Die anderen Helden

Pharao-Tao-Ran Parzival

Parzival
Fotografie: Enrique Muñoz Garcia

Er ist stadtbekannt als «dr grüen Ma». Die Kinder laufen ihm hinterher wie dem Rattenfänger von Hameln. Man erzählt sich, er sei Mitglied einer ägyptischen Sekte. Der Barkeeper vom «Hasard» weiss zu berichten, dass er sich ausschliesslich von Ovomaltine und Sellerie ernähre. Ein Taxifahrer behauptet, er sei ein ehemaliges Gemeinderatsmitglied und habe noch immer Kontakte nach ganz oben. Als ich ihn auf der Strasse anspreche und aus nächster Nähe in sein Almöhi-Gesicht blicke, den fiebrigen Ausdruck seiner Augen, die dunkle Lücke in seinem Gebiss und die zerfurchte Stirn unter dem Jägerhütchen bemerke, bestätigt sich mein Eindruck: Dieser Mann ist ein komplett Wahnsinniger. Als er dann anfängt zu sprechen, zeigt sich jedoch, dass Pharao-Tao-Ran Parzival befähigt ist, sich verständlich, eigentlich durchaus gepflegt zu artikulieren und sein Umgang mit medialer Aufmerksamkeit geübt wirkt, ja, professionell. Gleich bekomme ich einen verantwortungsvollen Posten zugeteilt: Als über ihn Schreibender müsse ich als Verbindungsorgan fungieren zwischen ihm, seinem visionären Weltfriedensplan und der terrestrischen Bevölkerung. So weit so gut.

Einige Tage später besuche ich ihn in seinem ausgebauten Dachstuhl in der Juravorstadt. Eine Duftwolke aus altem Schweiss weht mir im Treppenhaus entgegen, obwohl sich Parzival gerade gewaschen hat – er besitzt keine Duschvorrichtung, sondern nur einen Eimer, mit dem er das Regenwasser auf dem Dach einfängt, und so macht sich sein Unwille bei der allgemeinen Wasserverschwendung mitzumachen olfaktorisch empfindlich bemerkbar. Auch Strom und Gas zu benutzen, widerspricht seinen Überzeugungen, in seinem Haushalt gibt es weder Kühlschrank, noch Herd, kein Radio und selbstverständlich keinen Fernseher. In seinem Kleiderschrank hängen ausschließlich grüne Kleider – aus Liebe zur Sonne hat er vor sieben Jahren das Versprechen abgegeben, nur noch die Farbe der Hoffnung und der Photosynthese zu tragen.

Anfang der 1990-er Jahre war er Funkerinfanterist des 99. Batallions der eidgenössischen Armee gewesen. Als solcher stieg er eines Tages am Basler Bahnhofsvorplatz auf das Dach eines Tramhäuschens, hisste eine UNO-Flagge und hielt per Megaphon ein flammendes Plädoyer für eine petrolindustriefreie Kampfethik. Bei seinem anschliessenden Gefängnisaufenthalt lernte er Esperanto und begann seine Visionen weiter auszuarbeiten.

Seitdem lebt er von einer kleinen Kriegsversehrtenrente, setzt sich mit bemerkenswerter Radikalität für seine Überzeugungen ein und steht dabei angeblich sogar in engem Kontakt zum UN-Sicherheitsrat, zur Weltklimaorganisation der UNO und zum indischen Premierminister, Dr. Manmohan Singh. Und er sorgt seit vielen Jahren dafür, dass sich Esperanto-Sprachinselchen bilden und ausbreiten, indem er freizügig und hartnäckig Unterrichtsstunden und Seminare abhält. Dabei ist jeder willkommen, zu seinen Schülern zählt eine junge Frau, die sich gerade aus einer Heroinsucht herausarbeitet, eine Ergo-Therapeutin, eine Schar Kinder, zwei Tauben, ein Fuchs, eine Amsel, zwei Marsmenschen. Esperanto ist bekanntlich eine Sprache, die sich weder von Grenzen innerhalb einer Spezies, noch von solchen zwischen den Arten, Ländern oder Planeten, einschüchtern lässt.

Aus seiner Zeit beim Militär, sagt er, sei ihm immerhin diese kleine Weisheit in Fleisch und Blut übergegangen: Wenn eine Kompanie eine Brücke überquert, gibt der Kommandant niemals den Befehl zum Gleichschritt, er sagt: Es ist schon so manche Brücke eingestürzt deshalb lauft unregelmässig und nach eigenem Gestus.


Dokumentation über Parzivals Umzug von der Juravorstadt in sein neues Heim.
Von Enrique Muñoz Garcia

Früherer Fernsehbeitrag mit Parzival. Link: http://www.videoportal.sf.tv/

⬆ nach oben