Bienen

Zum Auftakt ein Super-GAU

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Bienensterben in der Welt, Bienenfilm im Kino, Bienenkästen überall – so heisst es. Wer imkert, lässt sich nicht auf ein trendiges Hobby ein, sondern auf ein bodenständiges Soziotop und viel Verantwortung. Unser Autor hält seit einem Jahr Bienen. Nun weiss er, was ein Super-GAU ist – und dass er verpflichtet ist, die «Schweizerische Bienenzeitung» zu abonnieren.

«To start from scratch» – seit diesem Jahr hat dieser Ausdruck eine neue Bedeutung. War es zuvor eine jener Floskeln, die man im Englischen leichthin  verwendet, aus Popsongs kennt, so wie «I climb any mountain», weiss ich nun, dass er der ganz eigenen Welt des Imkers  entstammen könnte, ähnlich wie das Wort «stockdunkel».

«To start from scratch» – für uns heisst das, sich tagelang dem Abkratzen hölzernen Materials hingeben, Wochenende für Wochenende. Sympathisches Material ist es im Grunde, das wir da bearbeiten: Aus Erlenholz sind die Wabenrahmen, aus Fichte die selbstgebauten «Schweizerkästen». Liebevoll gezimmert die Einrichtung unseres Bienenhauses – nun ist es verseucht, hochinfektiös. Wir sind Sperrbezirk. «Sauerbrut» lautet die ernüchternde Diagnose des zuständigen Inspektors. Wie das aussieht, was das für uns bedeutet, lesen  wir auf dem Plakat «Gefährliche Bienenkrankheiten», gleich neben dem Bieneninspektor an der Wand unseres Bienenhauses. Dass wir die Bienen töten müssen. Und wir aller Materie, mit der sie in Kontakt waren, mit Ätznatron und Desinfektionsmittel zu Leibe rücken. Seit ein paar Wochen erst versuchen wir uns als Jung-Imker. Was unseren Vorgänger zum Ende seines Imkerlebens frustrierte, das erleben wir gleich zum Auftakt.

Der Weg zum Bienenhaus

Das Plakat mit den Krankheiten, es gehört zum pauschalen Bienenhaus-Paket, wie die vielen anderen Details darin. Hübsch und verwunschen gelegen ist es, das Haus – und in einer überwältigenden Art komplett.

Behausungen für nicht weniger als 16 Bienenvölker beinhaltet es, und nicht zuletzt die einzigartige, rätselhafte Mixtur aus High- und Low-Tech-Utensilien. Wabenknecht, Bienentrichter, Radialhonigschleuder, Stockmeisel: Vokabeln einer Sprache, die inzwischen erstaunlich leicht über die Zunge geht. Alles Mögliche und Unmögliche wartet hier auf uns bis zum speziellen Klebstoff, mit dem wir eine Königin markieren könnten, wenn wir denn eine anträfen.
Ein Imker-Utensil jedoch besass ich schon in der Zeit davor. Einen sogenannten Smoker aus Metall, zum Befüllen mit einer brennbaren Kräutermischung, meine erste Ahnung von diesem Kosmos, hatten mir Freunde vor ein paar Jahren zum 40. Geburtstag übergeben. Offenbar hatte ich zweimal zu oft erwähnt, dass ich dereinst Bienen halten wolle.

Weil mich das ganze Paket von faszinierenden Dingen anspreche. Zuallererst die Kommunikation. Auch das Uralte, das noch immer Rätselhafte, das Poetische, nicht zuletzt das Existentielle des Bienenlebens. Das Fragen aufwerfende Gerät hatte seitdem im Bücherregal gestanden, für die letzte Phase des theoretischen Imker-Seins, dieser Zeit des Liebäugelns.

Es wird ernst

Diese Phase sollte mit meinem letzten Umzug enden. Kurz nach Einzug kommt mein Lieblingsmensch und künftiger Hilfsimker mit den Nachbarn ins Gespräch, erwähnt zufällig meine Ambitionen. Es stellt sich heraus, dass der über 80-jährige Altimker gleich nebenan nach einem Nachfolger Ausschau hält, bislang allerdings vergeblich. Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Kurze Zeit später ist bereits beim Altimker lobbyiert worden. «Seid Ihr die, die meine Bienen übernehmen?», pariert Edi unsere erste scheue Kontaktaufnahme.  Von da ist es nicht mehr weit zur Unterschrift genau jenes Vertrages.

