Lärmangriff

Kampfjettouristen statt Wanderer?

Claudio Gmür
Claudio Gmür

Die Tourismusregion am Brienzersee ist zum Luftwaffenstützpunkt geworden. Während sich die betroffene Bevölkerung und die Tourismusbranche seit Jahren über den Kampfjetlärm beklagt, versucht die Luftwaffe, selbst bei den Touristen zu punkten.

Türkisfarben leuchtet der Brienzersee zwischen den schroffen Berghängen. Unter uns liegt das Dorf Brienz und über dem See ist die Axalp mit den knorrigen Ahornen zu sehen. Nicht weit von der Axalp stürzt der Giessbachfall weiss schäumend über Felswände hinab.

Der Blick vom Wanderweg, der zum Brienzer Rothorn führt, ist überwältigend. Man versteht sofort, dass in dieser Gegend bereits Goethe, Tolstoj und Nietzsche Ruhe suchten.

Plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen, ein Grollen und Tosen – es ist, als würde der Himmel entzweigerissen, als stürzten die Berge ein. Instinktiv ducken wir uns auf den Boden, obwohl wir wissen: Es ist ein F/A-18-Kampfjet im Training.

Im Haslital zieht sich ein dicker schwarzer Strich durch die Landschaft: Es ist das Rollfeld des Militärflugplatzes Meiringen. Das Haslital mit seinen hohen Felswänden ist so eng, dass hier die meisten Kampfjets mit Nachbrenner starten.

Die Leute hier wissen, was Lärm heisst. In der Nähe des Flugplatzes gibt es Häuser, die vom Schalldruck Risse haben. Der Schulunterricht muss wegen den Kampfjets immer wieder mal unterbrochen werden, und der Pfarrer versteht bei Beerdigungen sein eigenes Wort nicht mehr.

Bleibt Meiringen auch in Zukunft Staffelstandort und werden die verbleibenden Tiger F-5 wie geplant durch den Gripen ersetzt, würde es hier gar noch lauter.

Das neue Stationierungskonzept für Kampfjets, das festlegt, welche der vier Kampfjet-Flugplätze – Meiringen, Payerne, Sion oder Emmen – angesichts des wachsenden Spardrucks auch in Zukunft betrieben werden sollen, wird frühestens Ende 2013 erwartet. Trotzdem werden auf dem Militärflugplatz Meiringen gegenwärtig Bauvorhaben im Wert von rund 25 Mio. Franken ausgeführt.

«Wirtschaftliche Bedeutung wird überschätzt»

Im Gegensatz zu Sion, wo sich die Politiker stark gegen die F/A-18 auf dem Militärflugplatz wehrten, scheinen hier in der Region Politik und Gewerbe hinter dem Flugplatz zu stehen. Nicht so die Bevölkerung: Sie ist mit der jetzigen Situation mehrheitlich unzufrieden. Das hat bereits die Volksinitiative «Gegen Kampfjetlärm in Tourismusgebieten» gezeigt, die von Franz Weber lanciert worden war. Die Volksinitiative wurde 2008 vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt, in den betroffenen Gemeinden – mit Ausnahme von Meiringen – jedoch deutlich angenommen.

«Diese Region kann ohne Tourismus nicht leben, ohne Flugplatz jedoch schon», ist Hoteliervereinpräsident Ruedi Rubi überzeugt. Das Militärdepartement würde immer mit der wirtschaftlichen Bedeutung und mit den Arbeitsplätzen argumentieren. Doch dieser Punkt werde überschätzt.

Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Region. Gemäss Haslital Tourismus zählt die Tourismusbranche in der Region Brienz-Haslital rund 1500 Vollzeitstellen, weitere 800 Vollzeitstellen sind indirekt vom Tourismus abhängig. Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor stellt dabei insbesondere das Freilichtmuseum Ballenberg. Der Flugplatz zählt laut Schweizer Luftwaffe rund 200 Arbeitsplätze.

Fondueplausch  und ländlermusik

«Es geht auch darum, den Staffelstandort Meiringen als Chance für die Region zu sehen und gewisse Synergien zu nutzen», sagt Flugplatzkommandant Peter Merz.

So wird etwa bei Nachtflugtraining im Restaurant Fliegertreff auch mal ein «Fondueplausch» mit Ländlermusik  oder ein Bauernbuffet à discrétion mit Jazz Band organisiert. Und im Hangar des Militärflugplatzes wurde auch schon gejodelt.

Auf dem Flugplatz stehen auch Anlässe wie die zehntägigen Modell Jet Weltmeisterschaften oder der Nostalgieflugtag, bei dem insbesondere Rundflüge mit der JU-52 organisiert werden, auf dem Programm. Zudem werden wöchentlich Betriebsführungen durchgeführt, bei denen die Besucher die Luftwaffe «erleben» können.

