Der protestierende Mensch ist schön

In Bulgarien demonstrieren seit Juni erneut Tausende von Menschen gegen die soziale Ungleichheit und die bittere Armut. Die Bulgaren wehren sich dagegen, dass Politiker Wahlversprechen zynisch in den Wind schlagen und Transparenz zwar propagieren, doch nicht wirklich gewährleisten. Nach 1989 und 1997 ist es eine neue junge Protestgeneration, die mehr Zivilgesellschaft einfordert.

Geballte Fäuste, witzige Protesttexte:  in Sofia wird seit Juni wieder protestiert.  (Zeichnung: Lena Eriksson)

Geballte Fäuste, witzige Protesttexte: in Sofia wird seit Juni wieder protestiert. (Zeichnung: Lena Eriksson)

Es war vorletzten Freitag gegen Mittag, nach einem besonders dreisten Manöver der bulgarischen Regierung, das viele Leute empörte, dass ich auf meiner Facebook-Seite schrieb, wir brauchten nun wohl einen Revolutionsimport direkt aus dem benachbarten Istanbul. Wozu denn einen Import, fragte jemand indigniert zurück. «Weil sich bei uns kein Produzent dafür findet», so meine Antwort, «mit Protesten haben wir es nicht so.» Ein Irrtum meinerseits, wie sich herausstellte!

Nur Stunden später hat sich das Wunder ereignet, und nach einem schweren Regenschauer (wie aus den Lyrics von Bob Dylan hervorgebrochen: «and it’s a hard, and it’s a hard, and it’s a hard rain’s a-gonna fall») lief ich glücklich über einen mit vielen Menschen gefüllten Platz. Zorn in den Gesichtern, Freude zugleich.

Mehrfach betrogen

Überhaupt: Was habe ich nicht alles für Gesichter gesehen in den letzten Tagen! Leute, die seit 1997 (als eine Hyperinflation den bulgarischen Staat zum Einsturz brachte) nicht mehr miteinander auf der Strasse waren, wenn nicht seit 1989 nicht mehr. Überraschend viele Väter mit Kindern auf den Schultern sah ich, Mütter mit Kindern an der Hand. Alle erschienen sie mir schön, klug und vernünftig. Besonders die Kinder.

Was sich derzeit in Bulgarien ereignet, könnte man tatsächlich so nennen: einen Protest der Kinder, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Es sind die Kinder aus den Zeiten der Wende, junge Leute von 20 bis 25 Jahren, die fast keine eigene Erinnerung an den Sozialismus haben. Falls eine jede Generation das Anrecht auf eine Revolution haben sollte, wäre dies die ihre. Zugleich aber haben sie ihre eigenen kleinen Kinder bei sich. Neben ihnen Leute im mittleren Alter, von denen viele seinerzeit, 1989 und 1997, dabei waren, das Glücksgefühl des Widerstands genossen haben. Seither hat die bulgarische Gesellschaft sich schon wieder mehrfach betrogen gefühlt, nur nie die Kraft gefunden, dagegen vorzugehen. Stattdessen gab es die üblichen Emigrationswellen.

Vor ein paar Monaten erst, im Februar 2013, brach der Protest der Verzweiflung los. Leute, die sich nicht mehr imstande sahen, ihre Stromrechnungen zu bezahlen, belagerten in der Hauptstadt Sofia die zentrale Kreuzung an der Brücke Orlow most. Was dann geschah, ist bekannt – die bulgarische Regierung unter Boiko Borissow trat zurück, es gab ein provisorisches Kabinett, Neuwahlen und ein neues Parlament, dem es gelang, den alten Status quo von vor den Protesten schleunigst wiederherzustellen. Die Mehrheit derer, die jetzt auf den Beinen sind, werden in diesem Parlament von niemandem vertreten.

Für eine Gesellschaft, welche so geduldig und hart im Nehmen ist wie die unsere, sind zwei Revolutionen binnen vier Monaten schon etwas Besonderes.

Aber Juni ist nicht Februar. Die Junikinder wollen mehr. Es geht nicht um Geld und um zu begleichende Rechnungen. Wenn es um Geld geht, weiss die Macht sich zu verhalten: ein paar kleine Versprechungen geben, ein bisschen die Staatsreserven anzapfen, einen Sündenbock suchen – zum Beispiel die ausländischen Stromanbieter.

Jetzt, wo es nicht mehr um Geld geht, sind die Mächtigen vollkommen ratlos. Wir wollen nicht von Drahtziehern regiert werden, sagen die Protestierenden. Das kann die Elite nicht verstehen, denn sie hängt an diesen Drähten; Drahtzieherei ist die einzige Mechanik, die sie kennt, sie ist ihr Begriff, den sie von «professioneller» Politik hat. Sie versteht folglich gar nicht, «was die wollen».

