Felsmalereien und Graffiti

Erinnerungen an Libyen

Libyen besitzt so viele Felszeichnungen wie kaum ein anderes Land: Der Künstler Jörg Mollet und der Journalist Aurel Schmidt reisten zwischen 2005 und 2012 mehrmals nach Libyen, um diese jahrtausendealten Kunstwerke zu erforschen. Ihr Beitrag ist ein persönliches Zeitdokument eines Landes, das heute von Krieg und Zerstörung geprägt ist.

 

Libyen wird gern als «Wüstenstaat» bezeichnet. Wüste hat das Land tatsächlich genug, aber der Ausdruck hat etwas Abschätziges. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt in urbanen Verhältnissen in einem schmalen Küstenstreifen, in dem auch die römischen Ruinenstädte Leptis Magna und Sabratha liegen. Die Menschen sind gebildet und weltoffen. Sie haben sich während der mehr als vierzig Jahre dauernden Diktatur von Muammar Gadaffi nach nichts mehr gesehnt als nach Weltoffenheit. Es waren bleierne Jahre.

Jörg Mollet und ich haben uns mehrmals in Libyen aufgehalten und Freunde besucht. Mit einigen haben wir die Wüste bereist. An der Academy for Advanced Studies in Tripolis haben wir Vorträge über Kunst gehalten.

Der letzte Besuch fand im Jahr 2012 statt, kurz nach dem Sturz des Herrschers. Da waren nicht nur die überlebensgrossen Darstellungen Gadaffis, der wie ein gütiger Vater die Hände schützend über das Land hielt, aus dem Stadtbild verschwunden, sondern herrschte eine unbändige Freudenstimmung unter den Menschen. Endlich keine Angst mehr. Endlich frei atmen. Endlich an der Welt teilhaben können.

«Von jetzt an gehört die Zukunft uns»

Auf den weissgetünchten Hausmauern waren Karikaturen zu sehen, die Gadaffi zum Beispiel als Ratte zeigten, die fluchtartig ihr Loch aufsucht. Wenn wir fotografieren wollten, hielten die Autos an, liessen uns den Vortritt und machten das Victory-Zeichen, als hätten sie sagen wollen: Wir haben es geschafft, wir haben uns vom Diktator befreit.

Die Graffiti-Karikaturen sprachen eine deutliche Sprache. Sie waren Strassenkunst im besten Sinn: pointiert, witzig, unmissverständlich.

Muad, sein Bruder Malek und ihr gemeinsamer Freund Japran klappten ihre Laptops auf, als wir sie trafen und zeigten uns ihre Arbeiten. Die drei sind Studenten an der Kunstschule Zawyat Dahmani.

Malek hat an der Aussenmauer der Schule mehrere Graffiti ausgeführt. «Von jetzt an gehört die Zukunft uns», sagte er. Ein Graffito mit dem V-Zeichen hatte er für einen in den Revolutionsunruhen gefallenen Freund gemalt. Japran war entschlossen, am Aufbau seines Landes mitzuarbeiten. Die Revolution hatte die Hoffnung zurückgebracht.

von ein paar tausend rebellen ins verderben gestürzt

Leider ist es, wie man weiss, nicht dabei geblieben. Wie konnte geschehen, was seither eingetreten ist?

Das Land ist in zwei, seit Kurzem in drei politische Fraktionen geteilt, die einander feindlich gegenüberstehen. Die Clans üben ihre Macht aus und verteidigen ihre Einflussbereiche. Von Demokratie reden viele. Aber Demokratie ist im Grunde genommen immer noch etwas Unbekanntes, sie muss sich erst entwickeln. Besonders beklemmend ist es, mitansehen zu müssen, wie in Libyen ein paar tausend Rebellen und Radikale in kürzester Zeit ein Land ins Verderben stürzen können.

Im Augenblick können wir uns nur an unsere Erinnerungen halten. Denn dass es in naher Zukunft wieder möglich sein sollte, nach Libyen zu reisen, scheint eher unwahrscheinlich.

Zum Beispiel erinnern wir uns, wie wir durch die Medina, die Altstadt von Tripolis, geschlendert sind und uns die Zufallsgraffiti an den Wänden angesehen haben. Farben, Zeichen, Schriften, Markierungen, grafische Ideen, Gekritzel überall machen die Stadt zu einem aufgeschlagenen Buch, zu einem offenen Museum – aber nur, wenn man genauer hinschaut.

Es geht weniger um Kunst, sondern eher um visuelle Eingriffe und Spuren, um eine Belebung des Stadtraums.

