Religion und die Frauen

Die erste Rabbinerin

In vielen Religionen sind Frauen von Leitungsämtern ausgeschlossen. Wie sieht es im Judentum aus? Bea Wyler, die einzige Rabbinerin in der Schweiz, gibt Auskunft.

Rabbiner Bea Wyler im Gespräch über Gleichstellung und Judentum. (Fotos: Denise Buser)

Bea Wyler, Sie wurden 1995 ordnungsgemäss ordiniert, aber sind nach wie vor die einzige Frau, die als Rabbinerin in der Schweiz tätig ist. Kann man von Geschlechterdiskriminierung bei jüdischen Leitungsämtern sprechen? 

Bea Wyler (B. W.): In den orthodox geführten Gemeinden könnte ich nicht mit einer Anstellung als Rabbiner rechnen – aus dem einfachen Grund, weil ich eine Frau bin. Genau so würden es diese Gemeinden auch begründen: Frauen können nicht Rabbiner sein. Dem halte ich entgegen: Die Rabbiner, die mich ordinierten, wussten, was sie taten. Dies würde mit Achselzucken zur Kenntnis genommen – im besten Fall. Auf diese Weise muss man auch nicht ausdrücklich sagen: «Wir wollen keine Frau als Rabbiner».

Gibt es Statusunterschiede zwischen Frau und Mann beim Praktizieren des Glaubens?

B. W.: Die Frauen haben tatsächlich einen zweitklassigen Status im orthodoxen Gottesdienst: Sie werden beim Minjan (Quorum für Gemeindegebet) nicht mitgezählt. Die Frauen werden auch nicht aufgerufen, aus der Tora vorzulesen, und können auch den Gottesdienst nicht als Vorbeter leiten. Frauen und Männer sitzen dort getrennt voneinander, auch bei familienzentrierten Feiern wie einer Bar Mizva. Auch können sie beim Verlust eines Familienangehörigen nicht Qaddisch[1] sagen, denn die Gemeinde würde darauf nicht antworten – und dies, obwohl so ein gemeinsames Gebet ja meist auch eine therapeutische Wirkung bei einem Trauerfall haben kann. Das und noch vieles mehr bleibt den Frauen versagt.

Beim Minjan muss man wissen: Minjan bedeutet Gemeinde, bedeutet Öffentlichkeit. Das Gebet in der Gemeinde wird spirituell höher gewichtet als das Gebet für sich alleine. Es gilt daher als erstrebenswert, Gebete in der Gemeinde zu verrichten. Wenn nun eine Frau aufgrund ihres Geschlechts nicht für minjanfähig betrachtet wird, betet sie immer alleine, niemals mit der Gemeinde. Das ist eine massive Diskriminierung, wenn die Gemeinde gleichzeitig sagt, dass Beten in der Gemeinde besser ist als privates Beten. Das Nichtmitzählen im Minjan hat natürlich eine Vorgeschichte. Es ist aus der Praxis entstanden. Der Gottesdienst am frühen Morgen – das kann werktags bereits um sechs Uhr sein – verunmöglicht einer Mutter von kleinen Kindern faktisch die Teilnahme.

In der Tora selber findet man keine Verbote zulasten der Frauen; ohnehin findet man in der Tora wenige Vorschriften für eine regelmässige Gebetspraxis. Man findet hingegen in der Auslegungsliteratur Texte, aus denen man solche diskriminierenden Regeln ableiten kann (aber nicht muss).

Sie vertreten den Standpunkt, dass die Gleichstellungsfrage des 21. Jahrhunderts, also auch das weibliche Rabbinat, mit den jüdischen Traditionen aus dreitausend Jahren Vorgeschichte in Einklang gebracht werden kann. Wie begründen Sie das?

B. W.: Hier kann man die Frage aufwerfen, und die ist auch aufgeworfen worden, ob die halachischen Bestimmungen, die in einem zeitlichen Kontext entstanden sind, im heutigen Sinn verstanden werden können. Und dieser Meinung bin ich. Wir verraten die Traditionen nicht, wenn wir die Fragen neu stellen. Und es gibt durchaus moderne und zeitgemässe Antworten.

