LEBEN IN SREBRENICA HEUTE

«Wie sollen wir diese Geschichte unseren Kindern erzählen?»

amra begic

Amra Begić, 1978 in Srebrenica geboren und aufgewachsen, war 1995 während des Massakers von Srebrenica in Tuzla und musste im serbischen Fernsehen mitansehen, wie die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen nichts unternahmen, als die serbische Armee den Genozid vorbereitete. 2002 kehrte Amra Begic nach Srebrenica zurück. Die Journalistin Renate Metzger-Breitenfellner kennt Amra Begić schon lange, ihre Geschichte erzählte sie aber erstmals im Dokumentarfilm «Srebenica 360°».

«Meine kleine Welt ist in Ordnung. Mit meiner Familie, meiner Mutter, meinem Ehemann Edin und meinen beiden Kindern Ilvana und Kerim lebe ich in der Stadt Srebrenica. Doch hier ist nichts einfach, gar nichts. Wir leben mit den Erinnerungen, mit der Geschichte. Und ich bin wirklich nicht sicher, ob es richtig war, in diese Stadt zurückzukehren. Irgendwann werden uns die Kinder fragen, warum wir hier sind. Wir werden ihnen eine Antwort geben müssen. Ich will nicht, dass meine Kinder hassen, bevor sie angefangen haben zu leben. Aber ich will auch nicht, dass sie die Geschichte vergessen, das Massaker von Srebrenica, den Völkermord.

Und wie sollen wir ihnen diese Geschichte erzählen? Es gibt dafür keine schönen Worte. Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder Freundschaften schliessen kann. Richtige, dauerhafte Freundschaften, meine ich. Das Leben hat mich dazu gezwungen, immer wieder von vorne anzufangen. Nichts hatte je Bestand. 1978 bin ich hier in Srebrenica geboren und aufgewachsen, gemeinsam mit meinen beiden Schwestern. Eine lebt heute in Schweden, eine in Tuzla. Wir telefonieren regelmässig, ich bin froh, dass es ihnen gut geht. Meine Mutter arbeitete in einer Metallfabrik, mein Vater im Crni Guber, im Heilbad. Ich besuchte die Volksschule. Dreizehn Jahre lang führten wir ein normales Leben. Ich war ein glückliches Kind. Ich ging zur Schule, spielte mit meinen Schwestern, mit meinen Freundinnen. Dann brach der Krieg aus und mein Vater schickte mich nach Tuzla. Dort besuchte ich den medizinischen Zweig der Hauptschule, schloss neue Freundschaften, musste diese aber wieder aufgeben, weil ich nach Sarajevo übersiedelte. Dort beendete ich die Schule und studierte später Kriminologie. Nach dem Fall von Srebrenica lebte ich mit meiner Mutter und meinen Schwestern in einem Privathaus in der Nähe von Tuzla, danach in einem Flüchtlingscamp. Es gab dort auch glückliche Momente, obschon wir uns gemeinsam mit 15 anderen Personen ein Badezimmer teilen mussten. 2003 kehrte ich nach Srebrenica zurück.

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Seit 1994 bin ich mit meinem Mann Edin zusammen. Ich habe mein Leben immer genau geplant, wollte nichts dem Zufall überlassen. Den ersten Kuss, die Hochzeit, das erste Kind, das zweite. Heiraten wollte ich erst, wenn ich eine Arbeitsstelle hatte; weil ich wusste, dass ohne Geld auch die Liebe verschwinden wird. Das ist immer so – und das wollte ich nicht riskieren. 2005 begann ich als Übersetzerin im Memorial Center zu arbeiten, 2006 haben wir geheiratet, 2007 kam Ilvana zur Welt, 2011 Kerim. Edin lebt in Tuzla, meine Mutter, die Kinder und ich wohnen in unserem Elternhaus in Srebrenica. Ab und zu gehe ich mit Kolleginnen einen Kaffee trinken, plaudern, ein Eis essen. Aber richtige Freundinnen und Freunde haben wir nicht mehr. Wir leben hier Tag für Tag und Woche für Woche – und hoffen darauf, dass sich die Situation bessert. Dieses Leben ist nicht das, was wir irgendjemandem wünschen – schon gar nicht uns selbst. Ein Treten am Ort. Ein Leben ohne Vertrauen in den Nachbarn. Ein Leben ohne Visionen – und ohne Perspektiven. Die Menschen hier beschäftigen sich mit Dingen, die sie nicht ändern können. Das ist sinnlos. Sie haben keine Arbeit, kein Geld. Sie sind abhängig von Hilfe von aussen. Das ist kein gutes Leben.

