Grundrechte

Frauen als Priesterinnen: Warum tut man(n) sich damit so schwer?

Theodora
Mosaik in der im 9. Jahrhundert erbauten Zeno-Kapelle. Links auf dem Bild ist Theodora zu sehen, die als «Theodora episcopa» (lat. für Bischöfin) betitelt wird. Die Kapelle ist an die Aussenwand der Basilika Santa Prassede in Rom angebaut.

In seinem Buch «Religionsfreiheit im Kontext der Grundrechte» umreisst Adrian Loretan* das Thema der Geschlechtergleichstellung im Religionsbereich. Denise Buser hat das Buch kritisch gelesen und kommt zum Schluss, dass die Aufsatzsammlung als Anleitung gelesen werden könnte, wie die Priesterinnenweihe in der römisch-katholischen Kirche einzufordern wäre.

Seit fast zwanzig Jahren besteht in der katholischen Kirche ein Rede- und Schreibverbot über die Frage des Frauenpriestertums. Die den Männern vorbehaltene Priesterweihe folge dem «ewigen Plan Gottes», und die Gläubigen hätten sich «endgültig an diese Entscheidung zu halten», proklamierte 1994 der damalige Papst Wojtyla. Doch trotz vatikanischem Maulkorb befassen sich seither viele Publikationen mit dem weissen Fleck auf der Landkarte der Geschlechtergleichstellung im Religionsbereich.

So auch eine neuere Veröffentlichung[1] des Luzerner Theologieprofessors Adrian Loretan. Mitgeschrieben haben die Berner Rechtsprofessorin und Menschenrechtsspezialistin Judith Wyttenbach, die deutsch-iranische Verfassungsrechtlerin Parinas Parhisi, der Basler Rechtsprofessor und Staatskirchenrechtler Felix Hafner und der Staatskirchenrechtler und Europaspezialist in Luxemburg, Dieter Kraus. Ihre Aufsätze ergeben zusammen eine Anleitung, wie die Priesterinnenweihe einzufordern ist.

Ist es sinnvoll, eine zweitausendjährige Tradition des Männerpriestertums weiter zu führen? Soll diese frauendiskriminierende Tradition wirklich auf ewig fortgesetzt werden?

Geringschätzung von Frauen

Die fehlende Priesterinnenweihe beruht auf einer problematischen Vorgeschichte, nämlich auf einem schon vorchristlich aufgekommenen Menschenbild, in dem Frauen gegenüber Männern geringer geschätzt werden. Was dann teilweise in der Kirchengeschichte von angesehenen und renommierten Kirchenlehrern von Augustinus bis Thomas von Aquin an Frauenverachtung (Uta Ranke-Heinemann) geäussert wurde, grenzt an eine kollektive Ehrverletzung des weiblichen Geschlechts. Das in der Menschheitsgeschichte nach und nach ausgeformte Rollenbild «des anderen Geschlechts» (Simone de Beauvoir) ist zum grössten Teil durch eine fortgesetzte Abwertung des Weiblichen geprägt. Das ist allerdings keine christliche Besonderheit. Parinas Parhisi stellt die Sicht des iranischen Geistlichen Mohsen Kadivar auf die Frauenrechte dar. Kadivar unterscheidet zwischen dem koranischen Frauenbild und demjenigen der islamischen Rechtssprechung. Ersteres gehe von der Gleichheit der Geschlechter aus und fokussiere sich auf den «zwischenmenschlichen Aspekt» zwischen Frauen und Männern. Dies entspreche auch dem Frauenbild des Propheten Mohammed. Das Verständnis der islamischen Rechtswissenschaft mache hingegen aus der Frau ein «zweitklassiges, schutzbedürftiges, unselbständiges und verletzliches Wesen, ausgestattet mit einem schwachen Willen und geringer Vernunft».

Das Christentum ist wie alle grossen Weltreligionen institutionalisiert. Es hat eine öffentliche Struktur mit Amtsträgern und Behörden. Diese beiden Aspekte werden in den Aufsätzen der Kirchenrechtler Adrian Loretan und Dieter Kraus herausgeschält. Die Kirche ist eine Einrichtung, die neben dem Immateriellen und Ideellen auch einen Körper hat, der in die Welt hinausragt. Es gibt deshalb auch einen Dialog zwischen religiösen und weltlich-staatlichen Institutionen, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die letzteren die Religionsgemeinschaften ernst nehmen. So lautet etwa Art. 17 (1) des Vertrags über die Arbeitsweise der EU: «Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht.»

