Gruss aus London

Stahl, Kunst, Biografie

Toni Stofer (1931 - 2000) an seinem Arbeitsplatz in der Fabrik.
Toni Stofer (1931 - 2000) an seinem Arbeitsplatz in der Fabrik.

Hans Stofer arbeitet wieder vermehrt mit Stahl. Dies hat er auch seinem Vater zu verdanken.

Mein Vater hatte Stahl im Blut. Er war Maschinenschlosser und arbeitete sein ganzes berufliches Leben, ausser einem kurzen Abstecher, in einer Fabrik, die Turbinen für Kraftwerke in der ganzen Welt herstellte. In den riesigen Fabrikhallen wurde rund um die Uhr hochwertiger Stahl gedreht, gefräst, geschnitten, geschweisst, geschliffen und schlussendlich zu Turbinen geformt. Es war laut in den Turbinenhallen und die Luft roch nach verdampftem Schneidöl und frisch bearbeitetem Stahl.

Das war die Luft, welche er neun Stunden pro Tag einatmete und abends, nach getaner Arbeit, in den Kleidern, Haaren und Hautporen nachhause trug. Obwohl sich mein Vater nach der harten Arbeit in der Werkstatt diszipliniert und jeweils sehr gründlich Hände, Hals und Gesicht mit Kernseife wusch, blieb ein feiner, kaum wahrnehmbarer ständiger Hauch von Stahlgeruch wie ein Parfum an ihm kleben. So etwas vergisst man nie – und so etwas ist prägend.

Mein Vater war ein guter, aber kein einfacher Mensch. Er hatte Prinzipien und er hielt die Türen zu seiner Gefühlswelt, ausser gegenüber seiner Frau, fest verschlossen. Trotz seiner Verschlossenheit glaube ich, dass er uns Kinder liebte, auch wenn dies nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich war und durch seine eigenbrötlerische Art übertüncht wurde.

Ich weiss, dass er seine Arbeit liebte und er Stolz auf seinen Beruf war. Die stahlgetränkte Luft seiner Arbeitswelt gab ihm Kraft und trug dazu bei, dass er einen offeneren Zugang zu engen und respektierten Berufskollegen fand. Dies erlebte ich ebenfalls, als ich als junger Feinmechaniker-Lehrling in denselben Fabrikhallen wie mein Vater arbeitete und dieselbe Luft einatmete. Über die Arbeit und das Arbeitsumfeld lernte ich ihn besser kennen. Doch diese Zeit liegt bereits viele Jahre zurück.

In letzter Zeit denke ich oft an meinen Vater, der vor vielen Jahren gestorben ist. Vielleicht, weil ich älter werde, vielleicht auch, weil ich nach einer langen Pause wieder angefangen habe, vermehrt mit Stahl zu arbeiten. Diese Wiederaufnahme eines neuen alten Metalls ist ein Wiederanknüpfen an früher, an vergangene Zeiten, Gedanken, Erinnerungen und Emotionen, welche zusammen mit dem nicht mehr verwendeten Material in einen Dornröschenschlaf entschwunden sind. Es ist exakt diese Fähigkeit assoziative Brücken zwischen der physischen und metaphysischen Welt herzustellen, weshalb ich mich seit über 40 Jahren mit Metallen künstlerisch ausdrücke.

Unsere Persönlichkeit und Affinitäten sind stark durch die Materialien und Gegenstände geprägt, mit denen wir aufgewachsen sind. Sie definieren unsere haptische und taktile Intelligenz und geben Einsicht in unser Denken. Materialien und Gegenstände sind Geschichte und Biographie.

Kürzlich wurde ich gefragt, mit welchem Material ich mich intuitiv identifiziere. Ohne gross Nachzudenken antwortete ich: STAHL. Die Spontanität meiner Antwort überraschte mich, denn ich ging davon aus, dass mein Materialverständnis demokratischer und nicht einer Hierarchie unterworfen sei. Im Moment der Antwort realisierte ich, dass meine Vorliebe für STAHL auf tiefere, teils erklärbare, teils unerklärbare Wurzeln zurückzuführen ist.

Könnte es sein, dass ich das Stahlparfum meines Vaters und die herumschwirrenden Stahlteilchen in der parfümierten Luft bei seinen Umarmungen etwas tiefer als meine Geschwister eingeatmet haben – und sich diese feinsten Stahlpartikel so in meinem Blut niedergeschlagen haben? Wenn dem so wäre, dann habe auch ich Stahl im Blut.

Sicher ist, dass mir die Arbeit mit STAHL auch heute noch die Möglichkeit bietet, mit meinem Vater gelegentlich ins Gespräch zu kommen – und das ist Gold wert.

⬆ nach oben