Wir haben noch eine kleine Wohnung in Tuzla. Ich bin gerne dort. Sie ist voller Kerzen. Ich liebe Kerzen – obwohl sie im Islam keine Tradition haben. Tuzla ist eine sehr lebendige Stadt mit vielen Studentinnen und Studenten, mit Menschen, die offen aufeinander zugehen. Dort ist das Leben anders als hier. Ich habe jetzt – nach der Geburt meines Sohnes im November 2011 – ein Jahr lang Babyurlaub. Den werde ich in Tuzla verbringen. Und Kraft tanken für die Rückkehr nach Srebrenica.

Denn die Menschen, die hierher zurückkehren, müssen stark sein. Es ist schwer auszuhalten, Tag für Tag mit dieser schrecklichen Geschichte konfrontiert zu werden. Ich bin eine starke Frau. Und ich denke, dass ich anderen Menschen dabei helfen kann, dieses Leben hier zu ertragen. Ich hoffe es zumindest.

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Das Memorial Center, in dem ich arbeite, ist ein sehr spezieller Ort: Hier, in der alten Batteriefabrik, war das Hauptquartier der Vereinten Nationen, hier war das Dutchbat stationiert, das niederländische Blauhelm-Bataillon. Viele Besucherinnen und Besucher kommen hierher, sie tragen sich ins Gästebuch ein, schauen die Ausstellung an, den Film. Und sie lassen sich berichten, was sich zwischen 1992 und 1995 hier abgespielt hat. Es ist nicht einfach, diese Geschichte immer und immer wieder zu erzählen und die Ereignisse Revue passieren zu lassen; zu erzählen, wie wir überlebt haben. Ich war damals nicht hier, ich lebte in Tuzla. Aber meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und alle anderen Familienmitglieder waren in Srebrenica. Wir alle glaubten an die niederländischen Blauhelme, wir glaubten daran, dass uns die Vereinten Nationen beschützen würden, dass wir hier, in der Enklave Srebrenica, in der UN-Schutzzone, sicher seien. Im serbischen Fernsehen sahen wir Berichte, dass die bosnisch-serbische Armee die Stadt umzingelt hatte, dass etwas im Gange war – und dass die Vereinten Nationen nicht reagierten. Deshalb überlegte ich mir, ob ich nach Srebrenica fahren und meine Familie besuchen sollte. Ich war sehr besorgt. Am 11. Juli aber berichteten die bosnischen Fernsehstationen, dass alles ok und unter Kontrolle sei. Ich war glücklich, ging mit Freunden aus, wir tranken Kaffee zusammen. Drei Stunden später erfuhr ich, Srebrenica sei von Mladićs Truppen erobert worden – und dass die Menschen versuchten zu überleben. Irgendwie zu überleben.

Meine Familie befand sich gemeinsam mit 25 000 Menschen – darunter Alte, Kranke, Behinderte und Verletzte – auf dem Gelände der Batteriefabrik. Die bosnisch-serbischen Soldaten erzählten ihnen, dass sie mit Bussen ins freie Territorium transportiert würden. Sie sagten, zuerst wolle man Kranke, Verletzte, Frauen und Kinder evakuieren, danach Männer und Knaben. Am 12. Juli war mein Vater an der Reihe. Er erinnerte sich an den Zweiten Weltkrieg – und wusste, dass das das Ende war. Er gab meiner Schwester seine Tasche mit den Worten: «Jetzt ist alles aus.» Es tut ihr heute noch leid, dass sie diese Tasche – in der noch etwas zu essen gewesen wäre – genommen hat. Wir haben unseren Vater seither nie mehr gesehen. Die Truppen von Ratko Mladić brachten alle Männer und Knaben weg, einige waren erst elf, zwölf Jahre alt, andere waren älter als neunzig. Für Männer zwischen 20 und 65 Jahren gab es kein Pardon: Sie wurden alle abtransportiert. Auch mein Grossvater und 26 meiner Cousins wurden damals auf Lastwagen und in Busse verladen und weggeschafft. Diejenigen, die noch auf den Transport warteten, erkannten rasch, dass die bosnischserbischen Soldaten gelogen hatten: Die Fahrzeuge fuhren zwar Richtung Bratunac – und damit auch Richtung freies Territorium. Doch bereits 45 Minuten später kamen sie leer wieder zurück. Es wäre unmöglich gewesen, in dieser Zeit das freie Territorium zu erreichen …

