Reportage

Zu Besuch im «Village des Arts» in Dakar

Ausstellungsraum des «Village des Arts» mit aktueller Accrochage
Ausstellungsraum des «Village des Arts» mit aktueller Accrochage

Afrika hat grossartig inspirierende Seiten. Ein Besuch in einer Künstlergemeinschaft in Dakar macht dies anschaulich.

Das 1998 ins Leben gerufene «Village des Arts» tickt anders als die unter der Sonnenglut brütende Metropole Dakar. Trotz der Lage an der mehrspurigen Zufahrtsstrasse zum internationalen Flughafen Léopold-Sédar-Senghor ist sie ein stimmungsvoller und für die Besucherin ein erholsamer Kreativort inmitten der quirligen Betriebsamkeit der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das vom Kulturministerium finanziell mitgetragene grosse Areal des Dorfes der Künste besteht aus über fünfzig Einzelateliers für Maler, Fotografinnen und Installationskünstler, einen Pavillon mit einem grossen Ausstellungssaal, eine Giesserei, eine Cafeteria, zwei Gastateliers für den internationalen Austausch und eine herrlich schattenspendende Baum- und Pflanzenvegetation.

Verantwortlicher Geschäftsleiter seit Anbeginn ist der in Kulturvermittlung ausgebildete Idrissa Diallo (52), dessen Bürotisch gleich im Entrée des Ausstellungspavillons für alle offen und jederzeit zugänglich ist.

Idrissa Diallo, Leiter des «Village des Arts»

Idrissa Diallo, Leiter des «Village des Arts»

 

Rund um diesen Pavillon gruppieren sich die Einzelateliers, die so unterschiedlich wie ihre jeweiligen Besitzer eingerichtet sind. Im ersten Atelier arbeitet der flächig malende Ibrahima Kebe, dessen grosser Raum von Leinwänden mit Liebespaaren, Familienszenen in farbiger Lebendigkeit überbordet. Abstrakte Gebilde aus Holz und filigrane Plastiken aus biegsamen Weidengerten sind die Domäne von Serigne mor Gueye, dessen Atelierhütte aus geflochtenen Schilfmatten ganz nebenbei zauberhafte Lichteffekte produziert. Er ist wie viele seiner Künstlerkollegen regelmässiger Teilnehmer der Kunstbiennale DAK’ART (die nächstes Mal vom 3. Mai bis 2. Juni 2016 stattfindet) und hat die vierjährige Ausbildung an der «Ecole des sculpteurs» von Dakar abgeschlossen. In seiner Nähe befindet sich das Atelier des Batikkünstlers und ein paar Schritte weiter das Atelier von Moussa Thiam, der sich der Recyclingkunst gewidmet hat. Er stellt wunderschöne Dosen und Halsketten aus rezyklierten Eisenstückchen her, die ihm eine Boutique in Holland abkauft.

Eines der Künstlerateliers

Eines der Künstlerateliers

 

Der Skulpteur Serigne mor Gueye

Der Skulpteur Serigne mor Gueye

 

Batik-Atelier

Batik-Atelier

 

Die Liste der «Dorfbewohner» – sie arbeiten in ihren Ateliers so lange sie wollen und bezahlen keine Miete – enthält auch ein paar Frauennamen, allerdings sind die Künstlerinnen rar. Das bilde halt noch die Gesellschaft ab, meint Idrissa Diallo. Nichtsdestotrotz stosse ich bei meinem Rundgang auf die Fotografin Bettye Webber, Tochter einer schweizerischen Mutter und eines afrikanischen Vaters, die hier seit vielen Jahren ebenfalls ein Atelier hat.

«Ich bin als Reisende zwischen den Welten, konkret zwischen Zürich und Dakar, sozusagen ein Sonderfall.» Ihre bevorzugte Technik ist die übermalte Fotografie. Sie zeigt mir das Fotogemälde einer geheimnisvollen Schönheit, «La belle Sénégalaise», ergänzt mit feinen tatooähnlichen Pinselstrichen, die das Portrait zu einem Bildnis von ewig gültiger Anmut machen. In der gegenwärtigen Accrochage (Ausstellung des Village aus den eigenen Beständen verschiedener Kunstschaffenden) hängt ihre «Wahrsagerin», eine ahnungsvoll dreinblickende Medusa mit knallrot angemalten Lippen. Vor einigen Jahren hat sie elf senegalesische Künstler in das schweizerische Appenzellerland eingeladen, wo die Bevölkerung den Menschen aus Afrika anfänglich mit Distanz begegnete. Schliesslich hätten sich die Appenzeller ein Herz gefasst und den Kunstschaffenden alle Werke abgekauft, erzählt sie schmunzelnd.