Ein paar Treffen mit dem Imker und seiner Frau liegen dazwischen, das schon. Überzeugungsarbeit, Buhlen um Vertrauen. Ja, wir haben verstanden, dass Urlaubsreisen nur ausserhalb der Bienensaison in Frage kommen. Also von Oktober bis Februar. Einige Verabredungen bei den Bienen, später dann meine Zusicherung, das Imker-Einmaleins im bereits gebuchten Kurs bei den «Zürcher Bienenfreunden» zu erlernen. Eines Abends letzten Herbst bei einer Flasche Wein dann wird der Deal besiegelt: Geld gegen Bienenhaus. Übernahme samt Inhalt und acht Bienenvölkern. Edis Vater hat den Bienen das Haus eigenhändig gebaut, und er hat es aus dem Aargau hierher migriert, seine Bienen über 30 Jahre hierin gehalten. Er ist der letzte Imker dieses Dorfes. Bald werden wir es sein. Noch was: Wir müssen die «Bienenzeitung» abonnieren. Vorerst gibt er uns seine Ausgaben leihweise. Die Artikel darin heissen «Die Sauberbrut im Hinterkopf», «Liste der Gemeinden, in denen 2012 ein Einsatz von Streptomycin infrage kommt», «Speditives Drahten von Brutrahmen». Auch die «apistischen Beobachtungen» haben hier ihre Leser.

Die Stunde der Wahrheit

Der Winter bringt den «Schweizerischen Bienenvater». Ich gehöre zu den letzten, zu denen das fünfbändige Standardwerk unter diesem Titel kommt. Seit kurzem ist es umbenannt in «Schweizerisches Bienenbuch», womit die Herausgeber darauf reagieren, dass eine Domäne älterer Herren und kauziger Charaktere im Begriff ist, von Frauen und jüngeren Menschen unterwandert zu werden. Ausgestattet mit jahrhundertealtem Wissen erwarten wir aufgeregt unsere erste Saison. Die Stunde der Wahrheit, den Zeitpunkt im Frühling, wo die Bienenvölker ihren ersten Flug unternehmen.

 

Für uns markiert er den Augenblick, wo es ernst wird. Für die Bienen ist es der Moment, ihre Kotblase im Flug zu entleeren nach der langen Winterruhe – nach einem langen, sehr kalten Februar. Es passiert lange nichts, dann endlich erwacht eines unserer acht Bienenvölker. Bei zwei anderen nur zarte Anzeichen von Leben. Wenig Flugverkehr. Von Tag zu Tag wird wahrscheinlicher, dass wir nicht ausgespart werden von den harten Fakten. Fast die Hälfte der Schweizer Honigbienen haben diesen Winter nicht überlebt.

Wie lange sollen wir warten?  Ich frage meinen Vorgänger. Noch ein paar Tage, bis wir die Kästen gemeinsam öffnen. Der Anblick ist grausam, fünf Völker sind gestorben, die Kästen voller toter Bienen. Zwei Völker sind sehr schwach, ihr Gesumme ist kaum der Rede wert. Allein das Volk im Kasten No.1 macht den Eindruck eines gesunden Organismus. Dies ist der Anblick, der viele Imker in den letzten Jahren bewogen hat, alles hinzuwerfen. Und wer jetzt neu anfängt, lässt sich nicht auf ein harmloses Hobby ein, eher auf eine hoch verantwortungsvolle Tätigkeit, wo schon kleine Fehler über Leben und Tod im Bienenhaus entscheiden können.

Erklärungsversuche

Eines ist inzwischen klar, das Bienensterben hat viele Ursachen. Bei uns scheint es auf zwei Hauptgründe hinauszulaufen. Die Bienen sind nicht genügend gegen die notorische Varroa-Milbe  geschützt gewesen. Setzt man die Völker nicht ganz korrekt den gebotenen Säuren zu ihrer Bekämpfung aus – der richtige Zeitpunkt , die richtige Temperatur entscheiden – schaffen es viele Bienen schlicht nicht über einen langen Winter. Die faszinierende Traube, in der sie sich gegenseitig wärmen, ihre Positionen wechseln – mal aussen in der ungemütlicheren Zone des Klumpens, mal innen im Warmen –  ist dann nicht gross genug, um die nötige Temperatur zu halten. Die Körpertemperatur der Bienen liegt nah an der Körpertemperatur des Menschen.