Nachdem die Menschen draussen abtransportiert worden waren, befahlen die bosnisch-serbischen Soldaten den Blauhelmen, die Flüchtlinge, die im Inneren des Hauptquartiers untergebracht waren, ebenfalls hinauszuschicken. Die Blauhelme bildeten einen Korridor, den die 6000 Menschen passieren mussten, und auf dem Weg zur Türe forderte man sie auf, all ihrer persönlichen Sachen, speziell Identitätskarten und Ausweise, in ein grosses Feuer zu werfen. Auf die Frage, warum sie das tun müssten, antworteten die Soldaten: «Ihr braucht sie nicht mehr.» Die Blauhelme hörten die Antwort – und spätestens dann müssen sie gewusst haben, dass diese Menschen umgebracht werden sollten. Sie schritten jedoch nicht ein. Sie taten, was Mladić befohlen hatte – und schickten unsere Männer in den sicheren Tod. Einige der Männer – die genaue Zahl ist unklar, es waren zwischen 100 und 400 – schickten sie zum weissen Einfamilienhaus auf der anderen Straßenseite. Dort brachte man sie auf grausamste Art und Weise um: Sie wurden gefoltert, zerstückelt, man schlug ihnen die Köpfe ab. In der Nähe war eine Wasserstelle, an der die Flüchtlinge ihren Durst stillten. Sie alle sahen, dass das Wasser nicht mehr weiss, sondern rot war. Rot vom Blut ihrer Ehemänner, Väter und Söhne.

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Das Memorial Center und seine Angestellten werden vom Staat Bosnien und Herzegowina bezahlt. Für neue Projekte müssen wir Geld beschaffen. Wir möchten aus dem gesamten Areal, das sind mehr als 40 000 Quadratmeter, ein Museum machen. Das heisst, wir müssen sämtliche Gebäudeteile renovieren. Das wird viel Geld kosten – wir rechnen mit 15 bis 20 Millionen Euro. Wir werden Schritt für Schritt vorgehen. Zuerst die Projektskizze erstellen, danach das Gesamtprojekt in kleine Einzelprojekte unterteilen, dabei Prioritäten setzen – und für die Einzelprojekte das Geld beschaffen. Ich bin sicher, dass sich der Aufwand lohnt. Immerhin kommen pro Jahr durchschnittlich 100 000 Menschen hierher, um sich zu informieren. Wenn wir nichts tun, wird das Gebäude verfallen, die Graffitis werden verschwinden – und damit würde ein Stück Geschichte verloren gehen. Der Beweis dafür, dass die niederländischen Soldaten die Tage gezählt haben, bis sie wieder nach Hause gehen konnten. Aber auch ein Hinweis darauf, wie ein Teil von ihnen über bosnische Frauen gedacht hat, aber auch über die Vereinten Nationen. «UN = United Nothing». Dieses Graffiti gefällt mir am besten. Es drückt in Kurzform die totale Ohnmacht aus, das Versagen der Internationalen Gemeinschaft. Es erzählt in zwei Worten die ganze tragische Geschichte von Srebrenica im Jahr 1995.

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Als ich hier anfing zu arbeiten, hatte ich eine Kollegin, die hiess Ćamila Omanović. Sie war eine mütterliche, liebenswerte Frau mit langen roten Haaren und blitzblauen Augen, die Schwester von Abdulah Purković, dem Hotelbesitzer, den hier alle kennen. Sie hatte in Tuzla Volkswirtschaft studiert, dabei ihren Mann Ahmet, einen Chemiestudenten, kennengelernt, ihn drei Jahre später geheiratet. Beide fanden Arbeit in Srebrenica: sie als Chefbuchhalterin in der Bremsenfabrik, er als leitender Ingenieur in der Zinkfabrik. 1977 wurde Dermina geboren, 1981 Dermin. Das Glück war perfekt. Doch es sollte wenig mehr als zehn Jahre dauern. Gemeinsam mit ihrer Familie hatte Ćamila die Entwicklungen im Juli zwar besorgt beobachtet – war jedoch überzeugt davon, dass diese Kämpfe und die Schiessereien nur vorübergehend und schnell zu Ende sein würden. Doch auch die Omanovićs landeten schließlich in Potočari – und musste ausserhalb des Gebäudes bleiben. Sie wurden nicht eingelassen. Ćamila war Mitglied einer Delegation, die am 12.Juli 1995, nach dem Fall von Srebrenica, ins Hotel Fontana nach Bratunac gefahren wurden, um mit Ratko Mladić zu verhandeln. Begleitet wurde sie damals von Nesib Mandžić, Direktor des Gymnasiums, Ibro Nuhanović, Fabrikdirektor aus Vlasenica und Vater von Hasan Nuhanović, der als Übersetzer für die Niederländer arbeitete, Oberstleutnant Tom Karremans und zwei niederländischen Offizieren. Die Gruppe wollte Ratko Mladić davon überzeugen, den Menschen in Potočari zu helfen, sie mit Wasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln zu versorgen – oder sie wenigstens möglichst schnell nach Tuzla zu bringen. Mladić hielt Reden – und machte der Delegation klar, dass es für die Muslime nur eine Möglichkeit gab zu überleben: Sie mussten Srebrenica verlassen.

