125 Jahre Esperanto

Parolante en fremda lingvo

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Monsieur Esperanto: Claude Gacond. (Bild: Christian Walther)

Sie wurde als Kommunistenkauderwelsch verunglimpft, als Sprache jüdischer Weltverschwörer oder als weltfremde Kopfgeburt pazifistischer Spinner. Doch auch im 125. Jahr ihres Bestehens gibt es immer noch Menschen, die Esperanto lernen wollen. Ein Besuch bei Claude Gacond in der europäischen Hochburg des Esperanto, in La Chaux-de-Fonds.

«In meiner Jugendzeit gab es einen Gärtner in La Neuveville am Bielersee, der hatte eine grosse Bibliothek. Ich besuchte ihn, bewunderte besonders die vielen Bücher in einer mir unbekannten Sprache und fuhr abends mit einem Buch namens «La longa vojo» und einem Wörterbuch nach Hause. Nach einem langen Wochenende hatte ich das Buch mit Hilfe des Wörterbuchs – ich würde nicht sagen: verstanden – aber doch zumindest gelesen. So habe ich Esperanto gelernt.»

Das war 1952 und Claude Gacond Schüler am Lehrerseminar in Neuenburg. Als französischer Muttersprachler hatte er einen grossen Vorteil, da ein relativ grosser Teil des Wortschatzes des Esperantos romanischen Sprachen entstammt. Doch auch Menschen, die andere Sprachen wie Deutsch oder Englisch sprechen und verstehen, können Esperanto relativ einfach lernen.

Einfach zu erlernen

Morpheme (Wortbausteine) sind unveränderlich und frei kombinierbar. Substantive enden auf -o, Adjektive auf -a, Verben werden nicht verändert, sondern enden im Präsens immer auf -as. Geschrieben wird Esperanto mit lateinischen Buchstaben, und zwar phonematisch. Das heisst jedem Laut entspricht ein Zeichen und dieses wird immer gleich ausgesprochen. Mehrsilbige Worte werden auf der zweitletzten Silbe betont.

Esperanto – benannt nach dem Pseudonym seines Erfinders: Doktoro Esperanto – feiert 2012 sein 125-jähriges Jubiläum. 1887 publizierte der jüdische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof in Warschau sein Lehrbuch einer «Internationalen Sprache». Seine Zielgruppe waren, wie er selber schrieb, vor allem Juden. Viele waren zwar polyglott, sprachen im Alltag Jiddisch, Deutsch, Polnisch oder Russisch, aber da das Hebräische dem Studium der heiligen Texte vorenthalten blieb, fehlte ihnen eine gemeinsame Sprache. Die geografische Herkunft des Esperantos lässt sich daran ablesen, dass viele Konsonanten und die Pluralform -oj dem Ende des 19. Jahrhunderts im Raum des heutigen Litauen gesprochenen Jiddisch entsprechen.

Zamenhof war keineswegs der erste Sprachenerfinder. Das Bedürfnis nach einer Sprache, in der sich alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft unterhalten können, ist wohl so alt wie die babylonische Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel. Systematische Versuche zur Schaffung einer Plansprache wurden dann ab Mitte des 19. Jahrhunderts unternommen. Als erste Plansprache gilt Volapük des badischen Geistlichen Johann Martin Schleyer, das sich jedoch auf Grund seiner Komplexität nicht durchsetzen konnte. 1887 erschien dann Esperanto. «Zamenhof agierte zu einer Zeit, die reif für eine transnationale Sprache war», schreibt Klaus Dieckmann in seiner Analyse «Esperanto – ein Desaster?» «Es war eine Zeit, in der Sozialisten und Kommunisten die bestehende bürgerliche Gesellschaft von Grund auf umkrempeln und eine utopische Gesellschaftsform etablieren wollten.»

Sendungen aus der Schweiz

Die Hoffnung auf eine bessere Welt hat auch Claude Gacond angetrieben. Er verweigerte den Militärdienst zu einer Zeit, als man das noch gar nicht konnte, war glühender Sozialist und engagierter Primarlehrer. Eine neutrale, an keinen Staat und keine Interessen gebundene internationale Sprache, das faszinierte ihn: «Sprachen sind nicht nur Botschafter einer Kultur, sie sind auch Interessensvertreter. Hinter jeder Sprache stehen Nationen und Regierungen, die ihre Sprache gegenüber anderen Sprachen bevorteilen wollen. Das ist ein Aspekt, der leider wenig beachtet wird.»

Claude Gacond hat sich sein Leben lang für Esperanto eingesetzt, 30 Jahre davon als Journalist und Moderator des Esperantofensters auf Schweizer Radio International. Daneben hat er als Primarlehrer gearbeitet und die Bibliothek für Plansprachen in La Chaux-de-Fonds aufgebaut, die heute eine der grössten Sammlungen weltweit an Literatur und Periodika auf Esperanto besitzt. Dort trifft man Gacond noch heute fast jeden Tag. Zurzeit digitalisiert er die Sendungen, die bis Anfang der 1990er Jahre über die Kurzwellensender Schwarzenburg, Sottens und Monte Ceneri in die ganze Welt ausstrahlten.

