Alfonsina Storni

«…sag ihm, sein Drängen sei umsonst, ich sei verreist…»

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Sie blies neuen Wind in die Literatur und Literatenszene Südamerikas. In ihrer zweiten Heimat Argentinien und in ganz Südamerika sind Werk und Leben der vor 120 Jahren geborenen Schweizerin Alfonsina Storni Kulturgut. Eine Hommage an die Dichterin, Journalistin und Feministin.

Sie ist zwar Tessinerin, aber im Werk von Alfonsina Storni ist Schweiz kein definierter Begriff. «Das Land des Leidens im Kontinent der Liebe» sei ihre eigentliche Heimat, stand in La Razón: «Traurige, aschgraue und gleichförmige Strassen, durch die zuweilen ein Zipfel Himmel blinzelt, deine dunkeln Fassaden und der Asphalt über dem Boden haben meinen schüchternen Frühlingsträumen den Garaus gemacht.»

Gemeint sind damit die Strassen von Buenos Aires. Die Post von Argentinien hat die Dichterin mit einer Briefmarke geehrt. In vielen Städten benennt ihr Name wichtige Strassen. Ihre Gedichte sind von schwermütigen Sprachfarben gesättigt und trotzdem dezidierte lyrische Manifeste gegen die Gefühlsarmut in der patriarchalischen Gesellschaft, die das Leben in den spanischsprachigen Ländern Südamerikas bestimmt. In den letzten Jahren haben deshalb vor allem auch feministische Zirkel den Kopf der Storni auf ihre Fahne gemalt.

Am 22. Mai 1892 ist sie in Sala Capriasca im Tessin geboren worden. Weil ihr Vater Mitbesitzer einer Soda- und Bierfabrik in San Juan war, wanderte die Familie nach Südamerika aus. Aber bereits im Jahr der Jahrhundertwende machte das väterliche Unternehmen Bankrott. Alfonsinas Auffassung vom Mann mag mitgeprägt worden sein von der Qual, bereits im Mädchenalter mitansehen zu müssen, wie die Schwermut ihren Vater befiel und wie er sich vom Alkohol Befreiung von diesem Leiden erhoffte. Unter solchen Voraussetzungen musste er auch das Café, das er in Rosario eröffnet hatte, nach wenigen Jahren wieder aufgeben. Von jetzt an war es Aufgabe der Mutter Alfonsinas und ihrer Schwester, den Unterhalt der Familie mit Näharbeiten zu sichern.

Die Mutter war es auch, die ihren Kindern den Zugang zur Welt der Musen, zu Kunst, Literatur und Theater geöffnet hat. Sie unterhielt in San Juan einen «Salon», in dem sich die kulturell aktiven Bewohner der Stadt zu Musik, Rezitationen und Diskussionen trafen: ein anregendes Zentrum des geistigen Lebens. Auf der Suche nach Sinnerfüllung schloss sich Alfonsina bereits als Fünfzehnjährige einer Theatertruppe an und zog mit ihr als Schauspielerin durch die Städte Argentiniens.

Während dieser Wanderjahre mag sie viele der Erfahrungen gesammelt haben, die sie in ihren Gedichten dann Sprache werden liess. Spürbar ist der Zwiespalt zwischen den idealistischen Zielen der jungen Künstlerin und den Konventionen, die einzugehen die Gesellschaft sie zwang, im ersten Gedichtband La inquietud del Rosal von 1916. Zwei Jahre später ist aus dem Unbehagen in derlei Zwängen bereits subtile Rebellion geworden. Diesen Schritt belegt der Band El dulce Daño von 1918.

Was in Liebesgedichten da angeschlagen wird, löst sich in Trauergesang über die zerfetzten Ideale. Und selbst der Wille, sich aus den Schlingen der Leidenschaften freizukämpfen, bringt nicht die erhoffte Abgeklärtheit und Ruhe, sondern führt unweigerlich weiter zu Willenlosigkeit und Schicksalsergebenheit. Weltschmerz ist der Beiklang Zeilen: «Überlegen bin ich dem Durchschnitt der Männer, die umgeben; physisch aber, als Frau, bin ich ihre Sklavin, ihr Modell, bin Ton in ihrer Hand. Frei kann ich den Mann nicht lieben: zu gross ist mein Stolz, mich ihm zu unterwerfen.»

Obwohl ihr schauspielerisches Talent von Publikum und Rezensenten gewürdigt wurde, zog sich die Unstete vom Theater zurück. In Rosario liess sie sich zur Lehrerin ausbilden. Schwanger musste sie von Rosario ins ungeliebte Buenos Aires übersiedeln.

Verse an die Traurigkeit von Buenos Aires heisst das Gedicht, dessen Ton sich über ihre Existenz legt. Den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind bestritt sie mit Büroarbeiten. Die Beachtung als Dichterin, zu der ihr der erste Gedichtband verholfen hatte, mehrte nun – wie es bekanntlich nur in Lateinamerika geschehen kann – ihr soziales Prestige, so dass sie als Leiterin an ein Internat berufen wurde und Mitarbeiterin wichtiger Zeitschriften werden konnte. In ihren journalistischen Arbeiten untersuchte sie die Rolle der Frau vor dem Gesetz, ihre Funktion in der Gesellschaft, ihr Eingreifen in die Entwicklung der Kultur. 1923 wurde sie Dozentin an der Fremdsprachenhochschule.

