Büchertipps

Für heute und immer…

Zeichnung: Lena Eriksson.
Zeichnung: Lena Eriksson.

Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons

Charlotte Simmons, der hochbegabten Streberin aus dem Kaff hinter den Bergen, erfüllt sich der grosse Lebenstraum: sie darf endlich an der traditionsreichen «Dupont University» studieren. Doch statt der Einweihung in nobelste geistige Gefilde erwarten Charlotte ganze Eimer von Dreck, Alkohol, Sex und (anderen) Enttäuschungen. Universitätssatire und Gesellschaftsbild auf Amerikanisch: sehr komisch und bitterböse…

(Aus dem Amerikanischen von Walter Ahlers. Heine Verlag, München 2005)

Fritz Raddatz: Tagebücher, 1982-2001

Der kontroverseste und virtuoseste Intellektuelle Deutschlands, ehemals Feuilletonchef der ZEIT, seziert den gesamten bundesrepublikanischen Kulturbetrieb, den er (leider) zu intim kennt. Keine Beschönigungen. Alle kommen dran. Von Grass über Hochhuth, Kempowski, Gräfin Dönhoff, Enzensberger und Augstein bis zu Ranicki (in beliebiger Reihenfolge): «Gestern Abend Grass zum Essen, ein Besuch, vor dem ich mich leicht gegrault hatte: Ich kann ja nicht lügen und sein Buch loben, (…) andererseits will niemand zu einem Abendessen geladen werden, um sich anhören zu müssen, er habe Mist geschrieben (fände ich umgekehrt auch nicht amüsant.)»

(Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010)

Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther

Ein narzisstisch gestörter junger Mann verliebt sich in ein anmutig-umwerfendes Mädchen, das gerade Brot schneidet, um es an eine Schar Kinder zu verteilen. Dieser Anblick schliesst so starke Synapsen, dass Werther dafür bereit ist, alles zu ruinieren, sogar sein eigenes Leben. Lotte, so heisst die Frau, ist nämlich schon fest an einen bodenständigen und lebenstüchtigen Streber vergeben. – Der Sturm und Drang-Bestseller, der nach dem Erscheinen im Jahr 1774 einen regelrechten Werther-Boom auszulösen vermochte,  bleibt ein unheimlich starkes Leseerlebnis, dem man sich in seinem Sog nicht entziehen kann; eigentlich mögen sogar Deutschlehrer den «Werther», natürlich, ohne es zuzugeben.

(Reclam Verlag, Stuttgart, neueste Auflage)

Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen

«Das Orangenmädchen» ist die wunderschöne, tief berührende Geschichte eines langen Abschiedsbriefs, durch den das kurze gemeinsame Leben noch einmal wach wird. Den Brief hinterlässt ein Vater seinem jugendlichen Sohn namens Georg. Zugleich ebnet der Brief Georg den Aufbruch ins Erwachsenenalter. Das Rätsel der leitmotivischen Orangen sei hier nicht verraten… (Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. dtv, Müchen 2005)

Henning Köhler: Vom Rätsel der Angst

Henning Köhler sagt mit diesem schmalen Büchlein alles Wichtige zum Thema «Angst»: Die Theorien sind anthroposophisch gefärbt, aber nicht im Rudolf Steiner-Jargon verfasst und somit gut verständlich. Das Angst-Phänomen (es geht Köhler nicht um spezifische Phobien) wird zunächst begrifflich eingekreist, weiter geht der Autor auf Angsterlebnisse und ihre Qualitäten ein. Besonders wertvoll sind die Kapitel über «Angst und Schlaf» sowie «Angst und Sinneswahrnehmung». – Ein Buch für alle Schiffbrüchigen quälender Lebens-Angst. Kein simpler Ratgeber, vielmehr Einführung ins Verständnis einer menschlichen Grundbedingung. (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1992)

Dan Diner: Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt

Der Historiker Diner (Professor für Neuere Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem) entwickelt und begründet sehr überzeugend seine Argumente für den (relativen) Stillstand in der islamischen Welt (wobei der «Arabische Frühling» zur Zeit der Publikation noch nicht begonnen hatte). Diner sieht in seiner Kernthese das Phänomen der Entwicklungshemmung und der daraus resultierenden fundamentalistischen Bewegungen nicht im Islam per se begründet, sondern in der Omnipräsenz des Sakralen, das nahezu alle Lebensbereiche durchdringt. – Die hohe Leseanforderung wird belohnt durch präzise Einsichten in den aktuellen Diskurs. (List, Berlin 2007)

Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels

In dem Vierpersonenstück, uraufgeführt im Dezember 2006 in Zürich, geht es um zwei Elternpaare, die sich zur Schlichtung einer Prügelei ihrer Kinder zusammensetzen, um alles ganz vernünftig zu bereden. Ferdinand hatte nämlich Bruno ins Gesicht geschlagen, wodurch dieser zwei Schneidezähne einbüsste. – Das einvernehmlich beginnende, nette Wohnzimmer-Gespräch gerät, mehrmals beinahe freundlich beendet, durch kleine, spitzige Bemerkungen und penible Überempfindlichkeiten vollkommen aus den Fugen. Die Vorhänge der feinen Zivilisiertheit fallen, die Hinterbühne wird zum offenen Schlachtfeld, auf dem die Eltern ihren «Gott des Gemetzels» anrufen. – Wieder ein vollkommenes Reza-Buch, ebenso genial im Film «Carnage» (Regie: Roman Polanski; grossartig durch Christoph Waltz und Jodie Foster!) umgesetzt.  (Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Libelle, Konstanz / Lengwil 2006)

Max Frisch: Homo faber. Ein Bericht

Der Ingenieur Walter Faber wird auf einer langen Reise vom funktionierenden, blinden  Ignoranten – zum gereiften Menschen, der das Leben sehen lernt. Doch der Preis dafür ist enorm hoch… Eine Geschichte über die Annäherung an die eigenen Triebe, den Schatten und die Angst vor dem unkontrollierbaren Schicksal. Eine moderne Ödipus-Variante. Max Frisch sagt darin alles, was die männliche Psyche im Kern ausmacht. (Suhrkamp, Frankfurt am Main, neueste Auflage)

Markus Werner: Die kalte Schulter

Ein zögerlicher Kunstmaler, Moritz Wank, – ebenso scharfsichtig wie misanthropisch – findet endlich Halt, Liebe und Glück in der lebenstüchtigen Zahntechnikerin Judith.  Sie, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, zeigt ihm die leichte Kunst zu leben. Doch dann schlägt das grausame Schicksal die Türe zu. – Eine der schönsten, intimsten  Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur. (Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011)

Christoph Meckel: Gedichte (z.B. aus dem Band «Souterrain»)

Bärenfalter, unsere Haustiere, lautlos / und hell an den Mittagen, dass wir zu träumen glaubten. / Ahorn im Wind und Kastanien im Regen – Ruhe / machten den Herbst, den Schlaf / die Umarmung einzig, als hätte / die Erde noch einmal begonnen, schön zeitlos und haltbar.

Meckels Gedichte sind zarte Bilder von Glück, Endlichkeit und Verlust. (Zitiert aus «Souterrain». Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1987)

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