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Dürrenmatt im Iran

Das Versprechen: Dürrenmatts Krimi in der Neuübersetzung von Mohammad Hosseini Zad.
Das Versprechen: Dürrenmatts Krimi in der Neuübersetzung von Mohammad Hosseini Zad.

Über die Resonanz aktueller Schweizer Autoren und Autorinnen im Iran und über das Spezifische von Schweizer Literatur im Aussenblick: ein Interview mit dem in Teheran lebenden Schriftsteller und Dürrenmatt-Übersetzer S. Mahmoud Hosseini Zad, der unter anderem Träger der Ehrenmedallie des deutschen Goethe Instituts 2013 ist.

Sie sind Experte und Übersetzer von Deutscher Literatur ins Persische und verfolgen die Schweizer Literatur seit Jahrzehnten eingehend. Was unterscheidet die Schweizer Literatur aus Ihrer Sicht von anderer deutschsprachiger Literatur?

Mahmoud Hosseini Zad: Es gibt schon Unterschiede. Ich habe bei Gelegenheit Schweizer Autoren gefragt: Ist für einen Schweizer Deutsch die Muttersprache oder eine Fremdsprache? Und einige haben geantwortet: «eine Fremdsprache!», also eine Literatur, die anders gedacht und Deutsch geschrieben ist!
Dann die Natur: Es war der Roman «Der Richter und sein Henker» von Dürrenmatt, der meine Aufmerksamkeit auf die Naturschilderung lenkte. Wunderbar! Die Natur ist in diesem Buch eine Protagonistin. Kurze Naturschilderungen, aber grosse Effekte. Der Natur bin ich dann öfter in Schweizer Werken begegnet. Die Schweizer leben mit der Natur.
Dann das Land und seine Geschichte: Keine Kriege, keine Revolutionen, keine Trennungen, keine K-& K-Monarchie. Das alles wirkt natürlich auf die Themen. Die Themen sind anders als bei deutschen oder österreichischen.

Weshalb kann oder sollte sich eine persisch-sprachige Leserin, ein persisch-sprachiger Leser, denen Sie mit ihrer Arbeit beispielsweise Werke des Schweizer Autors Peter Stamm zugänglich machen, überhaupt für Schweizer Literatur interessieren? Gibt es einen besonderen Nutzen oder geht es eher um Neugier und ein Allgemeininteresse?
Mahmoud Hosseini Zad: Ein Schweizer, eine Schweizerin findet in einem Supermarkt in Zürich nur Waren aus der Schweiz oder höchstens aus benachbarten Ländern. Ein Iraner findet in einem Supermarkt in Teheran Waren aus Iran und Korea, den USA, Japan, Deutschland, England und der Türkei… so ist es auch in der Literatur. Die Iraner lesen Autoren aus vielen Ländern, und das ist gut! Selbstverständlich ziehen grosse Namen, wie überall.
Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt sind hier seit Jahren  bekannte Namen. Nun sind Peter Stamm, Gottfried Keller, Franz Hohler auch übersetzt worden. Auch Urs Widmer habe ich übersetzt – die Übersetzung ist kürzlich erschienen. Es gibt ein Interesse für Entdeckungen und so sind nun junge Autoren wie Peter Stamm, Judith Herrmann, Ingo Schulze…, die ich übersetzt habe, bekannte Namen hier.

Sie haben die Liebesgeschichte «Agnes» von Peter Stamm übersetzt.  Wie fiel die Resonanz bei der Leserschaft aus? Was interessiert Sie besonders an Stamms Werk?
Mahmoud Hosseini Zad: «Agnes» war und ist ein großer Erfolg hier. Ausser «Agnes» gibt es eine Erzählsammlung von Peter Stamm auf dem Markt, ein Roman und eine weitere Erzählung sind beim Verlag. Also Peter Stamm wird von den iranischen Lesern sehr gut aufgenommen. Peter Stamm war für Lesungen in den Iran eingeladen worden, wenn ich mich nicht irre von Pro Helvetia. Da haben wir uns getroffen, ich habe ihn gedolmetscht.
Für die Lesung hatte ich eine Erzählung von ihm übersetzt und fand sie sehr gut, er gab mir den Roman «Agnes», und er war herrlich! Ich mag seine Prägnanz, seine einfache, pointierte, gezielte Sprache, keine verschnörkelte Ausdrucksweise, und natürlich die Themen, einfach menschlich! Keine grossen Dramen, keine philosophischen Grübeleien.

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Obwohl alle wichtigen nicht-persischsprachigen Werke der Weltliteratur ins Persische übersetzt sind und das Publikum also eine sehr grosse Auswahl an exzellenter internationaler Literatur hat, gehört Dürrenmatt im Iran zu den Top-Favoriten der Weltliteratur. Woher kommt dieses Interesse?
Mahmoud Hosseini Zad: Ich habe drei seiner Krimis übersetzt…. Dürrenmatt ist aber schon seit Jahren durch seine Dramen bekannt. Er ist ein grosser und vielseitiger Schriftsteller, vielleicht deshalb!
Die Themen, die er in seinen Dramen behandelt, kommen überall beim Publikum an – auch hier. Der iranische Leser mag etwas Lebensweisheit in der Literatur! Dann die «Grossen Themen».
Von den drei Krimis, die ich übersetzt habe, gefällt mir «Der Verdacht» weniger; aber es gibt viele Leser hier, die das Buch besser finden als «Der Richter und sein Henker» oder «Das Versprechen». Vielleicht deshalb!

(Das Interview wurde schriftlich geführt)

S. Mahmoud Hosseini Zad ist der bedeutendste Übersetzer zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur ins Persische. Nach seinem Studium in Deutschland Ende der Sechzigerjahre war er in Teheran Dozent für deutsche Sprache und Literatur. Er übertrug Brecht ins Persische, ebenso wie Romane von Dürrenmatt. Seit 2000 übersetzt S. Mahmoud Hosseini Zad hauptsächlich zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

Sein Engagement hat massgeblich dazu beigetragen, dass Autoren wie Judith Hermann, lngo Schulze, Uwe Timm, Peter Stamm und Julia Franck den iranischen Lesern zugänglich sind. Viele seiner Übersetzungen wurden mit Preisen ausgezeichnet und mehrfach aufgelegt, was auf dem iranischen Buchmarkt aussergewöhnlich ist.) Für seine Arbeit wurde er 2013 u.a. mit der Ehrenmedaille des deutschen Goethe-Instituts ausgezeichnet. S. Mahmoud Hosseini Zad lebt in Teheran.

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