Selbstverteidigung

Autonomie – Eine Verteidigung

(Bild: Bianca Dugaro, aus der Serie "Abbilder")
Bild: Bianca Dugaro (Aus der Serie "Abbilder")

Sarah O., eine Schülerin aus Konstanz. Ihr Vater ist Algerier, ihre Mutter Deutsche. Sarah besuchte nach der Grundschule das Gymnasium, ihre Leistungen waren mittelmäßig bis gut, sie ging mit Freundinnen ins Schwimmbad, hatte Spaß und entwickelte sich völlig normal. Eine ganz gewöhnliche junge Muslima in Deutschland eben. Doch mit fünfzehn entschließt sie sich, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen; drei Wochen vor ihrem 16. Geburtstag heiratet sie einen deutschen Salafisten türkischer Herkunft, der den Behörden durch seine Straftaten mit extremistischem Hintergrund gut bekannt ist.

Ihre Freundinnen bekamen bald Nachricht von ihr – über WhatsApp, Facebook und andere soziale Netzwerke. Ein Foto zeigte sie in ihrem langen lila Gewand, verschleiert und mit schwarzen Handschuhen. Sie hielt eine Maschinenpistole im Anschlag. Über ihren Tagesablauf schrieb sie: Schlafen, Essen, Schießen, Lernen, Vorträge anhören. Mitte November schickte sie ein Foto, das eine Pistole zeigt, die auf ihrem Handschuh glänzt. Meine neue Perle, schrieb sie. Eine Nachricht lautete: ›Bin jetzt übrigens bei Al Qaida.

II.

Anfang Juli 2012 sprang die siebenunddreißigjährige Erzieherin Ina K. im Osterwald in Niedersachsen bei einem Ausflug in einen 25 Meter tiefen Bergwerksschacht. Zuvor war dort einer ihrer Schützlinge, ein dreijähriger Junge, auf einer morschen Abdeckung eingebrochen und in die Tiefe gestürzt. Ina K. sprang ihm, ohne zu zögern, hinterher, konnte das Kind in der Dunkelheit des Schachts finden und zwei Stunden lang im fünf Grad kalten Wasser oben halten, bis die Feuerwehr beide retten konnte. Der Junge wie auch Ina K. wurden nur leicht verletzt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erzieherin beim Sprung in die Dunkelheit selbst ums Leben kommen würde, war extrem hoch; die Aussicht, das Kind zu finden und zu retten, äußerst niedrig. Ina K. wusste nicht einmal, wie tief der Schacht war, in den sie sprang. Sie wusste auch nicht, wie sie aus ihm jemals wieder herauskommen würde. Ina K. schien es einfach selbstverständlich, dass das Kind gerettet werden müsse.

III.

Ende 2014 befinden sich mindestens eine Million Menschen aus Syrien und aus dem Nordirak auf der Flucht vor einem außerordentlich brutalen Bürgerkrieg, vor der Bombardierung durch das Assad-Regime, vor Mord und Vergewaltigung durch IS-Milizen. Wer ihnen warum jeweils nach dem Leben trachtet, ist undurchschaubar. Die Menschen, die auf der Flucht sind, tragen keine Schuld. Sie kommen, wenn sie Glück haben, notdürftig in Flüchtlingslagern unter, in überfüllten, ungeheizten Zelten, meist ohne medizinische Betreuung. Viele versuchen, nach Europa zu kommen, dort Asyl zu beantragen. Die EU beschließt zum selben Zeitpunkt, das Programm »Mare Nostrum« einzu- stellen, in dessen Rahmen Italien zuvor mehr als 100 000 Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet hat. Die Rettung von Flüchtlingen, die bei ihrem Weg über das Mittelmeer in Seenot geraten, wird jetzt der Grenzsicherungsagentur Frontex übertragen. Frontex’ eigentliche Aufgabe besteht in der Sicherung der europäischen Außengrenzen, nicht in der Rettung von Flüchtlingen aus Seenot.

Außerdem steht erheblich weniger Geld zur Verfügung, und Frontex rettet nur in Küstennähe. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière hat laut »Deutscher Welle« unlängst behauptet, dass die Seenotrettung der europäischen Staaten die Flüchtlinge ja erst ermutige, die gefährliche Reise zu wagen. Der Münchener Kabarettist Christian Springer und sein Freiwilligenteam fahren dagegen seit Dezember 2011 regelmäßig nach Syrien, nach Jordanien und in den Libanon, um syrischen Flüchtlingen zu helfen. Ihr Ziel: schnell, effektiv und professionell vor Ort Hilfe zu leisten. Dafür hat Springer den gemeinnützigen Verein Orienthelfer e. V. gegründet. Die Orienthelfer organisieren Schulunterricht für Flüchtlingskinder, stellen Krankenwagen und Müllwagen zur Verfügung, aber auch Kuscheltiere für Kinder. Was eben nötig ist.

IV.