«Wir produzieren Lärm und wollen deshalb der Region etwas zurückgeben», sagt Merz. Der Flugplatzkommandant, könnte sich vorstellen, die Anlässe auf dem Flugplatz noch auszubauen. Vorausgesetzt, es entspreche dem Willen der Region, wie er sagt. So lange es den Flugverkehr nicht einschränke, sei man diesbezüglich ziemlich flexibel. «Ich glaube, dass das touristische Angebot möglichst breitgefächert sein soll», so Merz.

Soll Luftwaffe Tourismus betreiben?

Ist es Aufgabe der Armee, Tourismus zu betreiben? «Wir organisieren die Anlässe nicht, wir stellen lediglich die Infrastruktur zur Verfügung», betont Merz.

Tatsache ist: Verteidigungsminister Ueli Maurer hat 2010 zusammen mit dem ehemaligen Kommandanten der Luftwaffe Markus Gygax und den regionalen Vertretern des so genannten Kontaktgremiums Massnahmen zur «besseren Verankerung des Flugplatzes in der Region» und zur «Verbesserung der Zusammenarbeit mit dem Tourismus» beschlossen. Dabei fiel auch der Entscheid, für die Region Brienz-Haslital eine Standortmarketingstelle einzurichten. Die auf drei Jahre befristete Stelle wird zu einem Grossteil vom Militärdepartement finanziert.

Meiringen sei für einen Teil der Touristen gerade auch deshalb interessant, weil man Flugzeuge aus nächster Nähe starten und landen sehen könne, antwortete Bundesrat Ueli Maurer der Grünen Nationalrätin Franziska Teuscher zudem in einer Fragestunde.

Im Jahr 2007 wurde eigens ein Verein mit dem Namen «Pro Flugplatz Meiringen» gegründet, der sich gemäss eigenen Worten für «eine vermehrte touristische Nutzung» des Flugplatzes einsetzt. Der Verein wird vom Meiringer SVP-Grossrat Gerhard Fischer präsidiert. Zu den Vereinsmitgliedern gehören auch Flugplatzkommandant Peter Merz und weitere Flugplatzangestellte.

So wirbt Brienz Tourismus heute auf der Website neben der nostalgischen Dampfbahn auf das Brienzer Rothorn auch für das so genannte Fliegerschiessen auf der Axalp. «Spektakulär» und «einmalig» sei dieser Event, heisst es da. Brienz Tourismus übernimmt auch den Ticketverkauf für Bus, Sesselbahn und Parkplatz.

Die Leistungsschau der Schweizer Luftwaffe zieht jeweils über 10‘000 Flugfans an und macht die abgelegene Axalp tagelang zum Kriegsschauplatz. Der Fliegerschiessplatz liegt inmitten zahlreicher unwegsamer Schluchten und Täler und zieht sich wie eine Narbe zwischen dem Naturschutzgebiet Hinterburg-Oltscheren und dem Jagdbannbezirk Schwarzhorn.

Für den Bergführer und ehemaligen Präsidenten der Interessengemeinschaft für weniger Fluglärm, Emil Feuz, geht die Rechnung nicht auf: «Wenn die Kampfjets in unserer lärmgeplagten Tourismusgegend zur Attraktion gemacht werden, ist das schon fragwürdig.»

Ferien auf dem Luftwaffenstützpunkt?

Der militärische Fluglärm werde vom Tourismus kaum wahrgenommen und nur bedingt als störend empfunden,  heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Image-Studie des Vereins «Pro Flugplatz Meiringen».  Einer der Schönheitsfehler der Studie, die auf einer Masterarbeit der Universität Bern beruht: Obwohl Brienz besonders stark unter dem Fluglärm leidet, konzentriert sie sich auf die Tourismusregion Meiringen-Hasliberg.

Hört man sich in der Umgebung bei Touristen und Hoteliers um, tönt es jedenfalls anders. Sie würden nie mehr Ferien am Brienzersee buchen, denn sie wollen die Ferien nicht auf einem Luftwaffenstützpunkt zubringen, schreiben etwa Gäste des Hotels Giessbach.

«Das passiert den Hoteliers immer wieder, manchmal täglich», so Ruedi Rubi, Präsident des Hotelievereins Brienz. Langjährige Stammgäste, die sich für die Gegend begeistern, wandern in ruhigere Bergtäler ab und neue Gäste reklamieren sofort.»

Kaffeebons für Militärflugplatzrestaurant

Besonders vom Fluglärm betroffen ist das Ballenberg Museum. Es befindet sich nur wenige Hundert Meter Luftlinie vom Militärflugplatz entfernt. Wenn die F/A-18-Kampfjets mit Nachbrenner starten, fangen die Kinder schon mal an zu schreien.

Während das Militär im Lärmbelastungskataster des Umweltverträglichkeitsberichts für den Ballenberg Durchschnittswerte von 60 bis 65 Dezibel angibt, dröhnen hier laut Lärmexperten die F/A-18-Maschinen effektiv mit 100 bis 110 Dezibel über die Köpfe der Besucher hinweg. Dieser Wert liegt klar im gesundheitsgefährdenden Bereich.