Wahrscheinlich hat die Milbe auch mit dem zweiten Grund unserer Misere zu tun, der «Sauerbrut», dieser hochansteckenden bakteriellen Krankheit. Denn auch für Krankheiten sind die Insekten anfälliger, wenn die Völker durch die Milbe geschwächt und dezimiert sind. Eine von Milben befallene Biene lebt um mindestens einen Drittel kürzer. Kürzlich im Kino hat mir Markus Imhoofs Bienenfilm «More than honey» noch einmal plastisch vor Augen geführt, wie monströs «Varroa destructor» den Bienen zu Leibe rückt: Auf die Grösse des Menschen übertragen, hätte eine solche Milbe die Masse eines ausgewachsenen Kaninchens. Der Inspektor jedenfalls packt umgehend seine Gasflasche aus, um die beiden infizierten Bienenvölker vor unseren Augen «abzuschwefeln». Wie die Hinterbliebenen der bereits toten Völker empfiehlt er, auch sie nach dem verstörenden Schauspiel der Kehrichtverbrennung zuzuführen. Uns Jungimkern bleibt Volk No.1 – das erst einmal keine äusseren Spuren der Seuche aufweist. Wir sind uns einig, es zu behalten – trotz der Empfehlung der Behörden, alle zu liquidieren, sofern eine Befallsquote von über 50% vorliegt. Wir sind entschlossen, Volk No.1 zu retten.

Erste Hilfe

Während Edi ein paar unruhige Nächte hat, sehen wir, die Novizen, eher pragmatisch den angesagten Sanierungsprojekten ins Auge. Das eine betrifft das Bienenhaus: Komplett desinfiziert und akribisch von möglichen Erregern befreit muss es sein.  Ein Job, der uns über Wochen zwingt, immer wieder in Schutzkleidung zu steigen und das Innere möglichst vollständig mechanisch und chemisch zu reinigen. Unsere neuen Bienenvölker sollen von den verhängnisvollen Bakterien verschont bleiben. Die zweite Aktion betrifft die Rettung von Volk No. 1. Wir wollen nicht mit einem maroden Bienenhaus und Null Bienen starten. Und die einzige Chance, das zu verhindern, ist die drakonisch klingende Massnahme «Kellerhaft für Volk No. 1». Dafür soll das verbliebene Volk als «Kunstschwarm» in eine alte Schwarmkiste.

Was wir brauchen, saugen wir uns jeweils davor im abendlichen Schnell-Studium aus dem «Schweizerischen Bienenvater». Dazu noch Feinabstimmung mit dem Vorgänger. Dies ist der Einstieg in eine Reihe von Übungen, die wir künftig früh morgens vor der Arbeit absolvieren, ohne schon von Kenntnissen aus dem Kurs zu profitieren. Es macht anfangs etwas nervös, Tausende von summenden Insekten mit ein paar entschlossenen Faustschlägen auf den herausgenommenen Wabenrahmen in eine Kiste zu bugsieren. Wer dabei nicht mitkommt, wird im zweiten Durchlauf mit einer zarten Bienenbürste in die Kiste befördert. Anfangs habe ich noch wenig Gespür dafür, was so ein Bienchen im Grunde alles mitmacht. Ein Bienenvolk im dunklen Keller unseres Wohnhauses. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Mitbewohner im Haus ein ganz spezielles Erlebnis haben: eine Traube von mindestens 20’000 Bienen summt auf Knopfdruck, sobald jemand Licht anschaltet.

Die Kiste – so haben wir glaubhaft versichert – ist fest verschlossen. Drei Tage ohne Futter später soll Volk No. 1 alle potentiellen Sauerbruterreger ausgeschieden haben, bereit fürs Relogieren an den desinfizierten alten Ort. Auch dies am Morgen, wenn die Bienen am ruhigsten sind und am wenigsten aggressiv. Und eine solche Bienenoperation bitte nie unter Zeitdruck durchführen – denn sie spüren, wenn man Stress hat. Sie mögen keinen Schweiss.

Eine Übung in Gelassenheit, die nicht immer gut zu bewältigen ist.  Es geht nicht ohne Stiche, manchmal schaffen es ihre Stachel durch unsere Jeanshosen, und manchmal sind wir leichtfertig und tragen den weissen Schleier nicht, für kleinere Übungen. Unser Vorgänger trägt nie so einen, er hat seine Zigarre. «Stiche gehören einfach dazu», meint er. Wir werden das bald erfahren. Denn Volk No.1 scheint erstmal gerettet, doch für ein Volk lohnt der ganze Aufwand nicht, sagt Edi – und wir wollen ohnehin noch mehr Bienen.

