Gassorgen?

Zeitzeugnisse zum Energiesparen

(Bild: Tanja Buchser)
(Bild: Tanja Buchser)

Wie bringt die Hausfrau genügend warme Mahlzeiten auf den Tisch? Die Gasrationierung im Zweiten Weltkrieg hatte in der Schweiz einschneidende Energiesparmassnahmen zur Folge. Eine alte Zeitung ruft den täglichen Überlebenskampf in der damaligen Zeit wach und zeigt: Wir schwimmen heute im Strom.

Der alte Dachboden mit den Mansarden und den vielen geheimnisvollen Winkeln ist verschwunden. Ich stehe inmitten von Trümmern: Um mich herum liegen Haufen von zerstörten Backsteinen und Fetzen von geblümten Tapeten. Aus dem Schutt ragt Schilf, das zum Isolieren gedient hatte. Die Geschichte des hundertjährigen Hauses hat sich in Staub aufgelöst. Staub, der sich auf der Haut, in den Haaren und auf den Kleidern absetzt. Der Geschmack der Vergangenheit dringt durch Mund und Nase ein.

Vorsichtig ziehe ich eine zerknüllte Zeitungsseite unter einer weggerissenen Holzschwelle hervor, fast ehrfürchtig halte ich das vergilbte Papier mit der alten, geschwungenen Schrift in der Hand. «1945: Gasrationierung, was nun?», heisst es darauf in dicken schwarzen Buchstaben. Es folgen Ratschläge, wie trotz der einschneidenden Energiesparmassnahmen genug warme Mahlzeiten auf den Tisch gebracht werden können (siehe unten).

Am selben Tag lese ich im Bund über die Folgen der AKW-Katastrophe in Fukushima. In diesem Zusammenhang wird auch auf Stromfresser im Haushalt hingewiesen. Die Tipps zum Stromsparen sind bekannt, werden jedoch kaum eingehalten: keine grossen TV-Geräte und Kühlschränke anschaffen, das Licht beim Verlassen des Zimmers löschen, Stand-by-Modus ausschalten, Kaffeemaschine nicht laufen lassen, Energieleiste einsetzen, Abwasch- und Waschmaschine füllen, Wäscheleine dem Tumbler vorziehen, Heizung nicht über 20 Grad einstellen.

Bevor die neu gelegten Rohre unter dem Verputz verschwinden und das Haus vollends ins Heute katapultiert wird, hinterlege ich den aktuellen Bund-Artikel als Zeitzeugnis unserer 6500-Watt-Gesellschaft.

Der Bund

Bern, Samstag, 3. März 1945

1945: Gasrationierung, was nun?

Ü b er l e g e n  u n d  U m s t e l l e n  w o l l e n

Frl. Dr. Ridli, die der Gruppe Hauswirtschaft des Kriegsernährungsamtes vorsteht, teilt der Presse zuhanden der Hausfrauen und Familienmitglieder mit:

G e s c h i d t e  H a u s f r a u e n

werden neben dem Gas andere Brennstoffe zum Kochen zuziehen. Ich denke dabei weniger an die Elektrizität, die uns sicher ein Hilfsmittel sein wird, die aber für die meisten Familien neue, recht hohe Ausgaben bedingt, als in erster Linie an die Ofenwärme. Die meisten Haushaltungen heizen heute ja mit Zimmeröfen.

M e n u g e s t a l t u n g

Es ist ausgerechnet worden, dass die zukünftige Gasration noch zu einer einzigen warmen Mahlzeit pro Tag ausreicht. Dabei ist allerdings an eine Mahlzeit gedacht, die eine relativ lange Kochzeit benötigt. In der Praxis wird sich die Hausfrau wahrscheinlich so einrichten, dass sie zwei- bis dreimal im Tag kocht, jedoch in ihrem Speisezettel nur rasch gekochte Gerichte einsetzt.

Wir werden mehr und mehr rohe Salate, rohe Obstplatten und andere nicht gekochte Speisen schätzen lernen. Das Nachtessen wird zur Hauptsache kalt sein, während des Winters noch ergänzt durch ein wärmendes Getränk. All dies verlangt von der Hausfrau viel Überlegung und von allen Familienmitgliedern den Willen zur Umstellung.