Ein schönes Beispiel ist das Morgengebet, das täglich, nicht nur am Schabbat, stattfindet. Wir Juden kennen eine Gebetspflicht: 3-mal täglich, fast wie ein Medikament! Es wäre befriedigender, wenn alle mit der Gemeinde beten könnten. Aber da sind in der Familienphase die kleinen Kinder. Wenn man nun sagt, die Frau geht nicht zum Gemeindegebet, weil sie Betreuungspflichten zu Hause hat, während der Mann selbstverständlich zum Gemeindegebet geht, dann haben wir ein Problem. Wenn zur Lösung dieses Problems Frauen bei zeitgebundenen Geboten von der Pflicht befreit werden, ist aus einem Logistik- und Zeitproblem eine Geschlechterdiskriminierung geworden. Und das kann man gut korrigieren, ohne dass die Tradition dabei geopfert wird, und auch Privilegien müssen nicht preisgegeben werden. Zum Beispiel so: Derjenige Paarteil, der sich um die Kinder kümmert, ist von der Pflicht des Morgengebets befreit, während der andere Paarteil sie (für die ganze Familie) erfüllen kann, dann haben wir die Diskriminierung aufgehoben. Kinderbetreuung und Gebetspflicht-Wahrnehmen werden zu gleichwertigen Aspekten religiösen Lebens, die nicht geschlechtsgebunden sind. Diese Art von Praxis habe ich in New Yorker Gemeinden miterlebt.

Also könnte man sagen, es gibt nicht wie im römisch-katholischen Kirchenrecht Rechtsvorschriften, die die Gleichberechtigung verhindern. Vielmehr ist es eine vorwiegend patriarchal-historisch geprägte Praxis, die bei den orthodoxen Gemeinden weiterwirkt. Wie ist denn Ihre Ordination jüdisch-rechtlich einzuordnen?

B. W.: Ich wurde am Seminar des Conservative Movement of America ordiniert, das zur Zeit meiner Ordination gerade hundert Jahre alt war. Die von der Tradition motivierte Rechtsfrage, ob Frauen zu Rabbinern ordiniert werden können, wurde von diesem Ausbildungsinstitut und der dazugehörenden Rabbinerversammlung sorgfältig untersucht und am Schluss mit Ja beantwortet. Es gab einzelne Dozenten, die deswegen das Seminar verlassen haben. Die Ordination von Frauen zu Rabbinern erfolgte nicht von einem Tag auf den anderen, und sie ist bis heute noch nicht in allen Strömungen möglich.

Es gibt an verschiedenen Stellen der rabbinischen Literatur Hinweise, was ein Gelehrter erfüllen muss, damit die rabbinische Würde gegeben ist. Es steht aber nirgends geschrieben, dass das nur für Männer gilt. Das kommt natürlich daher, dass die Frage, ob das für Frauen auch gilt, eine Frage des 20. Jahrhunderts ist. Und im 20. Jahrhundert wurde die Frage nach sorgfältigem Studium der Schriften positiv beantwortet. Rabbinisch tätig zu sein, heisst in erster Linie Studium; der Rabbiner ist in allererster Linie ein Gelehrter und ein Lehrer. Gottesdienstleitung, Seelsorge, Begleitung bei Lebensereignissen (Geburt, Bar Mizva, Hochzeit, Beerdigung) und andere Aufgaben im Gemeinderabbinat kommen dazu.

Im Judentum hat sich jede Strömung für sich alleine mit der Frauenfrage auseinandergesetzt, also das Conservative Movement für sich, die Orthodoxen für sich, die Gemeinden in Amerika für sich, die in Europa für sich und die in Israel für sich. Es gibt keinen «Vatikan» im Judentum, wobei das (orthodoxe) Oberrabbinat in Jerusalem eine Art universelles Selbstverständnis für sich beansprucht, das aber ausserhalb von Israel nicht als letzte Instanz anerkannt wird. Es ist immer der Ortsrabbiner, der entscheidet; die Gemeinden sind autonom.

Gibt es in der jüdischen Theologie eine Selbstreflexion über die eigenen Glaubensinhalte? Auf der Ebene der Theologie? Unter den Gläubigen? Ist es möglich, die theologisch relevanten Texte (Tora und Sekundärschriften) neuzeitlich auszulegen?

