ERSTE WAHL

Fundstücke

L’ESCALE – STOP-OVER

Der Westschweizer Filmemacher Kaveh Bakhtiari erzählt in seinem ersten langen Dokumentarfilm, der bereits mit zahlreichen Preisen und Nominierungen ausgezeichnet wurde und am 7. Februar in den Schweizer Kinos startet, von der alltäglichen Realität von Migrantinnen und Migranten, die an Europas Aussengrenzen stranden. Es sind die Menschen hinter den News, die hier zu Wort kommen: der Filmemacher interessiert sich für ihren Alltag, ihre Hoffnungen – und thematisiert auch die blanke Angst, welche diese jungen Menschen immer wieder überwinden. Ein Film, der mehr als unter die Haut geht – und einen fragen lässt, was wir dereinst jenen nach uns erzählen werden, von dem, was wir über die Situation gewusst haben – respektive wissen wollten über die Aussengrenzen Europas und die Leben jener, die hier Zuflucht suchen.

«L’Escale» ist dabei kein Film, der auf die Tränendrüsen drückt. Er überzeugt durch seine direkte Art, die filmische Prägnanz und Sorgfalt trotz spärlicher Mittel – und durch die Zeit, welche der Filmemacher zu widmen bereit war. Anita Hugi

Freud und Leid zwischen Staub und Kälte

Wie habe ich als zwölfjähriges Mädchen mit Giorgio, dem Jungen aus dem Verzascatal, mitgelitten, mitgefiebert und mitgefreut. Ich litt mit ihm, als er an den narbigen Kinderhändler verkauft wurde, in einer gefährlichen Reise nach Mailand kam und dort wiederum an einen Kaminfegermeister verkauft wurde. Als er als «spazzacamino» in den heissen, staubigen und engen Kaminen bis zum Umfallen schuftete und dafür wenig zu essen und nur ein feuchtkaltes Nachtlager erhielt. Ich fieberte mit, als Giorgio in einem verstopften Kamin fast erstickte. Ich freute mich, als Giorgio und seine Freunde sich zur Gruppe «die schwarzen Brüder» zusammenschlossen und sich gegen die Mailänder Jugendbande «die Wölfe» und die widrigen Lebensumstände zur Wehr setzten. Ich war tieftraurig, als Alfredo starb. Dass Giorgio am Ende als gemachter Mann in sein Heimatdorf Sonogno zurückkehrte, machte die Geschichte erträglicher, aber nicht weniger gesellschaftskritischer. Die Bilder, welche die Autorin Lisa Tetzner schuf, blieben mir haften. Und als der Zürcher Illustrator Hannes Binder das Buch «Die Schwarzen Brüder» als Bild-Roman herausgab, erweckte er mit seinen starken Bildern meine Bilder und Gefühle, die ich als Lesende hatte, zu neuem Leben. Dies ist dem Film von Xavier Koller nicht ganz gelungen. Auch die hervorragenden Schauspieler vermögen die Brüche im Film nicht ganz zu übertünchen. Anstelle des Priesters hätte man doch lieber den Arzt Casella gehabt. Die Figur im Buch ist differenzierter ausgefallen als die kitschige Version mit Priester im Film. Auch die keifende Karikatur als Ehefrau des Meisters ist misslungen. Judith Stofer

Lisa Tetzner + Hannes Binder; Illustrator: Hannes Binder, Die Schwarzen Brüder. Graphic Novel, Fischer Sauerländer, ISBN: 978-3-7373-6485-0, 28.90 Franken. 

 

FÜNF STIMMEN FÜR EIN GLORIA

pagare-zahltag

Die fünfköpfige A capella Gruppe Pagare Insieme ist seit über 10 Jahren in der Kleinkunst-Landschaft unterwegs und bringt ihr mittlerweile schon fünftes abendfüllendes und sehr unterhaltsames Programm auf die Bühne. Dieses Mal wagen sie sich in den Wilden Westen, einer Gegend in der einzig Mut, Mannhaftigkeit und bare Münze zählen.

Adrett gekleidet singen, spielen und reiten die fünf Darsteller so durch einen satirischen Helveto-Western, der mit mitreissender Honky Tonk-Musik, Saloon Raufereien, heissen Tanzszenen und einem packenden Duell aufwartet und dabei nicht nur die Lachmuskeln strapaziert, sondern auch so manche Schweizer Tugend ins Wanken bringt. Bravo! LouisaSchmitt

Termine: 7. Februar im Gleis 5 in Malters, 15. März im Carré noir in Biel, 4. April Stadttheater in Sursee, 17. April ONO in Bern, 2. Mai ImSchtei in Sempach, 17. Mai Südpol in Luzern und am 27. Juni Zeltainer in Unterwasser l Website: www.pagare.ch 

ZUR LAGE DER NATION

 

 

Neuland Drux

NEULAND gratuliert dem Filmemacher Maurizius Staerkle-Drux (*1988) aus Zürich, der an den Solothurner Filmtagen den Suisseimage/SSA-Nachwuchspreis für seinen Kurzfilm “Wenn der Vorhang fällt”gewonnen hat. Der 37-minütige Film erzählt von einem mit wenig Hemmungen ausgestatteten jungen Schauspieler (gespielt von David Berger), der für ein Vorsprechen am Theater aus der Schweiz nach Köln reist. Die Jury würdigte das Werk als «cleveren Dokfilm», der den Wahrheitsanspruch in der Kunst hinterfrage.

