Literatur

Eins & Ewig

EWIG – Das grosse Liederbuch. Mit Bildern von Tomi Ungerer

Ewig, oder solange das dauert, werden mir die schönsten deutschen Volks-und Kinderlieder lieb sein, tief im Herzen eingebrannt und wertvoll. Eine mythologische Schatzkiste ist das von Tomi Ungerer illustrierte dicke Buch (270 S.) aus dem Diogenes-Verlag mit dem schlichten Namen: Das grosse Liederbuch.

Die Melodien haben sich in der Kindheit – der gute Schweizer Kanton Aargau in den 70ern und 80ern, meist neblig, selten einmal Sommer, immer dösendes Dorf, Kirchenglocken – zusammen mit den Ungerer-Bildern im Bewusstsein verankert. Und da sind sie alle noch:

Bruder Jakob, ein dicker schlafender Mönch nach einer durchzechten Nacht, Taube auf dem grossen Zeh, träumend vom himmlischen oder irdischen Paradies? – Wachet auf, ruft uns die Stimme (Philipp Nicolai / J. S. Bach): ein Kristall aus Musik. – Cantare Domino: beruhigt meinen kleinen Sohn, doch nur, wenn es die Mutter singt. – Backe, backe Kuchen: Ungerers typische Erotik wird im Bild sichtbar. Für ein Kind entsteht Brot und Essen überhaupt durch Zaubersprüche. –

Volkstümlich aus Schlesien: Ich bin ein Musikante (… und komm aus Schwabenland!). – Grün, grün, grün sind alle meine Kleider (Kinder lieben ihre späteren Berufe mehr als Erwachsene ihre aktuellen). – Alle Vögel sind schon da: ja, natürlich, mein ornithologischer Stand von damals und noch von heute. – Drei Zigeuner fand ich einmal: Das schönste und sehnsuchtsvollste Volkslied, das es gibt. – Im schönsten Wiesengrunde: Oder ist das noch sehnsuchtsvoller? – Ich armes welches Teufeli: Ich sehe es auch ohne Ungerer-Bild genau vor mir. Es ist müde, müde, so müde vom Marschieren! – Kommt ein Vogel geflogen: ein so wunderbares, einfaches Lied aus Österreich, das Generationen gesungen, gesummt und gepfiffen haben. Freude und Verzicht, das ist alles. – Wenn der Sommer kommt: Geh aus, mein Herz, und suche Freud (mit dem Text von Paul Gerhardt). – Und im Winter: In Mutters Stübele… – Bald darauf folgt die schönste Nacht, die Stille Nacht. –

Und jeden Abend im Jahr geht der in der Vorstellung immer volle Mond auf, in sieben Strophen, wobei die siebte für mich heute die schönste ist:

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder.
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns Gott mit Strafen
Und lass uns ruhig schlafen
Und unsern kranken Nachbarn auch.

So kann ich zu fast jedem Lied eine Erinnerung oder ein Bild wachrufen. Was anderen Rössli Hü, der Kleine Prinz oder die Rote Zora ist, ist mir das schönste Lieder- und Bilderbuch der Welt. Es umfasst Jahre der magischen Welterschliessung. Wer es, wie ich, einmal besessen hatte, besitzt es für immer.

Tomi Ungerer kann übrigens auf zwei Ebenen zeichnen. Er kann Kinder und Erwachsene (und alles dazwischen) mit seiner ketzerischen und zutiefst humanistischen Kunst erreichen. Sein Strich war immer messerscharf und zugleich barmherzig. Auch er lebe ewig!

Das grosse Liederbuch. Die schönsten deutschen Volks-und Kinderlieder, gesammelt von Anne Diekmann unter Mitwirkung von Willi Gohl. Bilder von Tomi Ungerer. Diogenes Verlag. (Neuauflage:) Zürich 2011.


EINS – Andrea Grill. Happy Bastards. Gedichte

«Happy Bastard» sind glückliche (auch geglückte) Mischwesen aus zwei Elementen, dem Realen und dem Fantastischen. Andrea Grill schafft solche Zwitter, nimmt sie aus dem Rahmen der Zeit, zerrt sie ans Licht, lässt Geister aus Knochen und Muskeln, mit Händen und Füssen entstehen. Es ist das Durchgangsstadium vom Alltagsmenschlichen zum Poetischen, die Verwandlung selbst, die Grill so gekonnt ins Bild zu rücken vermag.

Überall bleibt die Zeit
stehen;
mit ihren grossen Füssen
tritt mir auf die Zehen (…)

Setzen, stellen und legen lässt sich die Welt. Sie ist ganz sachlich, voller tastbarer, streichelbarer, lachender Dinge. Und diese handfesten Dinge sind magisch, das ist kein Widerspruch. Jedes Ding enthält ein Entgegen, in dem es verschwinden oder durch das es sich manifestieren kann. Alles kann sich kurzerhand umstülpen oder die Gattung wechseln – und bleibt doch sich selbst.

Du hättest die Trauben entkernt
und dann mit Schale überzogen
dachte ich

als keiner wusste
was aussen war was innen (…)

Jedes Ding kann  sein Gegenteil hervorrufen.

Oft habe ich mich nach dem Winter
gesehnt
mitten im Sommer
oft im Frühling (…)

Andrea Grills Gedichte sind – trotz oder wegen ihrer österreichischen Zutaten – voller Witzfiguren, die sich ins Fäustchen lachen, doch niemals spotten. Denn das Eigene ist nur witzig, wenn es sich selbst von aussen zu betrachten vermag und den Tod schon einmal gewittert hat.

Mit zwölf manchmal
in die Figur des Opas geschlüpft
sehe ich mich
auf der Bank sitzen
die Beine untergeschlagen
die dünnen Beine (…)

Liebesgedichte schliesslich gehören zum Sortiment der Poetin. Die Liebe ist die Kraft, die den Menschen fotografieren macht. Hier sind es minimalistische, witzig-zärtliche Bilder. Das Gedicht «Liebeskummmer» lautet wie die kleine Schwester der Melancholia, es besteht aus einem nackten Nebensatz, der den ganzen Verlust des Restes beklagt:

Dass jetzt die
Ribisel sauber
in der Schale
der Strauch
kahl.

Ich empfehle Andrea Grills «Happy Bastards», den ersten Gedichtband der 1975 in Bad Ischl geborenen Autorin. – Grill promovierte in Amsterdam über die Evolution endemischer Schmetterlinge Sardiniens, sie übersetzt aus dem Albanischen, schreibt Romane, Erzählungen und Gedichte und sollte dank ihrer ausserordentlichen Fähigkeit zu überraschen, weitere Preise erhalten.

Andrea Grill. Happy Bastards. Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2011.

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