B. W.: Judentum ist Auslegung. Wenn wir davon ausgehen, dass die Tora einen göttlichen Ursprung hat, wir sie aber nur mit unserem menschlichen Verstand zu verstehen, mit unserer menschlichen Sprache zu erklären in der Lage sind, dann ist jede Erklärung eine Interpretation. Und da jeder, der interpretiert, einen anderen persönlichen Hintergrund hat, kommt die Interpretation immer ein bisschen anders heraus. Das heisst Auslegung: Der Text ist vorgegeben, aber die Auslegung ist offen. Meine Prüfungspredigt zum Beispiel bezog sich auf die Geschichte über die Vergewaltigung der Tochter von Jakob und Lea, die schliesslich in einem fürchterlichen Blutbad endete. Ich habe diese Passage aus dem 1. Buch Moses Genesis dazu benützt, um über häusliche Gewalt zu sprechen, und dass und wie wir damit in unseren jüdischen Gemeinden umgehen sollen. Solche Ansätze finden sich im Talmud eher nicht.

Damit will ich sagen: Zur Auslegung der Tora gehört die Erfahrung von allen Bevölkerungsteilen, nur so kann die Auslegung alle Facetten beleuchten. Frauen haben durch ihre eigenen Erfahrungen viel zur Auslegung der Tora beizutragen. Wenn wir als jüdische Gemeinde diese Erfahrungen hören und uns damit auseinandersetzen, bedeutet das eine grosse Bereicherung für die jüdische Auslegungstradition, und zwar salopp gesagt: eine Verdoppelung. Schon allein deshalb sollte es mit der Gleichberechtigung der Frauen beim Rabbinat vorwärtsgehen.

Im orthodoxen Gebetsbuch Sidur gibt es zum Beispiel diesen Satz:

«Gott sei Dank bin ich nicht als Frau geboren.»

Die Frauen sagen an dieser Stelle:

«Gott sei Dank hat mich Gott nach seinem Willen geschaffen.»

Es gibt inzwischen auch orthodoxe Gebetsbücher, die diesen Horrorsatz für die männlichen Beter weglassen. Ich meine, hier müsste man die Männervariante ersatzlos streichen und die Frauenvariante zum allgemeinen Satz machen. Was ist schlecht daran, wenn ein Mann Gott dafür dankt, dass er nach Gottes Willen erschaffen wurde?! Neuzeitliche Interpretation ist für alle Lebensbereiche möglich, besonders bei neuzeitlichen Fragestellungen aber wird sie essenziell, wenn wir wollen, dass Judentum modern gelebt werden kann. Solche Fragen sind z. B. Umweltschutz, Bio, Political Correctness und Geschlechtergleichberechtigung – wie finden diese Themen Eingang in die jüdische Welt?

Wenn man Diskriminierungen innerhalb einer Religionsgemeinschaft von den Grundrechten her angeht, kommt man zur Kollision zwischen Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaft (korporative Religionsfreiheit) und (internationalem) Gleichstellungsprinzip. Man könnte nach dem Verfahren der Güterabwägung zum Ergebnis kommen, dass das Gleichstellungsprinzip stärker ins Gewicht fällt als eine mehrhundertjährige Religionstradition. Aber halten Sie generell eine juristische Abklärung der Frauenfrage in den Religionsgemeinschaften für sinnvoll? Hat das Recht bei religiösen Inhalten überhaupt etwas zu suchen?

B. W.: Das Recht kann bei religiösen Inhalten sehr sinnvoll sein. Ein Schächtverbot ohne Betäubung des Tieres ist heute gut zu vertreten. Bei der Ämterbesetzung sehe ich es etwas anders. Eine Gemeinde sollte trotz dem gültigen Gleichstellungsprinzip selber bestimmen können, welchen Rabbiner sie anstellen will. Und wem es aus Gründen der Political Correctness nicht genügt, dass seine Gemeinde keine Frau im Rabbinat sehen kann/will, sollte sich wahrscheinlich eine Gemeinde suchen, in der diese Frage zugunsten der Frauen entschieden worden ist. Klein beigeben ist das eine, seine Überzeugungen konsequent leben das andere.