Vom Verbot zur Unterstützung

Zum Beispiel nach Prag. Dort sass Jiři Patera jede Woche hinter seinem Empfänger und hörte Schweizer Radio International. «Esperanto habe ich am Radio gelernt», erzählt Patera. «Einmal pro Woche sendete SRI eine fünfminütige Sendung auf Esperanto. So lernte ich bereits in den 1950er Jahren viel Wissenswertes über die Schweiz und andere Länder Westeuropas, über ihre Kultur, ihr politisches System, ihre Wirtschaft. Und all das, obwohl ich hinter dem Eisernen Vorhang in Prag sass. Esperanto war – und ist noch immer – mein Tor zur Welt. Englisch habe ich damals zwar auch gelernt, aber ich habe es während meines ganzen Arbeitslebens eigentlich nie gebraucht. Und jetzt wo es zur Weltsprache geworden ist, bin ich zum Glück pensioniert.»

Es ist kein Zufall, dass gerade im ehemaligen Osteuropa viele Menschen Esperanto gelernt haben. Nach dem Sieg des Kommunismus war zwar Russisch als Weltsprache vorgesehen und Kaffeekränzchen von Esperantisten daher nicht gerne gesehen beziehungsweise in der DDR bis 1965 sogar verboten. Doch ausgerechnet nach der Niederschlagung des Prager Frühlings waren Kongresse der Esperantisten in der ČSSR plötzlich erlaubt. Die Esperantisten bedienten sich dabei eines Tricks. Sie nannten sich «Esperanto-Friedensbewegung», erhielten dadurch die Unterstützung der kommunistischen Machthaber, kamen in den Genuss von Reisevisa und konnten so in andere kommunistische Länder reisen. «Das Kulturministerium unterstützte unsere Aktivitäten auch finanziell. Wir konnten eine eigene Zeitschrift drucken und Bücher auf Esperanto übersetzen lassen», erzählt Jiři Patera. So erstaunt es denn auch nicht, dass das Taschenlehrbuch Esperanto der VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig Jahre später feststellen konnte: «Die internationale Esperanto-Bewegung ist gut organisiert und ist am stärksten in den europäischen sozialistischen Ländern vertreten.»

Englisch löst Esperanto ab

Als dann 1989 die Mauer fiel, dachte Jiři Patera nicht nur an Freiheit und Demokratie, sondern hoffte auch auf eine glorreiche Zukunft für die Plansprache. «Plötzlich konnten wir in den Westen reisen, konnten all die Bücher und Zeitungen kaufen, an die wir vor 1989 nicht herankamen. Wir dachten, das wäre auch eine Chance für Esperanto. Doch die Attraktivität des Englischen war stärker.»

Heute ist Englisch – oder korrekterweise Amerikanisches Englisch – ganz klar die vorherrschende Sprache der international vernetzten Welt. Der italienische Gelehrte Umberto Eco führt das in seiner Suche nach der vollkommenen Sprache nicht zuletzt darauf zurück, dass Englisch «pidginisierbar» ist: Es enthält besonders viele kurze einsilbige Wörter und kann fremde Termini leicht absorbieren.

Dass diese Tatsache bei Esperantisten keine Begeisterungsstürme auslöst, ist verständlich. Ihre Kritik ist es auch. «Für Australier, Briten, Kanadier und US-Amerikaner ist es natürlich praktisch, dass sich ihre Sprache international durchgesetzt hat», meint Jiři Patera, «aber wer Tschechisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Japanisch oder Mandarin spricht, muss sich einer Fremdsprache bedienen, wenn er sich mit anderen unterhalten will. Und wer statt seiner Muttersprache eine fremde Sprache sprechen muss, ist immer im Nachteil.»

Rappen auf Esperanto

Deshalb setzt Marion Bélisle auf Esperanto. Als sie 1998 ihr erstes Kind bekam, wollte sie es zweisprachig erziehen. Und da sie weder Deutsch noch Englisch so gut beherrschte, um es zu einer Familiensprache zu machen, entschied sie sich für Esperanto. «Aller Anfang ist schwer. Ich musste mein Vokabular um Schnuller, Beissring und Kinderbettschlafunterlage erweitern und hatte Angst, dass meine Söhne mich später einmal tadeln werden, weil sie Esperanto lernen mussten.» Doch Bélisles Befürchtungen waren umsonst. Esperantisten waren schon immer gut vernetzt, sie sind neugierig und pflegen einen regen Austausch. «Wir waren fast überall in Europa. Und unsere Kinder konnten sich bereits als Zwei- oder Dreijährige mit Kroaten oder Norwegern unterhalten. Auf Esperanto. Ich bin überzeugt, dass sich die Zweisprachigkeit positiv auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt.»

Heute erscheinen pro Tag drei neue Bücher auf Esperanto, es gibt Rapper wie Eterne Rima und La Pafklik, die auf Esperanto rappen, und über den Esperantokanal des chinesischen Auslandradios erfährt man, dass in einer bestimmten Kirche in Brüssel Gottesdienste auf Esperanto angeboten werden. Von einem Sprachenthusiasmus ausserhalb interessierter Kreise ist allerdings nichts zu spüren. Doch Claude Gacond widerspricht vehement: «Natürlich können Sie einwenden: Ein paar Hundert Esperantisten in der Schweiz, das ist nicht viel. Aber in Frankreich gibt es einige Tausend und in Deutschland noch ein paar Tausend mehr. Für eine Plansprache ohne Lobby in Wirtschaft oder Politik finde ich das bemerkenswert.»

Weiterführende Links:

Zentrum für Plansprachen La Chaux-de-Fonds www.cdeli.org/
CRI China Radio International www.esperanto.cri.cn/radio/china.htm
Radio Vatikan www.radiovaticana.org/esp/on_demand.asp
Pola Retradio www.retradio.posterous.com/

Aktuell: www.bsb-muenchen.de/Virtuelle-Ausstellung-Konstruierte-Sprachen.3587.0.html

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