L e b e n s m i t t e l e i n k a u f  u n d  G e m ü s e r ü s t e n

Die Hausfrau kann schon beim Lebensmitteleinkauf auf eine kurze Kochzeit achten. Klein geschnittene Waren, also keine Teigwaren, Schnittböhnchen usw. sind rascher zubereitet als die gröberen Produkte. Gersten-, Hafer- und andere Flocken sowie Mahlprodukte aller Art brauchen eine kürzere Kochzeit als ganze Körner. Die Fabrikationsprogramme der Lebensmittelindustrie werden sich dieser Tatsache anpassen. Auch beim Kochen kann die Hausfrau dieses Prinzip benützen, indem Kartoffeln und Gemüse möglichst klein geschnitten werden.

Gasflamme, Kochkiste, Kochzeit

Sobald ein Gericht kocht, auf kleiner Flamme weiterkochen! (Die kleine Flamme braucht höchstens 1/7 des Gasverbrauches der grossen Flamme.)

Verwendung der Kochkiste (Anm. d. Red: wärmeisolierendes Behältnis, in dem kurz aufgekochte Speisen ohne weitere Energiezufuhr fertig gegart werden können). (Das Gericht vom Kochpunkt an 1/6 der üblichen Kochzeit in zugedeckter Pfanne kochen, dann rasch verschlossen in die Kochkiste stellen und während mindestens der doppelten üblichen Kochzeit darin stehen lassen.)

Sämtliche Mahlprodukte einweichen. Mehl, Erbsmehl und Suppenmehl usw. mit kaltem Wasser anrühren; Mais, Erbsgriess, Hafergrütze und Haferflocken usw. wenn möglich mit heissem Wasser übergiessen und einige Stunden quellen lassen.

Gemüse und Kartoffeln klein schneiden, Fleisch dünn geschnitten, geschnetzelt oder gehackt zubereiten.

Häufig Eintopfgerichte herstellen (dazu Kochkiste benützen).

Kartoffeln nicht gesondert, sondern auf dem Gemüse, mit dem Fleisch oder in der Suppe garmachen (gut schliessender Deckel).

Flüssigkeitsmenge knapp berechnen. (Teigwaren können z. B. mit gewürzter Flüssigkeit nur gut bedeckt werden, so dass am Ende der Kochzeit alles Wasser aufgesaugt ist.) Wird Kochwasser abgegossen, so soll es noch warm zu der gleichen Mahlzeit, z. B. als Suppe verwendet werden.

Gedörrte Gemüse, Hülsenfrüchte und andere Lebensmittel, welche eine lange Kochzeit verlangen, erst am Schluss der Kochzeit salzen.

Eine Pfanne mit Wasser auf ein schon kochendes Gericht stellen. (Das Gericht muss, wie z. B. Suppe, viel Flüssigkeit enthalten.) Nur wenig Wasser aufstellen, sonst ist der Gaskonsum grösser.

Beim Kochen und Essen möglichst wenig Geschirr benützen. Geschirr sofort nach dem Essen unter dem Wasserstrahl abbürsten. Einmal im Tag mit warmem Wasser abwaschen, fettig gewordenes Geschirr kann nicht kalt, sondern nur mit warmen Sodawasser reingemacht werden.

Zimmerböden täglich mit feuchtem, gut ausgewrungenen Lappen aufziehen, damit die gründliche Reinigung mit warmem Wasser weniger häufig nötig wird.

Dass die Speisen aus der Kochkiste geraten

Mit der Kochkiste kann eine Gasersparnis von 30 bis 45 Prozent erreicht werden. Die Kochkiste leistet vor allem gute Dienste bei der Zubereitung von Gerichten mit langer Kochzeit, wie Suppen, Siedfleisch, Eintopfgerichten, Hülsenfrüchten, Dörrgemüsen, eingesalzenen und eingesäuerten Gemüsen oder Dörrobst.