Ich vertraue darauf, dass steter Tropfen den Stein höhlt. In einem Gespräch hat mir ein orthodoxer Rabbiner einmal gesagt, er sehe auch im orthodoxen Rabbinat Aufgaben, die Frauen erfüllen könnten. Darauf habe ich ihm geantwortet, ich sei da ganz mit ihm einig: Alle – alle Aufgaben im Rabbinat können Frauen erfüllen. Dabei sage ich nicht, dass jede respektive jeder für alle Aufgaben gleich gut geeignet ist.

Man müsste vielleicht in einer grossen Gemeinde, die mehr als einen Rabbiner hat, ansetzen. So eine Gemeinde könnte mit gutem Beispiel vorangehen und sagen: Wir setzen unsere Rabbiner, egal ob darunter Frauen sind, nach ihren Qualitäten ein. Ich persönlich bin zum Beispiel eine mässige Seelsorgerin, aber eine sehr gute Lehrerin.

Ein Problem stellt die Anstellungspraxis dar. Orthodoxe Gemeinden stellen keine weiblichen Rabbiner an, weil es sie ja «eigentlich» gar nicht geben kann . . . Ein geschlechtsneutral formuliertes Stelleninserat einer orthodoxen Gemeinde wäre eine Lachnummer, denn es ist allen klar, dass diese Gemeinde einen Rabbiner sucht, der vom israelischen Oberrabbinat genehmigt worden ist.

Auch im Conservative Movement, das seit 1985 die Ordination von Frauen zu Rabbinern durchführt, beschweren sich Frauen darüber, dass man sie in den Gemeinden, die einen Rabbiner suchen, für das Bewerbungsgespräch zwar vorlädt, sie gleichzeitig aber immer noch spüren lässt, dass ihre Kandidatur von Anfang an chancenlos ist. Die Einladung zum Bewerbungsgespräch ist nur ein Zugeständnis an die Political Correctness . . .

Zwar kann es auch bei einem Mann viele Jahre dauern, bis er von einer kleinen Gemeinde zu einer grösseren oder gar grossen Gemeinde kommt. Aber punkto Zeitlauf müsste es nun so weit sein, dass auch weibliche Rabbiner bei den grossen Gemeinden «angekommen» sind. Doch die Zahlen sprechen (selbst in den USA) eine andere Sprache[2]: In der Schweiz bin ich immer noch die erste und einzige Frau, die als Rabbiner wirkt. In Deutschland war ich nicht die erste, aber lange Zeit die einzige.

Wenn sich eine Gemeinde in Richtung Gleichstellung überhaupt nicht bewegen will, gewisse Herrschaften ihre Privilegien mit «Powerplay» sichern, muss man als moderner Jude ihr vielleicht den Rücken kehren und in eine liberalere Gemeinde eintreten. Diese Alternativmöglichkeiten hat man heute. Ausserdem werden auch Prozesse durch Veränderungen bei der Infrastruktur ausgelöst. Wenn Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten wegen des Mitgliederschwunds nicht mehr ausgelastet sind, gibt es Annäherungen zwischen orthodoxen und liberalen Gemeinden. Allerdings in umgekehrter Richtung: Wo vor dreissig Jahren eine orthodoxe Gemeinde liberalere Kreise hinausmobbte, sind es jetzt umgekehrt die orthodoxen Gemeinden, die mit den inzwischen erfolgreichen, liberaleren Gemeinden zusammenarbeiten möchten. Es findet ein Kräftemessen unter den jüdischen Gemeinden der verschiedenen Richtungen statt, das nicht einmal unbedingt das Schlechteste ist, was der jüdischen Gemeinschaft passieren kann.

Bis anhin wurde auch in der juristischen Fachwelt die Güterabwägung nicht bis zu Ende geführt. Meist endete das Verfahren mit der Feststellung, dass das Selbstbestimmungsrecht einer Glaubensgemeinschaft ein starkes Gewicht habe. Welchen Stellenwert hat das Selbstbestimmungsrecht innerhalb des Judentums? Von wem innerhalb der Religionsgemeinschaft wird dieser Stellenwert definiert?