Maurizius Staerkle-Drux und David Berger sind Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste. l Website: www.maxdrux.com

BARACKE MIT HERZ

Herzbaracke

Seit 1999 schwimmt das hellblaue Häuschen nun schon auf dem Zürisee und begeistert mit einem vielseitigen Programm von Kabarett, über Tanz, Musik und Theater, gutem Essen und einem einzigartigen Ambiente nicht nur seine Gäste, sondern auch alle Flaneure der Uferpromenaden von Zürich bis nach Rapperswil.

Anfangs noch ein Geheimtipp, etablierte sich die Herzbaracke von Gründer Frederico Emanuel Pfaffen im Laufe der Jahre zu einem der interessantesten und begehrtesten Kulturorte entlang des Zürisee. Rechtzeitiges Reservieren ist empfehlenswert, aber selbst bei ausverkauftem Haus lohnt sich ein kurzer neugieriger Blick ins Innere dieser wunderbaren kleinen Oase, der das Herz höher schlagen lässt.

Immer von November bis März in Zürich (Bellevue), von März bis Ende April in Rapperswil, im September in Thalwil und im Oktober in Stäfa. Website: www.herzbaracke.ch

PUSSY RIOT – A PUNK PRAYER

Bei der russischen Performance-Gruppe Pussy Riot geht es vor allem auch um eine politische Haltung. Das wird auch im Film «Pussy Riot – A Punk Prayer»  des Russen Maxim Pozdorowkin und des Briten Mike Lerner deutlich.

Der Gerichtsprozess, der auf die Aktion von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale folgt, gemahnt an einen Hexenprozess. Das russische Fernsehen und Ultraorthodoxe hetzen gegen die angeklagten Frauen.

Beim Prozess, der zu einer Art Schauprozess hätte werden sollen, sind die Medien zugelassen. Was Präsident Putin jedoch wohl nicht erwartet hat: Die drei jungen Frauen benutzen den Gerichtssaal als Plattform und klagen in ihren Plädoyers ihre Ankläger an.

Die Filmaufnahmen aus dem Gerichtssaal zeigen eindrücklich, mit welcher inneren Kraft die Frauen, die wie Tiere in einem Käfig eingesperrt sind, gegen das Regime kämpfen.

Die beiden Pussy-Riot-Mitglieder Maria Alyokhina und Nadezhda Tolokonnikova  werden zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Zwei Monate vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi und drei Monate vor Haftende werden sie entlassen.

Der Film «Pussy Riot – A Punk Prayer» macht deutlich, in welchen Kontext die Aktionen der Frauen mit den farbigen Sturmhauben fällt und wie explosiv das Gefüge gesellschaftlicher Kräfte in Russland heute ist. Die Aufführung des Films wurde vor den Olympischen Spielen in Sochi in Moskau noch einmal verboten. Der Film ist an ausgewählten Festivals zu sehen sowie als Download oder als DVD im Handel erhältlich.

Offizielle Website zum Film «Pussy Riot – A Punk Prayer» Corinne Buchser

INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN – kostenloses E-BOOK zu Willi baumeister

Montaru mit Gondel – Willi Baumeister, 1954

Das Kunstmuseum Stuttgart ehrt einen besonderen Sohn der Stadt, der als einer der  wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit und als einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Malerei gilt, mit einer umfassenden und beeindruckenden Einzelausstellung, die erstmals auch seine internationalen Beziehungen mit Galeristen, Sammlern und Kunsthistorikern nachzeichnet: Willi Baumeister.

1889 in Stuttgart geboren, studierte Baumeister an der Königlich Württembergischen Akademie Stuttgart u.a. bei Robert Poetzelberger und Adolf Hölzel. Bereits als junger Künstler pflegte Baumeister enge Kontakte zu Kollegen im Ausland und stellte in den USA, Italien, Spanien, Frankreich und in der Schweiz aus. Von 1928 bis 1933 lehrt er an der Städtischen Kunstgewerbeschule (heutige Städelschule) in Frankfurt die Fächer Gebrauchsgrafik, Typografie und Stoffdruck bis er aber von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und als «entarteter Künstler» verfemt wird. Von 1943 bis 1945 verfasst er seine kunsttheoretische Schrift «Das Unbekannte in der Kunst», 1946 wird er als Professor für Freie Malerei an die Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Baumeister seine internationalen Verbindungen halten, weshalb sein bildnerisches und kunsttheoretisches Werk über die nationalen Grenzen hinweg bekannt wurde. Er war Mitbegründer der Künstlervereinigung «Üecht» und der Gruppe «Zen 49» sowie Mitglied in verschiedenen Zusammenschlüssen wie «Cercle et Carré». Am 31. August 1955 stirbt Willi Baumeister bei der Arbeit an der Staffelei.

Auch Baumeisters private Kunstsammlung, die unter anderem durch den wechselseitigen Tausch mit befreundeten Künstlern entstand, wird erstmals in Teilen ausgestellt. Sie umfasst Werke von Josef Albers, Hans Arp, Georges Braque, Carlo Carrà, Marc Chagall, Camille Graeser, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Le Corbusier, Fernand Léger, El Lissitzky, August Macke, Kasimir Malewitsch, Otto Meyer-Amden, Joan Miró, László Moholy-Nagy, Amédée Ozenfant, Pablo Picasso, Oskar Schlemmer, Kurt Schwitters, Michel Seuphor, Alexej von Jawlensky und Zao Wou-Ki. Die Schau entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Archiv Willi Baumeister, das seit 2005 Teil des Kunstmuseum Stuttgart ist und den Nachlass des Künstlers umfasst. Louisa Schmitt

Auf der Website www.willi-baumeister.org kann man sich  ein kostenloses E-Book zu Willi Baumeister herunterladen, das sehr, sehr schön geworden ist.

Die Ausstellung dauerte bis am 2. März 2014. Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart. Öffnungszeiten Di bis So 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 21 Uhr. 

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