Die sich jeden Abend ab halb sieben auf der Strasse versammeln, sind tagsüber beschäftigt. Erst nach Arbeitsschluss kommen sie demonstrieren. Und kehren beizeiten vor Mitternacht heim, weil sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit oder zur Vorlesung müssen. Facebook ist ihr hauptsächliches Medium. Dies umso mehr, als sie ja gegen Peewski, den Medienmonopolisten des Landes, und seine Berufung zum Minister auf die Strasse gegangen sind. Ihre Steuern haben sie bezahlt, die Rechnungen für Strom und Heizung auch. Sie sind Eltern, Lehrer, Journalisten, Schreiber, Radfahrer, Theaterleute, Ingenieure, Studenten, Leser . . . Keine Berufsrevolutionäre, auch keine Fussball-Hooligans. Um sie auf die Strasse zu locken, muss jemand sie furchtbar gekränkt haben.

Es fehlt an elementarer Zukunft

Wenn Finanzexperten Bücher läsen, so schrieb ich vor einiger Zeit, wären unsere Krisen von anderer Art. Denn dann wüssten sie immerhin so etwas wie Empathie zu entwickeln. Empathie und Bücher kommen in ihren Portfolios offenkundig nicht vor. Weder Ex-Finanzminister Djankow noch der jetzige Premier Orescharski, gleichfalls ein Mann der Wirtschaft, haben begriffen, dass die Finanzkrise, die sie bedienen, nur die Spitze des Eisbergs ist, Teil einer unsichtbaren, viel tieferen, persönlicheren Krise. Einer Sinnkrise. Es fehlt denen, die hier leben, an elementarer Zukunft. Das Vertrauen ist unter die kritische Marke gefallen. Regeln und Institutionen sind ausser Kraft. Der Premier war angetreten mit dem Versprechen, Experten zu berufen – und hat den Oligarchen Tür und Tor geöffnet.

Am schönsten war natürlich, wie die Proteste anfingen, die ersten drei, vier Tage, weil es so überraschend kam. Bevor andere so weit waren, ihr je eigenes Süppchen daraus zu kochen; da wurde es von Tag zu Tag schwieriger, die Provokationen fingen an. Der Chef der nationalistischen Partei Ataka beispielsweise tat alles, um Konfrontationen auf der Strasse und Skandale in den Behörden anzufachen – mit stillschweigender Zustimmung der Regierenden von BSP (Sozialisten) und DPS (einer Partei auf ethnischer Basis). Man versuchte, Präsident Plewnaliew zu diskreditieren, der als Einziger bei der Bevölkerung noch ein gewisses Vertrauen geniesst.

Rasch und gewissermassen in voller Fahrt musste der Protest eine Immunität gegen derlei Fremdkörper ausbilden, sie radikal abstossen. Bis jetzt hat das hervorragend funktioniert.

Die Protestierenden haben das nötige Selbstbewusstsein. Man sieht es schon an den Sprüchen, die sie mit sich tragen. Zum Beispiel: «Ihr seid nicht intelligent genug für uns.» Von einem Abgeordneten der Regierungsfraktion als Internet-Mob diskreditiert, kontern sie: «Proud to be Internet lumpen.» Und auf die Unterstellung, von irgendwem bezahlt zu sein, heisst es: «Ich bin nicht bezahlt. Mein Hass auf euch ist kostenlos.» Zu meinen Lieblingslosungen gehört die, die ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter trug: «Jetzt habt ihr meine Mama wütend gemacht.» Die Plakate sind meist klein und selbstgemalt, im A4-Format. Am sechsten Tag der Proteste nahm meine sechsjährige Tochter den Stift zur Hand und schrieb mit krakeligen Buchstaben: «Wegen euch bin ich nicht spielen.»

Fragt man die Leute, wieso sie ihre Kinder mitbringen, bekommt man zur Antwort: Wo sollen wir sie denn lassen? Ausserdem kann es nicht schaden, wenn sie lernen, wie man demonstriert, sie werden es noch öfter im Leben brauchen.

Ist das der bulgarische Frühling, mit etwas Verzug? Hoffentlich haben diese Proteste die Kraft, sich den Charakter ihres Ursprungs zu bewahren. Den gemessenen Zorn, das Lachen dabei. Das Gefühl für die Gemeinsamkeit. Denn der protestierende Mensch ist wirklich schön. Und er ist vernünftig.

Aus dem Bulgarischen von Andreas Tretner.

Erstmal erschienen in der «Neuen Zürcher Zeitung» am 27. Juni 2013. Zweitpublikation auf NEULAND mit freundlicher Genehmigung von Georgi Gospodinow, Andreas Tretner und der Neuen Zürcher Zeitung.

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