht und misstraue dem Geist, wie der Bauer vom Lande den Städtern, denen sich immer alles in geschickte, wendige und trügerische Reihen von Folgerungen und Beweisen fügt. Also das Licht (…) – schon immer wollte ich ein Buch über das Licht schreiben. Ich wüsste nichts, das mehr an die Ewigkeit erinnerte.

Und der Erzähler, dessen Erinnerungsprojekt bis in die frühe Jugend beziehungsweise bis zu seinen Grosseltern zurückreicht, berührt alles, was seine Neugier weckt: Er beobachtet Menschen (tanzende Mädchen, Säufer, Feuerwehrleute, Zigeuner, Mönche, Sommerfrischler…), Orte (Plätze, Kirchen, Busbahnhöfe, eine Touristenbar…) und «Dinge» (ein Fest, einen Fluss, die Schwalben, die nachmittägliche Sattheit, die Liebe, den Regen und die Nacht…).

Jetzt versuche ich, das alles in eine Reihenfolge zu bringen, obwohl ich mich nur an Bruchstücke erinnere, an Abdrücke von Dingen in jenem Raum, schliesslich nicht an die Dinge selbst… Was mich jetzt erreicht, sind nur ihre Spuren, Phantome des Bezeichneten, aufgehalten auf halbem Wege zwischen Existenz und Benennung. Sie ähneln nach dem Tode retuschierten Fotos.

Wenn alles vergeht, so schliesst der Erzähler seine Bilderreihe, dann bleibt noch der Himmel, der sich über dem Städtchen Dukla erstreckt. Niemand wird mehr da sein, aber dieses Bild der menschlichen Seele, der Intelligenz und des menschlichen Ich wird überdauern in einer Zeit, die langsam zu Ewigkeit wird, bis sie endlich verschwindet wie alles andere auch. Ein Trost wird jedenfalls bleiben: Das Bild, der Zwillingsbruder unseres Verstandes, wird uns überleben.

Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2002.

Eins: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft

Wenn man Byung-Chul Han glaubt, dann gilt heute ein neues gesellschaftlich-philosophisches Paradigma: Wir sind angelangt im Zeitalter der Müdigkeit. Wir sind eine Müdigkeitsgesellschaft. Diese Müdigkeit aber, die man als neuronale Erkrankung auffassen muss, resultiert aus einem Zuviel, aus einem Übermass an Positivität. –

Wie ist das zu verstehen? Han erklärt: Neuronale Erkrankungen wie Depression, ADHS, Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burnout-Syndrom (BS) bestimmen die pathologische Landschaft des 21. Jahrhunderts. Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte, die nicht durch die Negativität des immunologisch Anderen, sondern durch ein Übermass an Positivität bedingt sind. So entziehen sie sich jeder immunologischen Technik, die darauf angelegt ist, die Negativität des Fremden abzuwehren.

Während das vergangene Jahrhundert also noch durch das Abgrenzen vom Anderen, Fremden, Gegenteiligen etc. bestimmt war (vergleiche: das medizinische Bild der Immunabwehr), gilt heute die Metapher des Infarktes. Diese schliesst Han mit dem rasch fortschreitenden Globalisierungsprozess kurz. Das alte Paradigma der Abgrenzung durch Mauern, Zäune, Schwellen und moralische Regeln sei heute bestimmt durch Entgrenzung, Hybridisierung, Promiskuität und grenzenlose «Positivität» (im neutralen Sinn des Wortes) und den Terror an Immanenz, der keinerlei «Anti-» mehr anerkennt. Alles Mögliche kann und muss sofort absorbiert werden.

Byung-Chul Han © Merve Verlag

Byung-Chul Han © Merve Verlag

Im Rückgriff auf den Philosophen Michel Foucault beschreibt Han den Wechsel von der Disziplinargesellschaft zur Leistungsgesellschaft: Foucaults Disziplinargesellschaft aus Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen, Kasernen und Fabriken ist nicht mehr die Gesellschaft von heute. An ihre Stelle ist längst eine andere Gesellschaft getreten, nämlich eine Gesellschaft aus Fitnessstudios, Bürotürmen, Banken, Flughäfen, Shopping Malls und Genlabors. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr die Disziplinargesellschaft, sondern eine Leistungsgesellschaft. Auch ihre Bewohner heissen nicht mehr «Gehorsamssubjekt», sondern Leistungssubjekt. Sie sind Unternehmer ihrer selbst (…). Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung ersetzt.

An die Stelle des alten «negativen» Sollens ist heute die grenzenlos-«positive» Haltung des Könnens («Yes we can!») getreten, was zu Müdigkeit, Erschöpfung und Depression führe, so Han, der weiter den französischen Soziologen Alain Ehrenberg anführt: Alain Ehrenberg siedelt die Depression im Übergang von der Disziplinar- zur Leistungsgesellschaft an: «Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.» (Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst, 2008)

Der ebenfalls von Han zitierte Peter Handke spricht in «Versuch über die Müdigkeit» (1992) von der Notwendigkeit eines «Mehr des weniger Ich». Durch das Weniger-Werden des Ich könnte das Ich wieder zu einer Grenze gelangen, somit zu Orientierung und Sinn, der jenseits des Ökonomischen liegen würde. Han fasst pointiert zusammen: Die Erschöpfungsmüdigkeit ist eine Müdigkeit der positiven Potenz. Sie macht unfähig, etwas zu tun. Die Müdigkeit, die inspiriert, ist eine Müdigkeit der negativen Potenz, nämlich des nicht-zu. Heilig ist nicht der Tag des um-zu, sondern der Tag des nicht-zu, ein Tag, an dem der Gebrauch des Unbrauchbaren möglich wäre. Es ist der Tag der Müdigkeit. Handke spricht von einer «entwaffnenden Friedenszeit».

Es leuchtet ein, dass der Mensch, der sich selbst in den (seelischen) Infarkt treibt, wieder einen Zugriff finden müsste auf das Negative, auf das «Nicht». Der alte Antreiber aus der Disziplinargesellschaft ist nicht zu ersetzen durch einen inneren Sklaventreiber, der mich auch noch 7 x die Woche ins Yogastudio peitscht.

Wem es gelingt, etwas nicht-zu in sein Leben zu lassen, dem gehört eine sanfte Form der Müdigkeit.

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Berlin (Matthes & Seitz) 2010. Leseprobe auf der Website des Verlags.

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