Iranisches Kino

Rhino Season

Superstars ihrer Zeit: Gugush und Behrouz Vossoughi.
Superstars ihrer Zeit: Gugush und Behrouz Vossoughi.

4 Millionen Iranerinnen und Iraner leben im Exil. Unter ihnen auch viele Exponentinnen des Landes, die den Iran prägten, bevor er von radikalislamischen Kräften übernommen wurde. Erstmals vereint der iranische Filmemacher Bahman Ghobadi nun in seinem neuen Film «Rhino Season» Starschauspieler und Filmschaffende von damals und von heute - in einem frei produzierten Film.

«Wir sind nicht gegen das Kino, wir sind gegen Prostitution»: Mit diesem geflügelten Wort rettete Ayatollah Khomeiny nach der Islamischen Revolution von 1979 die iranische Filmindustrie vorerst vor den radikalen Islamisten, die sämtliche Kinos niederbrennen wollten. Aber seit jenem Tag dominiert die ideologische, ethische und religiöse Zensur des «Gottesstaats» das iranische Filmschaffen. Zahlreiche Regisseure und Kinostars wurden wegen ihres «verderblichen Einflusses» verfolgt, viele von ihnen flüchteten ins Exil. So leben heute fast alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die damals das iranische Kino prägten, in Europa oder in den USA; diejenigen, die im Lande blieben, passten sich entweder den neuen Regeln an, oder sie wurden zum Rückzug aus der Filmindustrie genötigt.

Die Filmkultur, für die diese Künstler standen, verschwand praktisch von einem Tag auf den andern, und ihre grossen Namen waren bald nur mehr eine nostalgische Erinnerung.

Behrouz Vossoughi – der grösste unter den legendären Superstars jener Zeit, den Millionen Iraner liebten – war in den USA, als die Revolution ausbrach; und obwohl er sich damals auf dem Zenit seines Ruhmes befand und eine glanzvolle Zukunft vor sich hatte, markierte der Umsturz das Ende seiner Karriere. Er verbrachte die besten Jahre seines Lebens in qualvoller Untätigkeit in Kalifornien – in nächster Nähe von Hollywood, aber ohne jede Verbindung zur dortigen Filmindustrie. Er hatte sein Publikum wie auch das kulturelle, gesellschaftliche und professionelle Umfeld verloren, das seine Kunst geformt hatte; und den Filmschaffenden in Iran war die Zusammenarbeit mit denjenigen verboten, die seinerzeit vom Regime wegen ihres «verderblichen Einflusses» gebrandmarkt worden waren.

Rhino Season: Monica Bellucci und Behrouz Vossoughi.

Rhino’s Season: Monica Bellucci und Behrouz Vossoughi.

Nun, nach 32 Jahren, scheint sich das Blatt für den inzwischen vierundsiebzigjährigen Behrouz Vossoughi noch einmal zu wenden. Bahman Ghobadi, der international renommierte und vielfach ausgezeichnete Regisseur von «Turtles Can Fly» (2004) und «No One Knows About Persian Cats» (2009) bat ihn, die Hauptrolle in seinem neuen Film zu übernehmen. Vossoughi musste sich die Antwort nicht zweimal überlegen: «Das ist eine Ehre und eine einmalige Chance, zu der Art von Kino zurückzukehren, die mir entspricht und die ich respektiere.»

Dies hätte nicht ohne die «grüne Revolution» von 2009 geschehen können, infolge deren auch Bahman Ghobadi Iran verlassen musste. Wie andere Künstler, Schriftsteller und Journalisten hatte er gegen die Brutalität protestiert, mit der die Demonstrationen gegen die manipulierte Präsidentschaftswahl niedergeschlagen wurden, und war damit selbst ins Visier der Staatsmacht geraten. Einmal ausser Landes, konnte Ghobadi jedoch den Mullahs und der Zensurbehörde ein Schnippchen schlagen und mit «Rhino’s Season», seinem jüngsten Film, ein Zeichen der Hoffnung an die unabhängigen Filmemacher und Schauspieler senden: Erstmals seit der Islamischen Revolution hat ein iranischer Filmemacher ein Grossprojekt ausserhalb des Landes und völlig unabhängig von behördlichen Vorschriften und Auflagen sowie von westlichen Produzenten realisiert.