Aus dieser Institutionalisierung ergeben sich aber auch reale Verpflichtungen seitens der Religionsgemeinschaften. Die Zulassung der Frau in priesterähnlicher Funktion am Altar wird heute bereits weitgehend gelebt und akzeptiert (Pastoralassistenz). Sie muss nun noch innerkirchlich durch die Streichung eines einzigen Satzes im kanonischen Recht («Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.») vervollständigt werden.

Selbstbestimmungsrecht und Gleichstellungsprinzip im Konflikt

Gegen eine zweitausendjährige Tradition gibt es nicht das schlagende Argument. Doch so wie das biblische Zinsverbot im Wandel der Zeit keine Anwendung mehr fand, kann auch der Ämterausschluss als Relikt fallengelassen werden. Beim Zinsverbot war es die zunehmend wirtschaftsorientierte Ausrichtung der Gesellschaft, der sich die Kirche nicht mehr verschliessen konnte. Beim Frauenpriestertum wäre es eine menschenrechtlich inspirierte christliche Haltung, perfekt abgestimmt auf das 21. Jahrhundert.

Neben diesen modernen oder zeitgemässen Gründen für das Frauenpriestertum gibt es aber auch eine juristische Argumentationslinie, die im Buch von Adrian Loretan aufgezeichnet wird. Auf der rechtlichen Ebene stellt sich zunächst die Frage, ob die Kirchen und Religionsgemeinschaften über ein Selbstbestimmungsrecht verfügen. Ein solches wird bis heute weder in einem Gerichtsurteil noch im geschriebenen Recht ausdrücklich erwähnt. Trotzdem ist sich die juristische Welt darin einig, dass die Religionsgemeinschaften zunächst einmal selber bestimmen können, was sie als Religionsgemeinschaft ausmacht. Dabei handelt es sich um das kollektive Gegenstück zur individuellen Religionsfreiheit. Letztere trifft beispielsweise zu, wenn Eltern geltend machen, ihr Kind soll nicht in einem Schulzimmer mit Kruzifix unterrichtet werden.

Wenn aber ein solches Selbstbestimmungsrecht vorhanden ist, stellt sich die Frage, was passiert, wenn sich aus dieser Autonomie Widersprüche zu anderen Grundrechten ergeben. Das fehlende Frauenpriestertum stellt einen solchen Widerspruch dar, weil hier das Selbstbestimmungsrecht der katholischen Kirche mit der auch im Völkerrecht verbrieften Geschlechtergleichstellung zusammenstösst. Doch wie soll dieser Konflikt zwischen der Selbstbestimmung der katholischen Kirche und dem Gleichstellungsprinzip gelöst werden?

Das in der Rechtswissenschaft entwickelte Verfahren heisst Güterabwägung. Die unterschiedlichen Interessen auf beiden Seiten werden gegeneinander abgewogen. Und zwar solange, bis am Ende eine begründete Aussage dazu gemacht werden kann, ob die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaft oder die Durchsetzung des Diskriminierungsverbots den Ausschlag gibt.

Judith Wyttenbach misst dem Selbstbestimmungsrecht der Kirche zunächst ein stärkeres Gewicht zu, weil sich der Staat in Religionsangelegenheiten möglichst neutral verhalten soll. Doch das ist ein Dilemma für den Staat, der gleichzeitig die Gleichstellung der Geschlechter vorschreibt. Wyttenbach wirft auf Seiten der Kirche aber auch den Stellenwert der Priesterweihe für die römisch-katholische Kirche und das Eingebundensein der nationalen Religionsgemeinschaften in die Weltkirche in die Waagschale. In die andere Waagschale legt die Juristin die Betroffenheit der Katholikinnen, die trotz innerer Berufung von der Weihe ausgeschlossen sind, oder das priesterliche Charisma von Mitschwestern nie erleben können. Dem Selbstbestimmungsrecht der Kirche steht aber auch der hohe Stellenwert des Diskriminierungsverbots in der schweizerischen Verfassung und im Völkerrecht gegenüber. Die problematische Komplizenschaft des Staates, der eine Kirche oder Religionsgemeinschaft öffentlich-rechtlich anerkennt, obwohl es sich um eine frauendiskriminierende Gemeinschaft handelt, spielt als Argument gegen das Selbstbestimmungsrecht ebenfalls eine Rolle. Wyttenbach ruft dazu auf, den verfassungsrechtlichen Konflikt aus religionspolitischen Gründen einer eindeutigen Lösung zuzuführen.