Die Vorbereitung der Mahlzeiten ist rechtzeitig zu überlegen. Gut verschliessbare Töpfe verwenden! Töpfe gut, jedoch nicht zu stark füllen. Kochkiste in der Nähe des Gasherdes bereitstellen, um sehr rasch einfüllen zu können.

Vorgekochte Speisen gut zugedeckt kochen lassen und kochend einfüllen. Topf mit zusammengelegten Zeitungen und Kissen oder Tüchern sofort zudecken und Kiste gut schliessen. Das Vorkochen erfordert einen Sechstel der erforderlichen Kochzeit, das Fertigkochen in der Kochkiste die doppelte Kochzeit.

Die Kochkiste dient zum Warmhalten der Speisen bei unregelmässigen Mahlzeiten. Speisezettel mit rohen Salaten und frischem Obst ergänzen.

Die Kochkiste ist nach jedem Gebrauch gründlich zu lüften und peinlich sauber zu halten. Jedermann kann sich eine Kochkiste selber anfertigen.

Antworten auf Fragen

Die Leitung des Kriegs-Industrie- und Arbeitsamtes hatte den Wunsch, die neuen Einschränkungen sollten bei allen Gaskonsumenten am gleichen Tag beginnen. Sie musste sich jedoch von seiten der Gaswerke überzeugen lassen, dass dies leider technisch nicht durchführbar ist. Es wird somit vorkommen, dass einzelne Abonnenten sich vor andern an die gekürten Quoten werden halten müssen. Diese bedauerliche, aber offenbar unvermeidliche Ungerechtigkeit soll dadurch wieder ausgeglichen werden, dass bei später einmal möglichen Lockerungen die erhöhten Quoten den Abonnenten in der gleichen Reihenfolge zugesprochen werden.

Die Kriegswirtschaft war immer bestrebt – versicherte Direktor E. Speiser der Presse -, bei allen notwendig gewordenen Einschränkungen den Weg zu Ausweichmöglichkeiten offen zu lassen und zu ebnen. Im Falle des Gases gibt es deren nicht viele. Sollte uns der Vorwurf gemacht werden, wir hätten nicht rechtzeitig für eine bessere Versorgung des Landes mit im eigenen Land erzeugter Elektrizität gesorg und den Ausbau des Verteilnetzes und die Versorgung mit Apparaten vernachlässigt, und dass deshalb den Haushaltungen nicht besser ausgeholfen werden könne, so dürften wir mit Recht antworten, dass wir seit Beginn der Kriegswirtschaft immer bestrebt waren, nach Kräften die Mehrproduktion an eigener «weisser Kohle» zu fördern. Wenn hier nicht das Maximum des Möglichen oder Wünschbaren erreicht worden ist, so liegt dies an von uns unabhängigen Schwierigkeiten, zum Beispiel bei Verhandlungen über Konzessionen. Bei Materialzuteilungen zum Bau neuer Zentralen, zur Erweiterung des Verteilnetzes und zur Herstellung von Verbrauchsapparaten sind wir unter Berücksichtigung aller andern dringenden Bedürfnisse an die Grenze des Möglichen gegangen. Die Kriegswirtschaft kann hier kein Vorwurf treffen, sie habe nicht langfristig geplant.

Die für unsere Handelsbeziehungen mit dem Ausland verantwortlichen Instanzen sind sich der Notlage bewusst. Trotz allen Hindernissen wird versucht, mit allen in Frage kommenden Lieferanten-Ländern zu Abmachungen zu kommen, und überall wo sich wenn auch nur bescheidene Möglichkeiten zeigen, wird verhandelt.

Rezepte für kurze Kochdauer

G e m i s c h t e r  G u l a s c h

Man dreht einige Rübli, das Helle von zwei Lauchstengeln, ein Stückli Knollensellerie (alles vorher zerschneiden) durch die Maschine. 250 Gramm zartes Ochsenfleisch schnetzelt man fein und bratet es in etwas Fett unter ständigem Wenden schnell ab. Fügt den Gemüsebrei zu und lässt alles in geschlossener Kasserolle 10 Minuten dämpfen. Gibt etwas Salz, Pfeffer und Paprika bei. Den Inhalt einer Büchse Erbsli schütte man auf ein Sieb und übergiesst sie mit heissem Wasser, bevor man sie «gut abgetropft» beimischt.