Ćamila war aufrichtig, unerschrocken – und überhaupt nicht feige. Trotzdem hatte sie in diesen Julitagen schreckliche Angst. Angst um das Leben ihrer Familie und um ihr eigenes. Sie war überzeugt, dass Mladić sie und ihre Lieben umbringen lassen wolle, weil sie ihm gesagt hatte, die Frauen und Kinder aus Srebrenica seien doch unschuldig, er solle ihnen helfen, weil sie ihn angefleht hatte, die Gefangenen zu verschonen, und weil sie beteuert hatte, unter ihnen seien weder Soldaten noch Politiker. Einen Tag nach dem Gespräch mit Mladić – nach einer schlaflosen Nacht, in der sie immer wieder Schreie, Stöhnen, Gewehrsalven und Flüche gehört hatte – bestieg sie mit Dermin, Dermina und dem vier Monate alten Naser den Bus nach Tuzla. Ein Soldat sprach sie an. Er gab ihr eine goldene Halskette, ihrer Tochter einen Ring – und ermahnte sie, gut auf die Sachen aufzupassen, in Bratunac würde jemand danach fragen. Ćamila ahnte, was das bedeutete: Sie und ihre Tochter waren «markiert» worden, sie würden Tuzla nie erreichen. Ćamila war entsetzt und verzweifelt. Sie nahm den Schmuck, sprang aus dem Bus, verliess ihren Sohn, ihre Tochter und ihren Enkel, und rannte zurück zu den Blauhelmen. Sie war ausser sich, sie schrie und weinte. Als man ihr nicht helfen wollte, organisierte sie ein Seil, band das eine Ende um einen Balken, das andere um den eigenen Hals – und sprang in die Tiefe.

Doch der Selbstmordversuch misslang. UN-Soldaten retteten Ćamila das Leben. Sie hatten den Vorfall durch das Fenster beobachtet und schnitten den Strick ab. Die Schwestern von «Ärzte ohne Grenzen» kümmerten sich um sie und brachten sie fünf Tage später mit einem Konvoi des Internationalen Roten Kreuzes in Sicherheit. Später zeigte sich, dass Ćamila mit ihrer Vermutung recht gehabt hatte: Die ganze Zeit über suchten Mladićs Männer nach ihr, sie telefonierten, kontrollierten die Busse, sogar die Krankenautos. Und fragten gezielt nach ihr und ihrer Familie. Ćamila, ihre Kinder und ihr Neffe überlebten den Krieg, ihr Ehemann wurde ermordet. Ćamila kehrte viele Jahre später nach Srebrenica zurück, sie sagte in Den Haag beim Prozess gegen General Radislav Krstić, den Kommandanten des Drina-Corps, als Zeugin aus. Sie arbeitete im Memorial Center, zeigte den Film, erzählte die Geschichte. Im Sommer 2009 erlitt sie einen Hirnschlag, lag zweieinhalb Wochen im Koma – und starb. Zwei Tage später hätte sie in Sarajevo erneut vor Gericht erscheinen und aussagen sollen … Ćamila fehlt mir sehr. Sie war eine grossartige, eine wunderbare Frau. Mit ihrem Humor konnte sie mich immer zum Lachen bringen – auch dann, wenn ich wieder einmal im Büro sass und weinte …