Offene Güterabwägung

Dass das Grundrecht auf Gleichstellung grundsätzlich keiner Abwägung oder Relativierung zugänglich ist, spricht Felix Hafner an. Relativiert man nämlich die Gleichstellung, so führt dies nicht zu einer etwas verkleinerten Gleichstellung, sondern zu einer Ungleichstellung. Das Grundrecht auf Gleichstellung ist ausserdem in der Bundesverfassung und in internationalen Übereinkommen garantiert. Wenn die Gleichstellung jedoch nicht abgewogen werden kann, so führt dies konsequenterweise zum Aus für die Religionsfreiheit. Hafner schlägt deshalb vor, eine Güterabwägung im Sinne eines «schonendsten Ausgleichs» zuzulassen. Diese Güterabwägung spitzt sich dann auf die Frage zu, ob die Religionsfreiheit oder die Durchsetzung der Geschlechtergleichstellung «grösseren Schaden» nimmt, wenn das jeweils andere Grundrecht den Ausschlag geben würde.

Man kann diese Frage nach dem grösseren Schaden natürlich auch umformulieren und sich damit befassen, ob ein grösserer Nutzen daraus resultiert, wenn das Gleichstellungsprinzip durchgesetzt oder das Männerpriestertum der katholischen Kirche weitergeführt wird.

Führt es zum grösseren Nutzen, eine zweitausendjährige Tradition des Männerpriestertums fortzusetzen? Auch mit der Konsequenz, dass diese Tradition in hundert Jahren organisch abbricht, weil die Priesternachfolge nicht mehr gewährleistet ist? Wenn die Kirchenaustritte im heutigen Ausmass fortschreiten, erfolgt der Niedergang noch schneller.

Oder bringt die Ämteröffnung für Menschen, die sich unabhängig vom Geschlecht zum priesterlichen Amt berufen fühlen, mehr Nutzen?

Unter der Nutzenperspektive fällt die Gewichtung eindeutig zugunsten der Durchsetzung der Gleichstellung aus.

Wird dieses Ergebnis auch von anderen Staatskirchenrechtlern und Staatskirchenrechtlerinnen vertreten, könnte ein Stein ins Rollen kommen. Anders gesagt: es könnte sich eine sogenannte Überzeugung der Rechtsunterworfenen (opinio juris) entwickeln. Unterstützt wird diese öffentliche Überzeugung bereits heute durch zahlreiche theologische Untersuchungen. Diese belegen überzeugend, dass sich das Priesterinnenverbot keineswegs zwingend aus der Bibel ergibt.

Den beiden Gleichstellungsinitiativen von Basel-Stadt und Basel-Landschaft[2] liegt ebenfalls die Überzeugung zugrunde, dass die Diskriminierung der Frauen beim Ämterzugang unzulässig ist. Die Abstimmungsresultate werden weitere Quellen für die Herausbildung einer öffentlichen Überzeugung bilden. Je höher der Ja-Stimmen-Anteil ausfällt, desto prägnanter stellt sich die Ablehnung der Tradition einer kollektiven Ehrverletzung des weiblichen Geschlechts dar, dem die Fähigkeit zu priesterlichen Handlungen abgesprochen wird.

 


[1] Adrian Loretan, Religionsfreiheit im Kontext der Grundrechte, Religionsrechtliche Studien Band 2, Zürich 2011.

[2] Http://www.kirchliche-gleichstellung.ch/ (Stand Oktober 2012).

Zum Buch

Religionsfreiheit im Kontext der Grundrechte, Religionsrechtliche Studien, Teil 2, hrsg. von Adrian Loretan-Saladin, Zürich 2011, 448 Seiten, ISBN 978-3-290-20066-4, CHF 72.00 – EUR 51.00 – EUA 52.40

Wie kann eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen dauerhaft bestehen, wenn sie durch gegensätzliche religiöse und philosophische Lehren zerrissen ist? Welche gemeinsamen Wert- und Rechtsgrundlagen prägen den Dialog zwischen religiösen und säkularen Menschen? Die Begriffe «Menschenwürde» und «Grundrechte» gelten als Kurzformeln für die Vergewisserung der Grundlagen einer demokratischen Rechtsordnung. Sie unterliegen jedoch Interpretationsunterschieden, ohne deren Klärung sie verblassen. Die Autoren und Autorinnen des vorliegenden Buches nähern sich Fragen über die Gleichberechtigung in der katholischen Kirche, über die Grenzen der Religionsfreiheit und über das Konkurrenzverhältnis verschiedener Verfassungsprinzipien rechtsphilosophisch, zivil- und religionsrechtlich.
Mit Beiträgen von Robert P. George, Markus Graulich, Janne Haaland Matlary, Felix Hafner, Dieter Kraus, Adrian Loretan, Hermann Lübbe, Kurt Martens, Simon Mugier, Dorothée de Nève, Parinas Parhisi, Helmuth Pree, Wilhelm Rees, Kurt Seelmann, Christoph Spenlé und Judith Wyttenbach.

Zum Herausgeber

Adrian Loretan, Dr. iur. can. et lic. theol., Jahrgang 1959, ist Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Universität Luzern.

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