In Iran nämlich braucht jeder Filmschaffende zunächst eine offizielle Bewilligung, um überhaupt arbeiten zu können, und danach hat jedes einzelne Projekt drei separate Stufen der Zensur zu durchlaufen: Zunächst wird das Skript überprüft, dann muss die Erlaubnis für die Produktion eingeholt werden, und der fertige Film hat nochmals die Zensurbehörde zu passieren, bevor er freigegeben wird. Die Regisseure haben eine Vielzahl von Vorschriften zu beachten; so muss ein weiblicher Kopf allezeit verhüllt sein, sogar im Bett, und natürlich sind keinerlei erotische oder sexuelle Darstellungen erlaubt; wo diese Regeln nicht eingehalten werden, ist der Film zur Pleite verdammt – denn in Iran darf er nicht gezeigt werden, und ausserhalb des Landes finden sie selten ein Publikum.

Ghobadi ist derzeit wohl der einzige iranische Regisseur und unabhängige Produzent seiner Filme, der auch im Ausland mit Kassenerfolgen rechnen kann; ein internationales Publikum wie auch eine wachsende Zahl von Exiliranern sichern seinen Filmen Zulauf, so dass er – zumindest wo es ums Finanzielle geht – nicht an die iranischen Zuschauer denken muss. In anderer Hinsicht tut er dies sehr wohl: Ghobadi hat schon «No One Knows About Persian Cats» auf DVDs prägen und gratis in Iran verteilen lassen.

Behrouz Vossoughi im neuen Film von Bahman Ghobadi.

«Rhino Season» handelt von einem berühmten Dichter, der kurz nach der Islamischen Revolution ohne stichhaltigen Grund eingekerkert und dreissig Jahre in Haft gehalten wird. Im Jahr 2010 kommt er frei und macht sich mittels seiner Gedichte auf die Suche nach der Vergangenheit. Der Film wurde in der Türkei gedreht und feierte 2012 am internationalen Filmfestival von Toronto Weltpremiere.

Es ist dies das erste Mal seit der Revolution, dass ein iranischer Filmemacher und Produzent mit einem gemischten Team, mit einem der verbannten Superstars und iranischer Crew zusammenarbeitet und ein Projekt völlig unabhängig von der Finanzhilfe der iranischen Regierung und von westlichen Produzenten und Erwartungen realisieren kann.

Damit entfällt auch die Pflicht zur Selbstzensur: «Zum ersten Mal», sagt Ghobadi, «kann ich in Freiheit und ohne Schere im Kopf über die Inhalte und Darstellungsweise eines Filmprojekts nachdenken.» Die weibliche Hauptrolle im Film spielt die Italienerin Monica Bellucci, deren Rolle – im Gegensatz etwa zu derjenigen Juliette Binoches in Abbas Kiarostamis «Copie conforme» – bei den iranischen Zensoren durchaus auf Missbilligung stossen würde.

Dank seiner früheren Kinoerfolge war Ghobadi die Unterstützung internationaler Investoren gewiss; das erlaubte es ihm, ein ganzes Filmteam aus Iran in die Türkei zu bringen, den Superstar Behrouz Vossoughi aus Kalifornien einfliegen zu lassen und weitere Hauptrollen mit Monica Bellucci und dem berühmten türkischen Schauspieler Yilmaz Erdogan zu besetzen. Das löste bei den iranischen Behörden bereits beträchtlichen Zorn aus: Touraj Aslani, Ghobadis Bildgestalter und Kameramann, wurde bei der Rückreise von den Dreharbeiten in den Iran am Flughafen stundenlang festgehalten und seither mehrfach zu weiteren Verhören einberufen; andere Mitglieder der Crew sehen sich ähnlichen Einschüchterungsmanövern ausgesetzt.

Dennoch könnte dieser Film den Beginn eines neuen Zusammengehens von iranischen Filmschaffenden in der Heimat und im Exil markieren, mit dem die 1979 aufgerissene Kluft endlich geschlossen würde. Vielleicht erweist sich das Verlangen nach Einheit endlich als stärker denn die Strategie des Regimes, Künstler, Intellektuelle und Aktivisten nach Möglichkeit aus dem Land zu vertreiben und sie der iranischen Bevölkerung zu entfremden. Das Zeichen der Hoffnung, welches Ghobadis neuer Film setzt, könnte exilierte Filmemacher wie Mohsen Machmalbaf in Paris und Amir Naderi in New York dazu inspirieren, an einem neuen Kapitel der iranischen Kinogeschichte mitzuschreiben – einem Kapitel, das unabhängig von den Reglementen des iranischen Regimes verfasst würde, und in dem sich filmische Visionen eines künftigen, freien Iran kristallisieren könnten.

Aus dem Englischen von Angela Schader.

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