B. W.: Natürlich nehmen die Gemeinden für sich in Anspruch, ein Selbstbestimmungsrecht zu haben. Das wäre in Ordnung, wenn innerhalb der Gemeinde alle mitbestimmen könnten. Es gibt jedoch bis zum heutigen Tag jüdische Gemeinden in der Schweiz, in denen Frauen faktisch gesehen kein Stimmrecht haben. In diesen Gemeinden gilt Haushalt-Stimmrecht, also kein an die Person gebundenes Stimmrecht. Nur wenn eine Frau alleine in ihrem Haushalt lebt, kann sie eigenständig stimmen. Das ist aber keine klassische Geschlechter-Diskriminierung, sondern es ist noch schlimmer: Es wirkt sich letztlich als Diskriminierung verheirateter Menschen aus, was in einer Gemeinschaft, die das Familienleben so hoch schätzt, natürlich inakzeptabel ist. Faktisch ist es natürlich trotzdem eine Diskriminierung der Frau. Ich habe das Argument gehört, es könne doch nicht sein, dass in einer Familie verschiedene Auffassungen herrschen.

Bei der juristischen Güterabwägung werden die unterschiedlichen Interessen auf beiden Seiten gegeneinander abgewogen. Und zwar so lange, bis am Ende eine begründete Aussage dazu gemacht werden kann, ob die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaft oder die Durchsetzung des Gleichstellungsprinzips den Ausschlag gibt. Welche Kriterien und Argumente müssten dabei Ihrer Meinung nach berücksichtigt werden?

B. W.: Es gibt in der rabbinischen Tradition ein Prinzip, Dina d’malchuta dina, d. h., das Recht des Staates, in dem man lebt, ist gültig. Das in einem Staat geltende rechtlich kodifizierte Gleichstellungsprinzip zwischen Frau und Mann müsste via Dina d’malchuta dina auch in den jüdischen Gemeinden durchgesetzt bzw. selbstverständlicherweise angewendet werden. Da es sich bei Dina d’malchuta dina um ein rabbinisches Prinzip handelt, würden wir uns sogar bei der Durchsetzung der Gleichstellung in der klassischen jüdischen Tradition bewegen. Bei der Güterabwägung hätte also die Gleichstellung aufgrund dieser Vorrangregel ein starkes Gewicht. Die Vorrangregel bzw. das Prinzip müssten direkt auf die Frage angewandt werden, wie gestalten wir unser Gemeindeleben, damit die Frauen gleichberechtigt mitwirken können, sei dies nun im Gemeindegebet oder in anderen Aktivitäten der Gemeinde.

Das Interview mit Rabbinerin Bea Wyler wurde am 15. April 2013 in Basel geführt, wo sie beim Aufbau einer neuen liberalen Gemeinde mitwirkt.



[1] Vgl. dazu auch Wyler, S. 229 ff.

[2] Um das Jahr 2000 herum gab es weltweit etwa 600–800 weibliche Rabbiner; heute sind es wesentlich mehr. Das Reform und das Conservative Movement ordinieren inzwischen auch in Israel, Südamerika, London und Deutschland. Das Reconstructionist Movement bleibt auf die USA beschränkt. Die Orthodoxie ordiniert weiterhin keine Frauen. Wenn es einzelne orthodoxe Frauen mit rabbinischer Ordination gibt, so ist das immer «private» Ordination, also eine Ordination durch einen einzelnen Rabbiner, nicht durch ein Seminar; dies liegt durchaus im Rahmen der Möglichkeiten, wird heute aber selten angewendet (Auskünfte von Bea Wyler).

 

Glossar

Im Judentum gibt es unterschiedliche Strömungen. Einige akzeptieren kein weibliches Rabbinat, andere hingegen schon. So akzeptieren orthodoxe Strömungen (noch) kein weibliches Rabbinat. Im Reformjudentum praktizieren in beiden Untergruppen «Reform» und der progressiveren Richtung «Liberal» weibliche Rabbiner. Im Conservative Movement (steht zwischen Reform und Orthodoxie und ist halachisch, das heisst, religionsgesetzlich orientiert) werden Frauen beim Quorum im Gottesdienst (Minjan) mitgezählt; daraus abgeleitet die Möglichkeit, dass Frauen leitende Aufgaben, wie z. B. das Rabbinat, übernehmen können.

Minjan: Quorum von mindestens 10 religiös-mündigen Juden, die einen Gottesdienst bilden; in den orthodoxen Gemeinden werden Frauen nicht mitgezählt.

