VÖLKERMORD

Ein langer Weg zur Gerechtigkeit

Carla-Del-Ponte

Vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag laufen die Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen des Massakers von Srebrenica (1995), Ratko Mladic und Radovan Karadzic. Mladic will den Prozess gegen sich hinausschieben. Carla Del Ponte, ehemalige Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals (1999 bis 2007), ist aber überzeugt: Er kommt nicht ungeschoren davon.

Carla del Ponte, vor 17 Jahren wurde das Kriegsende in Bosnien und Herzegowina erklärt. Sie haben darum gekämpft, Serbenführer Radovan Karadzic und Militärchef Ratko Mladic hinter Gitter zu bringen. Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass die beiden erst nach Ihrer Amtszeit in Den Haag verhaftet worden sind?

Carla del Ponte: In erster Linie bin ich erleichtert, dass sich Karadzic und Mladic für ihre Gräueltaten endlich vor Gericht verantworten müssen. Mein Nachfolger UNO-Chefankläger Serge Brammertz, hat meine Strategie weiterverfolgt, die schliesslich zum Erfolg geführt hat. Demnach fiel es mir leichter zu akzeptieren, dass ich im entscheidenden Moment nicht dabei sein konnte. Die Beweislast ist letzten Endes gross genug.

Insbesondere die Mütter und Ehefrauen in Bosnien warten darauf, dass die beiden bestraft werden. Kann man von einer gerechten Strafe sprechen?

Del Ponte: Mit Sicherheit. Ich gehe von einer lebenslänglichen Strafe aus. Man darf nie vergessen, dass mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen seinerzeit ihr Leben lassen mussten. Als UNO-Chefanklägerin stand ich womöglich vermehrt unter Druck, da sich die Frauen stark mit mir identifizierten und mich als Gerechtigkeitssymbol betrachteten. Mir lag immer viel daran, mit den Betroffenen in einen offenen Dialog zu treten und ihnen meine Vorgehensweise ein Stück weit zu erklären. An manchen Tagen ärgerten sich die Frauen über mich, dann wieder schienen sie mit meiner Leistung zufrieden zu sein – je nachdem, was im Gerichtssaal geschah.

Stehen Frauen am Gericht nach wie vor stärker unter Druck?

Del Ponte: Zu Beginn meiner Karriere als Tessiner Staatsanwältin musste ich mich oft doppelt beweisen. Mittlerweile sind allerdings einige Fortschritte erzielt worden, was die Gleichstellung angeht. Es geht in erster Linie darum, die Stärken und Schwächen der Frauen und Männer zu akzeptieren, Verantwortung und Macht vermehrt zu teilen und sich nicht gegenseitig zu bekämpfen. Die Vielfalt der Sichtweisen und Interessen sollte dabei im Vordergrund stehen.

Zurück zu Bosnien-Herzegowina: Besteht Ihrer Meinung nach die Aussicht auf Versöhnung und Wiedergutmachung?

Del Ponte: Ich denke schon, aber es wird noch einige Zeit dauern, bis die Wunden langsam verheilt sind. Die Existenz des Tribunals war ein erster wichtiger Schritt, Gerechtigkeit zu erlangen. Aber in Bosnien-Herzegowina herrscht nach wie vor kein dauerhafter Frieden, denn noch immer ist die Nato dort stationiert.

Stellte sich Ihre Arbeit auch deshalb als schwierig heraus, weil die Strafverfahren in Den Haag kompliziert sind und zahlreiche Zeugen auftreten müssen?

Del Ponte: So ist es. Wir haben oft versucht, die Prozesse etwas zu beschleunigen. In einzelnen Fällen ist es gelungen, schriftliche Beweise vorzulegen, statt Zeugen einzuberufen. Zuvor waren keine Dokumente als Beweise zu gelassen. Man kann in dieser Hinsicht also doch von einem gewissen Erfolg sprechen.

Was war Ihre Triebfeder, sich für Gerechtigkeit einzusetzen?

Del Ponte: Mir lag immer viel daran, mich auf die Seite der Opfer zu stellen und diese tatkräftig zu unterstützen. Das Gerechtigkeitsgefühl ist seit jeher tief in meiner Seele verankert. Ich war stets davon überzeugt, dass die Gerechtigkeit irgendwann siegen wird, und wenn man das Gesetz korrekt anwendet, kann man auch keine Fehler begehen. Um unsere Ziele zu erreichen, mussten wir auch mit der Politik zusammenarbeiten, und dabei sind uns vor allem die EU-Staaten zur Seite gestanden. Aber die Gefahr, dass die Politik im Gerichtssaal Einzug halten könnte, bestand zu keinem Zeitpunkt. Trotzdem ist es nicht immer leicht, diese beiden Bereiche voneinander zu trennen.

Inzwischen leben Sie wieder im Tessin und haben alle wichtigen ämter hinter sich gelassen. Mussten Sie sich neu erfinden?

Del Ponte: Nein, denn ich beschäftige mich nach wie vor mit dem internationalen Prozessrecht. Zudem halte ich viele Vorträge, und im August gibt eine amerikanische Universität ein Buch heraus, in welchem ich mich über den Milosevic-Prozess äussere. Und nicht zuletzt spiele ich leidenschaftlich gerne Golf.

Erschienen in der «Zentralschweiz am Sonntag», 13. Mai 2012

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