Als wir einmal an einer Kreuzung standen und überlegten, ob wir noch weitergehen wollten, fragte uns ein Mann, ob er uns helfen könne. Immer wieder kamen wir mit den Menschen ins Gespräch, die sich erkundigten, woher wir kamen. Sie waren nicht neugierig, sondern wissbegierig.

Ein lIBYSCHEr Künstler?

Im Atelier des Künstlers Salem Tamimi schauten wir uns seine grossformatigen Gemälde an. Tamimi malt in einem informellen Stil. Auf einem neuen Werk hatte er versucht, den Kampf um Misrata zu gestalten. Misrata gelangte im Befreiungskrieg in die Hände der Aufständischen und wurde durch Gadaffis Truppen schwer beschädigt. Den Widerstand und die Opfer der Aufständischen wollte Tamimi würdigen. Ein Vergleich mit Pablo Picassos «Guernica» wäre für mich nicht übertrieben. Aber ein libyscher Künstler?

Auch die Aquarelle von Ali Ezouik mit Motiven wie Früchten, Blumen, Pflanzen, Gegenständen, Symbolen sollten in der Welt bekannt gemacht werden. Aber auch hier kommt die gleiche Reaktion vor: Ein Künstler aus Libyen? Ach so…

Auf einem Aquarell von Ali Ezouik sieht man eine Figur, der der Kopf fehlt, weil er über den oberen Bildrand hinausragt. «Ein Mann ohne Kopf, ohne Haus, aber vielleicht nicht ohne Hoffnung», meinte der Künstler, geheimnisvoll, voller Andeutungen. Er liebte es, mit deutschen und französischen Wortbruchstücken zu spielen. «Anklang», «Nähe» «Heuschrecken», «Ersatzteil»: Er zählte deutsche Wörter auf, und bevor es möglich war, darauf einzugehen, war er in Gedanken schon beim nächsten Thema.

«Die Menschen in der Schweiz mögen kein Chaos. Sie leben als Infizierte in einem Spital, in dem alle Arzt sind.» Wie bitte? Ali Ezouik stellt etwas in den Raum und beobachtet, welche Wirkung es hervorruft. Und schon folgt der nächste Einfall.

Nach zwei Stunden Gespräch mit Ali Ezouik ist keine Klarheit hergestellt, aber auch keine Unordnung, sondern ein gesteigerter Zustand der Inspiration, der beflügelten Ideen.

so viele felszeichnungen wie kaum ein Land

Auch an unseren Freund Awad Elkisch, der Professor für Filmwissenschaft an der Academy for Advanced Studies ist, denken wir. Wo er jetzt sein mag? Was würde er uns über Libyen zu sagen haben? Wir wissen nur, dass er vor zwei Jahren entführt wurde – von wem? –, aber nach zehn Tagen freigelassen wurde – warum? Niemand kann es sagen.

Auf einer unserer ersten Expeditionen in das Messak Mellet genannte Gebiet im Südwesten Libyens hatte Awad Elkisch sich uns angeschlossen. Die Gegend weist eine Dichte an Felszeichnungen auf wie nirgends sonst und gehört zum Unesco-Welterbe. Unser Ziel war es, diese prähistorische Felskunst zu erforschen.

Wer an Wüste denkt, hat meistens Bilder der Sandwüste mit schwungvollen Dünen im Gedächtnis. In Wirklichkeit sind zwei Drittel der Sahara Stein- und Felsenwüste («hammada»); nur etwa ein Drittel besteht ausschliesslich aus Sand («erg»). Oft fährt man über die bis an den Horizont sich erstreckende flache Steinwüste, bis man plötzlich an den Rand eines steil abfallenden, tief eingeschnittenen Wadis (Tal) anlangt. Am Fuss desselben haben die Menschen in einer lange zurückliegenden Epoche in den Felsen Zeichnungen von Wildtieren und später domestizierten Tieren geritzt und verewigt.

12’ooo Jahre alte Kunstwerke

Die Wüste sah nicht immer so aus wie heute. Trockenperioden wechselten mit Feuchtperioden ab. Die Trockenzeiten, wenn nichts mehr wuchs, zwangen die Menschen zum Wegziehen. Änderte sich das Klima, floss Wasser in den Wadis und wuchs Gras, dann kehrten die Menschen mit ihren Herden zurück und liessen sich wieder nieder. Solche Perioden konnten 1000 bis 2000 Jahre dauern.