Ihr 1920 erschienener Gedichtband Languidez wurde gleich mit zwei wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, dem Premio Municipal und dem 2. Premio Nacional. Zehn Jahre dauerte es, bis sie zu neuen Preisehren kam. Die Einladung zu Lesungen und Vorträgen in Spanien benutzte sie zu einem Besuch in Paris und im Tessin. In der Schweizer Literaturzeitschrift «Orte» findet sich dazu der eher lapidare Satz: «Als sie 1930 einen nicht übel dotierten Literaturpreis erhielt, benutzte sie ihn, um zu ihrem Geburtshaus in Sala Capriasca zu fahren und in diesem auf den Estrich hinaufzusteigen, auf dem sie einst Träume träumte, die nie Wirklichkeit werden sollten.» Languidez jedenfalls, dessen Titel zwischen Hinfälligkeit und Schlaffheit pendelt, macht deutlich, dass für sie Liebe immer nur als Enttäuschung erlebbar ist. Und dass sie im Mann stets nur eine Eigenschaft entdeckt: Verständnislosigkeit für das Wesen der Frau. Ihr mit Wehmut oder verhüllter Wut vorgetragenes Thema transportiert sie im 1925 erschienenen Band Ocre mit unerwarteter Ironie. «Um dem Kompass aller Dinge zu folgen / versuchte ich in der Hast der Zeit / zu denken, zu kämpfen, mit andern zu leben, / als winzige Schraube der Welt.» Diese leise Ironie ist allerdings in den neun Jahren bis zum Erscheinen ihres nächsten Buches verflogen, denn El mundo de siete pozos zeigt eine bedrohliche und bedrohte Welt, farblos und deprimiert. Der Kern jener romantischen Poetik, der in ihren frühen Bänden noch Natur als reinigende Kraft bestehen liess, ist jetzt zerstampft. Der Ort ist jetzt die Stadt. In ihr wohnt nichts als Einsamkeit. Eine Kulisse bei Probenlicht.

Die Sprache muss da formelhaft bleiben und abstrakt, als gälte es die Tonlage vorzubereiten für den letzten Band Mascarilla y Trébol von 1938. Jetzt fordert Alfonsina Storni den Leser und seine Aufnahmebereitschaft stark, bis sie ihn einbezogen in die hermetische Welt dieser Gedichte. Ihr Weg aus dem lateinamerikanischen Postmodernismo hat sie nun zu einer privaten Avantgarde geführt. Da gibt es keine gefühlsmässige Einstiegshilfe mehr in diese verschlüsselte intellektuelle Zeichenwelt, die aus Assoziationen gebaut ist, die Bestandteile aus Mythen, Psychologie, Symbolarsenal und Zitatenschatz verbinden. Die Befreiung der Sprache wird ihr da erklärtermassen zum wichtigen Schritt hin zur Befreiung der Frau.

Sie gehe schlafen, schrieb sie zum Abschied im Sonett Voy a dormir, denn «unheilbar krebskrank und liebeskrank», wählte sie 1938 den Freitod. Drei Tage vorher hatte sie dieses Gedicht an die Tageszeitung La Nación gesandt. Im Badeort Mar del Plata – wo heute ihr Denkmal steht – ging sie ins Meer hinaus. Tags darauf erschienen in der Zeitung diese letzten Zeilen:

Ach, rasch noch ein Auftrag:
Sollte er sich nochmals am Telephon melden,
sag ihm, sein Drängen sei umsonst, ich sei verreist …

Diese Hommage an Alfonsina Storni ist ein Auszug von Peter K. Wehrlis Texteitrag «Schreiben unter dem Kreuz des Südens» im Buch «Swiss made. Ein Land im Austausch mit der Welt» erschienen, herausgegeben 1997 von Beat Schläpfer.

«Auf alles gefasst sein»: Eine Entdeckungsreise zu Alfonsina Storni bietet das einstündige Ton-Feature von Hildegard Elisabeth Keller. Von der Zürcher Literaturwissenschaftlerin und – professorin, die sich seit vielen Jahren mit Alfonsina Stornis Werk beschäftigt, erscheint 2013 im Limmatverlag zudem eine Biographie zu Alfonsina Storni sowie ein Lesebuch mit zahlreichen  Neuübersetzungen ihrer Texte.

Bisher ist auf deutsch einzig eine Auswahl Liebesgedichte von Alfonsina Storni erschienen, ebenfalls im Zürcher Limmatverlag. Ebenfalls Eingang gefunden hat die Geschichte Alfonsina Storni in Daniele Muscionicos Sammlung «Starke Schweizer Frauen”: Starke Schweizer Frauen, 24 Porträts, mit einem Vorwort von Margrit Sprecher und 24 Fotografien. Limmat Verlag, Zürich 2011, 170 Seiten, CHF 34.– ISBN 978-3-85791-637-3.

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