Foto-Portfolio

Johnnie Walker on the beach

Es sind intime Momente im öffentlichen Raum, die Francisco Paco Carrascosa mit seiner kleinen Kompaktkamera während fünf Jahren eingefangen hat.

Geschichten, die das Leben schreibt

Ob in Japan, Spanien, Italien, in den Schweizer Bergen oder in Zürich, Carrascosa hat Menschen, Vögel, Hunde, Insekten, Szenerien, Landschaften und vieles mehr mit der Kamera festgehalten, manchmal aus der Hüfte, der Bewegung heraus und unscharf, und dann wiederum fokussiert, bedächtig und scharf. Zwischendurch erschrickt man beim Betrachten der Bilder, die im fünfbändigen Werk «Johnnie Walker on the beach» versammelt sind, weil der eine oder die andere der so Fotografierten, die sich vielleicht einen kurzen Moment lang unbeobachtet wähnten, direkt in die Kamera schauen und so signalisieren, dass sie das kurze aufblitzen der Kameralinse wahrgenommen haben und damit den Bild-Betrachterinnen und -Betrachtern zu verstehen geben, dass dieser voyeuristische Blick Grenzen überschreitet.

Carrascosas fünfbändiges Werk à je 528 Seiten ist Fotografie pur, fotografisches Geschichtenerzählen, visuelle Narration. Es sind, wie der Gründungsdirektor des Fotomuseums Winterthur, Urs Stahel, im spannenden Beiheft schreibt, «fünf Bücher zu je 528 Seiten (…), die zutiefst fotografisch und auch zutiefst voyeuristisch sind». Carrascosa sei einer, «der weder politisch korrekt noch sozial engagiert sein will, sondern seiner elementaren Schaulust folgt und wie ein Baudelair’scher Flaneur des 21. Jahrhunderts durch die Welt zieht». Bild an Bild reiht sich ans andere und nach einiger Zeit, wenn man sich denn in die faszinierende Bildwelt einlässt, ist man mittendrin in den Geschichten, die uns Carrascosa erzählt. Es sind, wie die Londoner Autorin Caroline Morpeth schreibt, Geschichten, die beginnen und enden, und es sind Menschen, die kommen und gehen. Morpeth: «Wenn ein Mensch vorbeigegangen ist, kommt bereits ein neuer. Und genau das ist die Metageschichte, die Carrascosa erzählt. Einzig mit den Mitteln der Fotografie hält er die fragile Schönheit und die armselige Hässlichkeit des Lebens fest – seine ausdrucksvollen Gesten, seine ereignislosen Momente, seine intime Wärme und seine gleichmütige Kälte, seine Zusammenhanglosigkeit und seinen Zusammenhalt. Wir sehen dem Leben zu, wie es wird.»

«Johnnie Walker on the beach» ist ein wunderbares Buch für Menschen, die sich gerne auf Geschichten und andere Menschen einlassen. Auch wenn die Bilder teilweise voyeuristische Grenzen überschreiten, so merkt man, dass da jemand fotografiert hat, der die Menschen und das Leben im Grunde genommen liebt.

Judith Stofer

 

 

Johnnie Walker on the beach von Francisco Paco Carrascosa, 5 Bände à 528 S., 2640 Abb. in Farbe, 1 Booklet s/w (32 S.), in Schuber. Herausgegeben und produziert von Irene Jost, Gestaltung: Emanuel TschumiTexte im Beiheft: Matthias Oberli, Caroline Morpeth, Urs StahelVerlag für moderne Kunst, Nürnberg 2014, ISBN 978-3-86984-361-2,limitierte Auflage 300 Ex., nummeriert/signiert, CHF 185.–.

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