Künstlerin Bettye Webber mit «La belle Sénégalaise»

Künstlerin Bettye Webber mit «La belle Sénégalaise»

 

Und wie steht es sonst um die Reisemöglichkeiten für die senegalesischen Künstler? Sie sind intakt, gibt Idrissa Diallo Auskunft. Die Künstler werden von Kulturorganisatoren aus dem Ausland eingeladen und können sich auf diesen Reisen einem internationalen Publikum stellen. Es gebe aber auch den Austausch in umgekehrter Richtung. Zurzeit befindet sich der italienische Installationskünstler Giancarlo Lepore für ein paar Wochen im Village. In der Accrochage zeigt er eine Art Blattwerk in Weiss mit Adern aus feinem Draht, das trotz aller Leichtigkeit auch die Bedeutung von Vegetation und ihrem Wechselspiel mit Licht und Schatten zum Ausdruck bringt. Da die Installation mitten im Raum hängt, gibt es ein Davor und ein Dahinter – die Installation selbst stellt eine transparente Grenze dar.

Ausstellungsraum des «Village des Arts» mit aktueller Accrochage

Ausstellungsraum des «Village des Arts» mit aktueller Accrochage

 

Vegetation ist auch ein wichtiges Stichwort für das Künstlerdorf. Es gibt hier das, was man sonst in der Stadt schmerzlich vermisst: schattenspendende und abgasfilternde Flora. Ganz anders im Village: Zwischen den Atelierreihen liegen verspielt gestaltete Vorgärtchen, und man kann unter Mangobäumen einen Künstler bei der Arbeit interviewen. Eine grosse Muschel dient als Aschenbecher und die Mischung zwischen Pflanzengrün und farbigen Bildern, die an Baumstämmen lehnen, ist grossartig.

Die Frage nach den Tabuthemen in der senegalesischen Kunst ist leicht zu beantworten. Religion und Homosexualität. Es werde sich daran noch lange nichts ändern, meint Idrissa Diallo. Zwei persönliche Beobachtungen mögen diese rigiden Aussagen ergänzen. Der Islam wird in Senegal sehr liberal gelebt. Die freizügige, modisch ansprechende Kleidung der weiblichen Bevölkerung ist augenfällig und die Regel im Strassenbild. Eine gewisse private Selbstbestimmung in religiösen Angelegenheiten bestätigen auch Senegalesen im Gespräch. Bei der Homosexualität scheint es vor allem um die Ablehnung einer europäisch geprägten Explizitheit zu gehen. Die Vorstellung einer Eheschliessung bzw. amtlichen Anerkennung der Gemeinschaft zwischen zwei Männern löst in einem nach wie vor patriarchal gesinnten Land Irritationen aus.

Idrissa Diallo weist lieber auf den Start des Künstlerprojekts: Die Anfangsbedingungen seien zunächst schlecht gewesen. Es gab keine Elektrizität, das Areal sei von Schlangen bevölkert gewesen. Die Beleuchtung im Ausstellungssaal sei erst vor kurzem installiert worden. Er habe die Vision, ein gutes Leben im Village zu realisieren, in der Hoffnung, dass die künstlerische Arbeit auf das Land eine Ausstrahlung entwickle. Obwohl die Benützung der Ateliers unbefristet sei, gebe es über die Jahre eine gewisse Fluktuation. «Dieser Wechsel ermöglicht es auch jungen Künstler einzuziehen. Und so arbeiten nun mehrere Generationen hier. Die jungen Künstler können von der Erfahrung der älteren profitieren.» Man merkt Idrissa Diallo an, dass ihm dieser Punkt wichtig ist. Er sagt abschliessend: «Manchmal ist den jungen Kunstschaffenden eines noch nicht ganz klar: Kunst ist, wenn sie diesen Namen verdienen soll, harte Arbeit. Wir legen hier grossen Wert auf ein professionelles Niveau.»

Vorgärten im «Village des Arts»

Vorgärten im «Village des Arts»

 

Internetadresse des Village des Arts: http://www.villagedesarts.com/

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