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Es ist schrecklich, sich immer wieder erinnern zu müssen. Es ist schrecklich, diese Geschichte zu erzählen – für die es keine schönen Worte gibt. All diese Geschichten, all diese Schicksale. Wie die Geschichte meines Vaters. Im November 2008, in der Nacht von Sonntag auf Montag, träumte ich: Ich saß mitten in einem Massengrab und sammelte die Knochen meines Vaters ein. Als ob ich gewusst hätte, welches sein Oberarm ist, sein Bein, sein Arm, sein Kopf. Am nächsten Tag erzählte ich meinem Chef davon und er riet mir, die Internationale Kommission für vermisste Personen anzurufen. So erfuhr ich kurze Zeit später, dass die Überreste meines Vaters gefunden worden waren. Als ich die Papiere unterschreiben und seine Armbanduhr, sein T-Shirt und seine anderen Sachen identifizieren musste, erzählten mir die Behörden, wo er wahrscheinlich getötet worden war und in welchem Massengrab man seine Knochen gefunden hatte. Ich versuchte, Zeugen von damals zu finden – und trat via Internet in Kontakt mit zwei Überlebenden. Sie erzählten mir, man habe die Gefangenen nach Grbavći gebracht, das ist ein kleines Dorf in der Nähe von Zvornik, und sie im Turnsaal einer Volksschule eingesperrt. Sie hörten Maschinen, hörten, dass draussen gearbeitet wurde. Es muss schrecklich gewesen sein für sie. Sie müssen furchtbare Angst ausgestanden haben. Am Abend kamen die Soldaten, verbanden ihnen die Augen, gaben ihnen ein wenig Wasser und brachten sie zum Hinrichtungsplatz. Sie mussten sich in einer Reihe hinstellen, wurden von hinten erschossen. Dann kontrollierte man, ob jemand überlebt hatte. Jenen, die sich noch bewegten, jagte man eine Kugel in den Kopf. Mein Vater starb an einem solchen Kopfschuss. Wahrscheinlich hat er versucht, sich tot zu stellen. Denn das war die einzige Möglichkeit, um diesem Schlachten zu entgehen. Sie haben ihn trotzdem erwischt. Und wir haben ihn verloren.

Einzelne Überlebende erzählten, sie hätten sich tot gestellt – und seien schon nach kurzer Zeit von toten Kollegen bedeckt gewesen. Diese Toten hätten ihnen sozusagen das Leben gerettet … Sie warteten das Ende der Hinrichtung ab und schleppten sich ins nahe Gebüsch oder in einen Wald. Von dort beobachteten sie, wie bosnisch-serbischen Soldaten die Leichen auf Lastwagen warfen und abtransportierten. Einer der Zeugen berichtete, dass Ratko Mladić selbst an diesen Exekutionen beteiligt gewesen sei, sie höchstpersönlich überwacht habe. «Eure Regierung will euch nicht mehr, also muss ich das Problem für sie lösen», soll er damals gesagt haben. Und dann wurde geschossen. Sie haben alle muslimischen Gefangenen erschossen. Sie haben sie eiskalt hingerichtet. Und dann wie Tiere verscharrt. Und das sollen wir unseren Kindern erzählen? Wie? Es gibt hier noch viele andere Geschichten. Erinnerungen, die so grausam sind, so unmenschlich, dass man sie niemandem zumuten kann. Aber wir haben sie erlebt. In unseren Köpfen sind diese Bilder von damals verankert. Sie werden uns ein Leben lang begleiten. Immer und überall. Wir können ihnen nicht entkommen. Mein Vater wollte hier in Srebrenica bleiben, wollte seine Heimat nicht verlassen. Er war ein guter Mann, von ihm habe ich Englisch gelernt, er war kein Soldat, sondern Zivilist. Er hatte kein Gewehr, er wollte nicht kämpfen, er wollte nur zu Hause bleiben. Und deshalb musste er sterben. 2009 kam er zurück. Seine Gebeine ruhen auf dem großen Friedhof in Potočari.