Um den Ballenberg-Besuchern den ersten «Schreckmoment» zu nehmen, schlägt Jürg Lüscher, der Medienverantwortliche des Vereins «Pro Flugplatz Meiringen», die Abgabe von aktuellen Informationen zum Flugbetrieb vor. Weiter schwebt ihm eine Aussichtsplattform vor, damit die Besucher das Geschehen auf dem Flugplatz besser überblicken könnten. Und Kaffeegutscheine für das Restaurant auf dem Militärflugplatz.

«Ich sehe keine Anhaltspunkte für eine Kooperation. Die Interessenlager stehen quer, die lassen sich nicht vereinen», sagt Katrin Rieder, Geschäftsleitungsvorsitzende des Freilichtmuseums Ballenberg. Ballenberg sei nicht das Verkehrshaus, hier werde die ländliche Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts vermittelt. «Der Fluglärm schadet dem Tourismus, er zerstört unsere Tourismusregion. Daran ändert auch eine Plattform nichts.» Das Ziel des Freilichtmuseums und der Wunsch der Gäste sei nicht Militärflugplatz-Information, sondern kein Fluglärm während der Museumssaison.

«Prinzipien des Rechtstaats beachten»

Die Forderungen des Kontaktgremiums der Flugplatzregion und des Hoteliervereins Brienz sind seit langem auf dem Tisch: Der Flugbetrieb soll auf 2500 Flugbewegungen mit Kampfjets eingeschränkt und in der Sommersaison während 4 Monaten eingestellt werden. Es gibt Motionen, Initiativen, Klagen, Eingaben, offene Briefe an den Bundesrat. Doch die Forderungen stossen auf taube Ohren.

Franz Weber spricht von «einer unerträglichen Terrorisierung der Bevölkerung» und ruft die Armee auf, «endlich die Prinzipien des Rechtstaats zu beachten».

Mit seiner Stiftung «Giessbach dem Schweizer Volk» und verschiedenen Hoteliers hat er 2010 ein Begehren an das Militärdepartement geschickt. Es sei festzustellen, dass die Lärm- und Schadstoffimmissionen widerrechtlich seien, die in der Region Meiringen und Umgebung durch Kampfjets verursacht werden.

Während das VBS befunden hatte, die Beschwerdeführer seien nicht klageberechtigt, wurde ihnen vom Verwaltungs- und vom Bundesgericht durchaus ein «schutzwürdiges Interesse» bescheinigt. Trotz allem hat das Militärdepartement die Fluglärmimissionen durch den Militärflugplatz Meiringen bis heute nicht überprüfen lassen.

«Es wird einfach alles unter den Tisch gewischt», sagt Monique Werro, die seit über 20 Jahren das Seehotel Bären in Brienz führt. «Wir empfinden ein totales Gefühl der Ohnmacht.»  Für die Hoteldirektorin ist klar: «Die Kampfjets gehören in die Wüste oder auf einen Flugzeugträger, aber nicht in die Tourismusregion Haslital.»

Heute gibt es in der Schweiz vier F/A-18-Militärflugplätze: Meiringen, Payerne, Sion und Emmen als so genannter Ausweichflughafen.

Der Militärflugplatz Meiringen besteht seit 1941. Richtig laut wurde es hier im Jahr 2006: Damals wurde die Fliegerstaffel 11, eine der drei F/A-18-Fliegerstaffeln der Schweizer Luftwaffe, von Dübendorf nach Meiringen verlegt.

Seither haben die F/A-18-Flugbewegungen kontinuierlich zugenommen. Laut VBS sollen die heute rund 3900 weiter auf 4000 bis 5000 Flugbewegungen aufgestockt werden.

Bleibt Meiringen auch in Zukunft Staffelstandort und werden die verbleibenden Tiger F-5 wie geplant durch den Gripen ersetzt, würde es hier gar noch lauter.

Hinzu kommt das stundenlange Kreisen der Kampfjets über der Axalp, die mit einem stakkatoartigen Rattern Kanonen auf den Fliegerschiessplatz abfeuern. Wenigstens hätten die Bauern einst erreicht, dass auf der Axalp nicht geschossen werde, so lange die Kühe auf der Alp seien, sagt Monique Werro, Hoteldirektorin des Seehotels Bären in Brienz, lakonisch.

Zwar gibt es mittlerweile auf dem Flugplatz Meiringen offiziell eine zweimonatige Pause ohne geplanten Flugverkehr, doch das bedeutet nicht, dass keine Kampfjets fliegen: Im «zentralen Luftraum» des Berner Oberlands ist selbst in den Sommermonaten keine Sperrung möglich, wie es bei der Luftwaffe heisst. Zudem dient der Flugplatz Meiringen als Ausweichflughafen.

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