R o h e  A p f e l s p e i s e

Rohe Aepfel reibt man fein, süsst sie mit etwas Birnendicksaft. Ein Eigelb rührt man schaumig und mischt 100 Gramm frischen Quark darunter sowie einige Esslöffel Tagesrahm, mischt die Masse unter die Aepfel und zieht zuletzt den steifen Eischnee darunter. Eine Tortenschüssel belegt man dicht mit in Süssmost getauchten Zwieback und füllt die Apfelmasse glatt darüber.

H a f e r f l o c k e n – S u p p e  m i t  A e p f e l n

100 Gramm Haferflocken setzt man mit 5 ungeschälten, in kleine Stückli zerteilten, entfernten Aepfeln und 1 Liter Wasser auf, gibt eine Prise Salz zu und kocht sie 15 Minuten. Rührt die Suppe durch den Passevite, süsst sie mit etwas Birnendicksaft und 1 Glas Süssmost und kocht sie nochmals 5 Minuten, bevor man sie über zerbröckelten Zwieback anrichtet.

L a u c h g e m ü s e  m i t  H a c k f l e i s c h

Man schneidet den Lauch in Rädchen (Hartes für Suppe aufbewahren) und kocht in wenig sprudelndem Salzwasser 5 Minuten. Lässt den Lauch, vom Feuer genommen, noch weiter 5 Minuten in der heissen Brühe stehen, bevor man ihn abtropfen lässt. Gibt etwas Fett in die Pfanne und rührt 2 Esslöffel Tomatenpurée durch, fügt 150 Gramm gehacktes Fleisch, etwas Salz und Pfeffer zu und dämpfe es unter Rühren kurz ab. Legt den abgetropften Lauch zu. Fügt einige Esslöffel Lauchbrühe bei, deckt die Pfanne und dämpft das Gericht 15 – 20 Minuten.

R ü b l i p f a n n e

Man nimmt zweit Drittel Kartoffeln und ein Drittel Rübli. Die rohen, geschälten Kartoffeln schneidet man in dünne Stengli, die Rübli raffelt man. Mischt beides und fügt etwas Salz und 2 Esslöffel gehackte Petersilie bei. In einer grossen, flachen Pfanne röstet man kleine Speckwürfel aus, gibt ½ feingehackte Zwiebel zu und füllt die Gemüse bei. Brät sie unter Wenden einige Minuten ab. Deckt die Pfanne. In einem Schälchen rührt man 1 Esslöffel Trockenei (Anm. d. Red: Trockenei resp. Eipulver wurde im Zweiten Weltkrieg als Kriegsration oder bei Unterversorgung verwendet) 1 Esslöffel Mehl und rührt beides mit 1 grossen Tasse Milch glatt, würzt mit etwas Salz und Pfeffer. Gibt das Umgerührte mit einer Gabel auf die Speise, hilft mit einer Gabel nach, dass die Flüssigkeit eindringt, deckt die Pfanne zu und dämpft das Gericht in 15 – 20 Minuten gar.

R a n d e n s p e i s e

(mittags für den Abend bereiten). Man schneidet gekochte Randen in Stengli, ebenso einige Aepfel. Mischt beides. Fügt 2 Esslöffel Kapern, etwas geriebene Zwiebel, feingehackten Schnittlauch, wenig Salz, Pfeffer zu. Das Ganze wird mit etwas Tagesrahm und Essig nach Geschmack angemengt.

B o h n e n  m i t  C e r v e l a t s

(mittags für den Abend bereiten). Man mischt abgetropfte Küchenbohnen (1 Kilogramm) mit enthäuteten, in Scheiben geschnittenen Cervelats. Füg feingehackten Schnittlauch, etwas geriebene Zwiebel, Salz und Pfeffer zu. Verrührt 1 Teelöffel Senf mit einigen Esslöffeln Tagesrahm, würzt mit etwas Essig und mischt die Sauce unter das gemischte Gemüse.

Bundesamt für Statistik: Energie

www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/08.html

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