Auch ich bin zurückgekehrt. Indem wir hier sind, können wir zeigen, dass wir überlebt haben. Dass es Mladićs Truppen nicht gelungen ist, uns auszurotten. Dass wir nach wie vor hierher gehören und hier zuhause sind. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, weit weg zu sein, nichts mehr von dieser Geschichte erzählen zu müssen, nicht immer wieder das Grauen der Vergangenheit zurückzuholen. Nicht mehr diese Luft hier zu atmen, die geschwängert ist von der Verzweiflung und der Angst, von den Schreien und den Tränen von 1995, gesättigt vom Geruch nach Tod und Verwesung. Doch wir sind hier und müssen uns der Situation stellen. Müssen dieses Leben aushalten. Können nur hoffen, dass die Kriegsverbrecher von damals gefasst, vor Gericht gestellt und bestraft werden. Es gibt Menschen, die sagen, man dürfe die niederländischen Soldaten nicht verantwortlich machen für das, was damals passiert ist: für das Massaker, den Völkermord. Diese Menschen sagen, die Niederländer seien zu jung gewesen, hätten zu wenig Erfahrung gehabt, sie hätten um ihr Leben gefürchtet. Und wir? Die Vereinten Nationen waren gekommen, um uns zu beschützen. Wir vertrauten Ihnen, unsere Männer gaben die Waffen ab. Die UN-Truppen hätten mehr tun können, sie hätten mehr tun müssen. Sie waren für uns verantwortlich. Und sie haben versagt. Was wäre passiert, wenn wir uns selbst verteidigt hätten? Diese Frage stellen wir uns seit 16 Jahren immer wieder. Hätten wir eine Chance gehabt? Wären all die Väter, Ehemänner und Söhne noch am Leben?

Am 21. Juli 1995 hatte das Bataillon III seine Mission offiziell beendet. Die Männer kehrten nach Zagreb zurück und feierten ein grosses Fest. Wie konnten sie nur? Sie sangen, sie tanzten und sie tranken. Sie feierten, dass sie überlebt hatten. Doch uns hatten sie im Stich gelassen. Sie hatten Mladićs Truppen bei der ethnischen Säuberung des Gebietes geholfen, die Männer von Srebrenica dem Verderben ausgeliefert. Im Dezember 2006 wurden die Blauhelme vom niederländischen Innenministerium ausgezeichnet. Sie erhielten Medaillen für ihren Einsatz, ihre Tapferkeit. Und wir? Wie ist so etwas möglich? Wie sollen wir diese Geschichten unseren Kindern erzählen?»

* Ausschnitt aus dem Buch von Renate Metzger-Breitenfellner und Conny Kipfer (Fotografie), Srebrenica. Und was kommt morgen?, Rex Verlag, Luzern 2012, ISBN 978-3-7252-0933-0, www.rex-buch.ch.

Das Buch «Srebrenica. Und was kommt morgen?» porträtiert in Wort und Bild das Leben in einer Gemeinde, in der das Massaker von 1995 nichts von seinem Schrecken verloren hat, im Alltag überall spürbar ist und das Zusammenleben prägt.

Texte und Fotografien sind eine Begegnung mit Frauen und Männern, mit dem Land, mit der Erinnerung an Gestern, dem Leid der Mütter, mit dem Grauen – aber auch mit der Hoffnung auf ein besseres, ein friedliches Leben.

Die Journalistin Renate Metzger-Breitenfellner und die Fotografin und Filmerin Conny Kipfer haben in den letzten Jahren immer wieder mit den Menschen in Srebrenica über ihr Leben, ihre Angst, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte gesprochen und ihnen bereits im Dokumentarfilm «SREBRENICA 360°» eine Stimme gegeben.

Iren Meier, ausgezeichnet für ihre engagierte Berichterstattung aus dem Bosnienkrieg, schreibt im Vorwort: «Sind wir als Journalistinnen diesem größten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gerecht geworden in unserer Arbeit? Sechzehn Jahre später und um viele Erfahrungen in Konflikt-und Kriegsgebieten reicher denke ich: Es war unmöglich. Wir können als Außenstehende, als Zeugen, als Beobachterinnen weder den Krieg, noch die Vertreibung, noch die Unterdrückung irgendwo auf der Welt adäquat beschreiben. Wir sehen nur die Konturen und geben diese Umrisse wieder. Ahnungen, Annäherungen, Andeutungen. Was es heißt, vertrieben zu werden von seinem Land, aus seinem Haus, aus seinem Dorf, das weiß nur der Vertriebene selbst. Der Boden muss sich unter einer Mutter auftun, wenn ihr Sohn von ihr weggerissen und auf einen Lastwagen gestoßen wird, der mit den Männern an einen Ort fährt, wo sie ermordet werden. Diesen Abgrund kennt nur diese Frau. Wir kennen ihn nicht.»

Termine

Lesungen

– 15. November, Kirchdorf an der Krems, Oberösterreich, Stadtbibliothek

– 16. November, Linz an der Donau, Details ab September unter www.remeb.ch/agenda

Filmvorführung SREBRENICA 360° und Gespräch

– 22. November, Sursee, Details ab September unter www.freiraum-sursee.ch oder www.remeb.ch

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