Wie man sich ein Bienenvolk besorgt

Wer hätte ahnen können, dass die Warteliste der Zürcher Feuerwehr für Interessenten an eingefangenen Bienenvölkern für dieses Jahr schon geschlossen ist. Also sitzen wir um 22 Uhr abends im «Hirschen» in Egg, an der Generalversammlung des Bienenzüchtervereins des Bezirks Meilen. Ein Tipp von Edi, der gleich mitkommt. Während für jede anwesende Person eine üppige Wurstplatte serviert wird, versuchen wir, Kontakt mit verschiedenen erfahrenen Bienenhaltern aufzunehmen. Es sollte doch jemanden geben, der uns Novizen eines seiner Bienenvölker überlässt.

Für mich ist dies schon die zweite Veranstaltung dieser Art in dieser Woche. Es ist Saisonbeginn. Doch das Unternehmen stellt sich als chancenlos heraus. Zu vernichtend die Verluste nach dem letzten Winter, als dass jemand Bienen mit uns teilen wollte! Uns bleibt im «Hirschen» nur noch, dem Vortrag über bienenfreundliche Pflanzen zu folgen. Also doch auf eine Anzeige in der «Schweizer Bienenzeitung» reagieren, in Vals ein Bienenvolk erstehen und ins Unterland kutschieren? Zuvor jedoch noch ein Scan auf Imker im weiteren Bekanntenkreis. Der Götti einer Arbeitskollegin wäre eine Möglichkeit, ein Lebenskünstler am Walensee, den man ohnehin mal treffen sollte, nicht der ganz typische Bienenhalter. Doch auch er lässt wissen: keine Völker abzugeben. Vielleicht später im Jahr einmal einen Ableger.
Endlich Erfolg bei meinem Hilfsimker: Sein früherer Arbeitskollege ist Bio-Imker, und er ist tatsächlich bereit, uns eines seiner Völker zu überlassen. Sonntag abends soll der Bienentransport rollen, es ist ein Personenwagen, den wir flott machen. Was da verladen werden soll, ist keine kleine Kiste, sondern ein kompletter «Schweizerkasten», den der freundliche Imker uns gemeinsam mit seinem Bienenvolk – wohl sogar sein stärkstes – anvertraut. Die Ausmasse des Behältnisses erweisen sich als wenig rücksitztauglich, so dass wir es nur mit viel Kraft überhaupt ins Auto reinbugsieren. Auf der Fahrt ist auffälliges Gesumme zu hören – aus dem Passagierraum. Unser Transportmittel ist nicht ganz bienendicht. Die Aktion endet glücklich, aber nicht ohne Stiche. Es ist dunkel geworden, als die etwa 50’000 Bienen an diesem späten Sommerabend im Bienenhaus «einlogiert» sind. Rohe Zwiebel auf die Schwellungen hilft, bilden wir uns ein. Optisch gesehen hilft es nicht viel, und manche Schwellung ist einfach bizarr.

Fluglochbeobachtung

Den Kurs belegen wir schliesslich auch noch – nach all der Aufregung kann ein solider theoretischer Unterbau nicht schaden. Jeden zweiten Samstag heisst es nachmittags den launigen Ausführungen des Bolivianers zu lauschen, der als Schweizer Imker bestens integriert ist, als Botschafter des «Schweizerkastens». Quasi der Rest der Welt operiert mit Magazinkästen – also den simplen Kästen, die irgendwo draussen stehen. Wer seine Völker aber im Bienenhaus in den von hinten zu öffnenden «Schweizerkästen» hält, ist laut Carlos «per du mit der Königin». Der Leiter des Grundkurses 1 bei den «Zürcher Bienenfreunden» ist ein sympathischer Verfechter des intuitiven Imkerns.

Fast alles könne man durch Beobachtung ablesen, fast die wichtigste Tätigkeit des Imkerns sei die Fluglochbeobachtung. Ein Vorgehen, welches mir einleuchtet. Es gefällt mir, morgens mit einer Tasse Kaffee zum Bienenhaus zu schlendern und nach bedeutungsvollen Anzeichen zu schauen. Man muss sie nur lesen können, die Anzeichen, und das bringt uns Carlos bei. Auch, dass es fast so viele Meinungen gibt wie Imker. Es gilt zu lesen, wie sich die Bienen verhalten, was sie im Flug eintragen. Zu interpretieren, was am Morgen auf dem Flugbrett liegt. Seltsame Larven, tote Bienen: der Müll ist die Message. Alle wichtigen Botschaften wie Krankheitssymptome und Schwarmtendenzen kündigen sich hier an. Man kann alles wissen, ohne immer gleich die ganze Truppe auseinanderzunehmen. Denn jedes Nachschauen im Inneren des Bienenstocks kann als schwerwiegender  Eingriff an einem grossen Organismus verstanden werden. Doch auch den Praxisteil gibt es jeweils nach Carlos’ Vorträgen. Nebenan bei den lebenden Bienenvölkern, die eigens dafür da sind, uns zu schulen – auseinandergenommen und angeschaut zu werden.

