Gruss aus London

Die Neue Ordnung

1 Typische Privat-Hecke Kopie

In den 1980er Jahren entfernte man aus Sicherheitsgründen alle öffentlichen Abfallkörbe, nachdem die Irish Republican Army (IRA) angefangen hatte, Bomben in den schwarzgestrichenen, gusseisernen Behältern zu verstecken.

Zwar ist London heute sauberer als früher und die Einwohner und Einwohnerinnen geben sich Mühe, ihren Müll nicht mehr so gedankenlos auf den Boden fallen zu lassen. Aber es ist eine Tatsache, dass man in London seinen Abfall länger mit sich tragen muss als anderswo. Zwar findet man ab und zu öffentliche Abfalleimer, vor allem in öffentlichen Parks oder in den Vororten der Stadt, aber dort, wo man sie wirklich braucht und erwartet, wie zum Beispiel im dicht bevölkerten Stadtzentrum und in der Umgebung von U-Bahn- und Busstationen, da findet man nichts.

Somit steckt man in der Not seinen Müll in die nächste Hecke. Die Hecken sind in London die kultivierten Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Lebensraum. Diese Hecken werden gehegt und gepflegt, man trimmt sie wie Pudel, regelmässig, präzis, und idealerweise von Hand mit der Gartenschere. Auf diese Weise erhalten sie ihre Dichte und ihren Charakter. Im speziellen Fall der Abfallentsorgung entpuppen sich die Hecken als Raum zwischen Himmel und Erde, der Öffentlichkeit und dem Privaten, der Gewissenlosigkeit und der Gewissenhaftigkeit.

Hecken bieten je nach Typ und Grösse Lebensraum für in der Grossstadt einheimische Säugetiere, für Reptilien, für Singvögel sowie für unzählige Insekten, Spinnen, Bodentiere, Kleinlebewesen und eben – für Abfall.

Abfall kommt von «fallen lassen»

Den Entscheid, beispielsweise eine leergetrunkene Dose in eine Hecke zu stecken, ist eine bewusste, reflektierte und bis zu einem gewissen Grad eine verantwortungsvolle Handlung, welche auf ein aufgeklärteres Umweltverständnis zurückgeführt werden kann. In dieser Beziehung ist das eigene Handeln individuell gestaltbar. Die Handlung unterliegt der persönlichen Dynamik unseres Verständnisses von Verantwortung und die Verantwortung beginnt mit der Erkenntnis. Der Schritt zu jeder Erkenntnis für eine «neue Ordnung» liegt bei jedem Menschen selbst.

Die Erkenntnis eine leere Bierdose in die Hecke zu stecken anstatt einfach so auf den Boden zu schmeissen, ist vielleicht einer der Gründe, weshalb London heute sauberer ist als auch schon.

PS: Im Hinblick auf die im Sommer stattfindenden Olympischen Spiele sind wieder vermehrt Abfallkörbe montiert worden …

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