Tora: Im engeren Sinn: 5 Bücher Moses; im weiteren Sinn: ganze Hebräische Bibel und rabbinische Literatur bis heute.

Talmud: Mischna und Gemara bilden zusammen den Talmud, es gibt zwei Talmude: der ältere ist in Israel entstanden («Jeruschalmi» oder Palästinensischer Talmud, Endredaktion ca. 450 nach der Zeitrechnung), der etwas jüngere und massgeblichere ist in Babylonien entstanden («Babli» oder Babylonischer Talmud, Endredaktion ca. 550 nach der Zeitrechnung).

Dina d’malchuta dina: Rabbinisches Prinzip aus dem Talmud, wonach das Recht des Aufenthaltslandes zu beachten ist.

Rabbiner: Lehrer, der/die aufgrund seines/ihres Studiums der jüdischen Tradition einen Wissensvorsprung gegenüber den Gemeindemitgliedern hat und dieses Wissen im Dienste Gottes anwendet.

Halacha: Religionsgesetzliche Literatur, die nach Abschluss der Talmude in verschiedenen Zentren entstanden ist; der halachische Prozess ist nicht abgeschlossen.

Bar/Bat Mizva: «Sohn/Tochter des Gesetzes», Erreichen des Religionsmündigkeitsalters.


Zur Person

Bea Wyler, geb. 1951 in Baden (CH), Ausbildung zum Ingenieur-Agronom ETH, diverse Tätigkeiten im Medienbereich, Rabbinatsausbildung in London und New York, 1995 Ordination; Gemeinde-Rabbinerin in Oldenburg und Braunschweig und Uni-Dozentin für jüdische Studien; seit 2004 freiberuflich in der Schweiz als Rabbinerin tätig (für sich selbst verwendet die Theologin die Bezeichnung Rabbiner).

Zum Buch

Denise Buser, Neuland-Autorin und Titularprofessorin für kantonales öffentliches Recht an der Uni Basel, hat sich in ihrem eben erschienen Buch «Die unheilige Diskriminierung» mit dem spannungsvollen Verhältnis zwischen Gleichstellung und dem Selbstbestimmungsrecht von Religionsgemeinschaften (der so genannten Religionsfreiheit) auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ist dabei die römisch-katholische Kirche, die Frauen mit einer kanonisch-rechtlichen Bestimmung vom Priesteramt ausschliesst. Dieser Ausschluss verstösst gegen nationales und internationales Gleichstellungsrecht. Weil der Staat das Grundrecht der Religionsfreiheit zur Zeit höher gewichtet als das Gleichstellungsrecht, sieht er folgerichtig keinen Handlungsbedarf, der Gleichstellung innerhalb der römisch-katholischen Kirche zum Durchbruch zu verhelfen. In einer erstmalig durchgeführten, spannenden und anschaulich geschriebenen Güterabwägung zwischen Gleichstellungsprinzip und Religionsfreiheit kommt Denise Buser zum Ergebnis, dass die Gleichstellung von Mann und Frau höher zu werten ist als die Berufung auf eine sehr lange Tradition der männlichen Amtsausübung. Denise Buser ist mit ihrem Buch ein essentieller Beitrag zur Diskussion über das schwierige Verhältnis von Religion und Staat gelungen. Künftige Studien werden dieses Buch nicht ignorieren können. Wesentlicher Bestandteil des Buches sind drei Interviews mit drei Frauen in einem religiösen Leitungsamt. Es sind dies die römisch-katholische Priesterin (contra legem) Ida Raming aus Deutschland, die einzige Rabbinerin der Schweiz, Bea Wyler, und die muslimische Juristin und Islamexpertin Rajaa Naji El Mekkaoui aus Marokko. Das nebenstehende Interview mit Rabbiner Bea Wyler findet sich im rezensierten Buch. Judith Stofer

Denise Buser, Die unheilige Diskriminierung. Eine juristische Auslegeordnung für die Interessenabwägung zwischen Geschlechtergleichstellung und Religionsfreiheit beim Zugang zu religiösen Leitungsämtern, ReligionsRecht im Dialog Bd. 16, LIT Verlag, Zürich 2014, 101 Seiten. Das Buch ist auch als E-Book für 13.90 Euro erhältlich. 

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