Dass man die Bienen jedes Jahr mit Zuckerwasser abspeist, nachdem man ihnen den Grossteil des Honigs genommen hat, wird hier im Imkerkurs nicht hinterfragt. Carlos meint, man könne experimentieren und ihnen mehr Honig lassen. Der Kurs ist gut besucht, es sind auch Frauen und eine sehr junge Person dabei, und mein Hausarzt ist mir im neu stattfindenden Parallelkurs aufgefallen. Was wir bei Carlos lernen, haben wir oft in der Realität schon exerziert. Wir haben Volk No. 1 auf Krankheiten und Eiablage überprüft. Wir haben erfolgreich von Volk No. 2 – dem gekauften – Ableger gebildet. Wir haben die faszinierenden Königinnenzellen entnommen. Wir haben Königinnen mit dem zur Verfügung stehenden Klebstoff markiert – fast sogar eine, die gar keine war, sondern eine Drohne. Wir haben versucht zu verhindern, dass die Völker schwärmen. Inzwischen ist auch am Lehrbienenstand Sauerbrut ausgebrochen – es kann wirklich alle treffen. Wirklich nicht-intuitiv, das ist sicher, sollte man die Varroabekämpfung angehen, sie ist zentraler Lehrinhalt. Unsere Waffen sind biologisch, sie heissen Oxalsäure und Ameisensäure, die zu wählenden Kriegstaktiken «Stossbehandlung» und «Langzeitbehandlung». Man kann so oder so – und über Leben und Tod von eigenen Völkern entscheiden oft Nuancen.

Bestandeskontrolle ist Imkerpflicht

Das Jahr im Bienenkosmos hat mich herausgefordert und überwältigt. Schon die Schönheit des Wabenbaus allein kann einen mit den kompliziertesten Umständen versöhnen. Vor der Arbeit schlaftrunken in Schutzkleidung ungewohnte Aufgaben durchzuführen, erscheint mir nie als absurde Folge einer überstürzten Entscheidung. Eher als gelungener Einstieg in den Tag, als Übung darin, zur Ruhe zu kommen und über die perfekte Organisation der Bienen zu staunen. Die Biene jedenfalls ist keine Multitaskerin.

Was sie tut, das tut sie in ihrer kurzen Lebenskarriere der Reihe nach. Zuerst Zellen reinigen, dann Brut pflegen, später Wachs produzieren, Waben bauen, Futter verarbeiten, Wachen. Erst ganz zum Schluss wird sie Sammelbiene. Wir sind fasziniert, was in diesen Schweizerkästen vor sich geht. Und unsere Mitbewohner staunen über neue Geräte im Haus, die sie nicht verstehen, oder sie missdeuten unsere Behälter mit Zuckerwasser als Spülmittel für die Hausgemeinschaft. Sie werden auf seltsame Phänomene angesprochen, wie den über Pfingsten entflogenen Schwarm, als wir einmal über drei Tage in den Bergen waren.

Später suchen wir in der Nachbarschaft nach der Bienentraube, aber die Sache entwickelt sich zur Verlustgeschichte: ein Volk weniger wegen drei Tagen wandern.  Eines Tages berichtet meine Arbeitskollegin am Telefon live von einem Bienenschwarm. Diesen fängt der Hilfsimker eine Stunde später ein, vor den Augen der versammelten Nachbarschaft, mit Schutzanzug, Schwarmkiste und Wissen aus dem «Schweizer Bienenvater». Der Schwarm bereichert nun unseren Bienen-Gen-Pool. Und unseren Geschichtenfundus.


Denn mit dieser Aktion kann man fast jeden beeindrucken. Ist am Ende alles gut? Die Radialhonigschleuder zumindest haben wir in Gang setzen können. Volk No.1 hat sich so gut erholt, dass es immerhin für 20 Kilo gereicht hat. Lächerlich für alte Hasen – aber viel mehr, als wir erwarten durften. Fünf Völker sind es, die wir in den nächsten Bienenwinter schicken, melde ich den Behörden. «Bestandeskontrolle ist Imkerpflicht», so entnehme ich einer druckfrischen Ausgabe der «Schweizerischen Bienenzeitung».

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