Die Menschen ritzten Bildwerke in die Felsen und stellten dar, was sie sahen und mit ihrem Leben zu tun hatte. Wie es aussieht, mussten die Menschen in der Vergangenheit nicht nur ums Überleben kämpfen, sondern hatten auch Zeit, sich mit schönen Dingen zu beschäftigen.

Die ältesten Felszeichnungen sind 7000 bis 12’000 Jahre alt und zeigen Wildtiere, darunter den Bubalus antiquus, eine Wildbüffelart, die vor etwa 6000 bis 7000 Jahren ausgestorben ist. Auf den Darstellungen ist meistens eines der Hörner nach vorne geklappt, so dass beide Hörner in der seitlichen Ansicht einen eindrücklichen Halbbogen bilden und das Tier in einer stolzen Haltung zeigt.

Nach einer weiteren von mehreren Feuchtperioden folgten viele Rinderdarstellungen. Ein Zeichen dafür, dass die Menschen gute Lebensbedingungen vorgefunden haben. Die Tiere sind geschmückt. Auch Menschen kommen jetzt vor.

Felskunst und keith haring

Wir haben die Felskunst nicht von ihrer paläontologischen, sondern ihrer ästhetischen Seite her zu verstehen versucht. Und mit Kunstwerken haben wir es zu tun, davon sind wir überzeugt. Was die Felszeichnungen genau bedeuten, wissen wir nicht. Jede Interpretation ist mit Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen. Wir können aber feststellen, mit was für einer genauen Beobachtung der Körperformen die Menschen die Tiere wiedergegeben haben.

Der künstlerische Aspekt ist der naheliegendste Zugang zu den weit in die Vergangenheit zurückreichenden Darstellungen. Am interessantesten finden wir den Vergleich zwischen der Felskunst und Kunstwerken von heute, etwa von Keith Haring oder A. R. Penck. Auch Marcel Duchamp und sein berühmter «Akt, eine Treppe herabsteigend» fällt uns ein, wenn wir in den Felszeichnungen Tiere mit fünf Beinen sehen. Das war ein genialer Einfall, um Tiere im Lauf nachzubilden.

Fahrt in die Wüste

Um die abgelegenen Gegenden zu erreichen, wo die Felszeichnungen anzutreffen sind, muss man sich auf eine mehrtätige Fahrt mit geländetauglichen Fahrzeugen (jeweils zwei aus Sicherheitsgründen, mit grossen Wasser- und Benzinreserven) in die Wüste aufmachen. Es war für uns ein einzigartiges Erlebnis, viele Tage hintereinander ohne Wände, Türen, Fenster und ohne Dach über dem Kopf zu leben. Zum Schlafen legt man sich einfach in den Sand und hüllt sich in Decken.

Wenn wir den ganzen Tag über den steinigen Boden geholpert waren, es Abend wurde und die Hitze allmählich nachliess, suchten unsere Begleiter Abdou und der Fahrer Ali einen Ort für das Nachtlager aus. Vielleicht hinter einer Düne, aber unter Umständen mitten im freien, flachen Gelände. Die Fahrzeuge wurden entladen, die Teppiche im Sand ausgerollt und eine Feuerstelle eingerichtet, um Tee zu kochen.

Nach der langen, oft anstrengenden Fahrt, wenn wir Halt gemacht hatten, nahm die Zeit die stationäre Form eines Augenblicks an, und Ruhe breitete sich aus, fern von den Aufregungen der Städte und Märkte. Während wir den Tee tranken, wurden wir nachdenklich. Jeder war mit sich beschäftigt. Die Gespräche verstummten und die Nacht brach herein, während Abdou mit der Zubereitung des Nachtessens beschäftigt war.

ganz klein und gleichzeitig sehr gross

Das Sternenmeer, die unbeschreiblichen Räume, das eigene Ich im Verhältnis zum Universum, das alles sind Fragen, die keine Ruhe geben. Der Mensch wird ganz klein, aber zugleich auch zur Instanz, die über alles dies nachdenken kann und also nicht nur klein ist, sondern auch sehr gross. Fast imperial.

Am Morgen, wenn wir aufwachten, war es manchmal bitter kalt, und eine wattierte Jacke im Januar und Februar in der Wüste ist in den frühen Stunden unter Umständen kein Luxus. Abdou hatte das Frühstück schon bereitgestellt. Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Ein neuer Tag hatte begonnen, und wir waren bereit. Das Leben konnte seinen Fortgang nehmen.

 

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Jörg Mollet und Aurel Schmidt über die Felszeichnungen in Libyen sind zu finden unter: Swiss Libyan Art Project

 

 

 

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