Der österreichische Schuhfabrikant Heini Staudinger, der sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass er in seinem eigenen Unternehmen das niedrigste Gehalt bezieht, ist von der öster- reichischen Finanzmarktaufsichtsbehörde verklagt worden, weil er eine neue Lagerhalle mit Kleinkrediten von Kunden finanziert hat, die er mit 4 Prozent jährlich verzinst. Dabei handele es sich um ein illegales Bankgeschäft. Zum Schutz der Kreditgeber wurde Staudinger ein Zwangsgeld in sechsstelliger Höhe angedroht, falls er die Kreditgeber nicht sofort auszahle. Staudinger, der sich weigerte, dem nachzukommen, wurde Gefängnis angedroht (Staudinger: »Sehr gern, da komme ich endlich mal zum Lesen!«). Der Fall erfuhr große Aufmerksamkeit in den Medien, Proteste gegen die Finanzmarktaufsichtsbehörde wurden organisiert, es gab Petitionen für eine Gesetzesänderung. Anfang 2014 verliert Staudinger den Prozess. Schon im September 2013 hatte er eine neue Aktivität angekündigt, um die alleinerziehenden Mütter in seinem Unternehmen besser entlohnen zu können, ohne Gerechtigkeitsprinzipien zu verletzen. Da der österreichische Milliardär Dietrich Mateschitz (»Red Bull«) die Ausgaben für seinen Formel-1-Rennstall als Marketing-Aufwendungen von der Steuer absetzen kann, gründete Staudinger die »Formel Z«, in der Kleinkinder in Bobby-Cars gegeneinander antreten. Mit dem Steuervorteil finanziert er die höhere Entlohnung der alleinerziehenden Mütter.

Würden wir sagen: Alle erwähnten Personen handeln autonom? Vermutlich ja, obwohl Sarah O., Ina K., Thomas de Maizière, Christian Springer und Heini Staudinger höchst unterschied- liche Dinge tun. Sarah O. entscheidet sich autonom für die Auf- gabe ihrer Freiheit und für die Unterordnung unter ein repressives Regime. Ina K. riskiert ihr Leben, um ein anderes zu retten. Thomas de Maizière folgt als Bundesinnenminister seiner Verpflichtung, »Schaden vom deutschen Volk« abzuwenden, Christian Springer versucht den Schaden zu mildern, der dadurch anderen Völkern entsteht. Heini Staudinger bemüht sich, Ungerechtigkeit durch List zu überwinden. Wenn wir sagen, sie alle handeln autonom, bekommen wir aber sofort Schwierigkeiten zu entscheiden, ob sie nicht zugleich auch konform handeln: Sarah O. steigt zwar autonom aus dem für sie vorgesehenen Lebensweg aus, aber nur, um sich radikaler Konformität zu unterwerfen. Ina K. würde ihr Verhalten gar nicht als »autonom« verstehen, sondern als sozial selbstverständliches, also konfor- mes Verhalten. Der Bundesinnenminister ist in seinem Handeln ohnehin der Allgemeinheit verpflichtet, und Christian Springer genauso wie Heini Staudinger tun, was sie tun, um andere zu unterstützen. Kurz: In allen Fällen steht ein mehr oder weniger klar definiertes Kollektiv im Hintergrund, dem sich die Han- delnden verpflichtet fühlen. Sind sie, so betrachtet, eigentlich autonom? Und kann es autonomes Handeln und Entscheiden sein, wenn man die eigene Autonomie preisgibt oder die Schädigung anderer durch seine autonome Entscheidung in Kauf nimmt?

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Bild: Bianca Dugaro

Man sieht sofort: Es ist eine schwierige Sache mit der Autonomie. Und es wird noch schwieriger, wenn man sieht, dass niemand so richtig weiß, was Autonomie eigentlich ist, aber das Selbstverständnis moderner pluralistischer Demokratien trotzdem darauf baut, dass Menschen selbstbestimmt, also autonom, handeln und entscheiden können. Wir möchten in dem vorliegenden Buch dieser scheinbar so selbstverständlichen Eigenschaft nachspüren und klären, was das ist: Autonomie. Eine persönliche, unverlierbare Eigenschaft? Das wäre die idealistische Variante, die historisch betrachtet zur Entstehung moderner Staatsgesellschaften passen würde. Eine vor allem in bestimmten sozialen Situationen abrufbare Fähigkeit? Das wäre eine be- havioristische Sicht, die den Einzelnen und seine Handlungen vor allem im Ensemble von Umweltreizen betrachtet. Eine nur unter bestimmten Bedingungen zur Entfaltung kommende menschliche Eigenschaft – also eine, philosophisch gesprochen, »dispositionelle Eigenschaft«, die als Potential immer vorhanden ist, aber spezifischer Voraussetzungen bedarf, um wirksam zu werden?

Und umgekehrt: Was sind die gesellschaftlichen Umstände, die Autonomie ermöglichen, einschränken oder blockieren? Hat Autonomie immer schon existiert, oder hat sie sich erst unter bestimmten historischen Bedingungen entwickelt? Was ist über- haupt die Rolle von Kultur und Gesellschaft bei der Entfaltung von Autonomie? Das sind Fragen, denen wir in diesem Buch nachgehen werden – nicht nur, weil wir es unbefriedigend finden, dass es keine klare Vorstellung von Autonomie gibt, obwohl niemand an ihrer zentralen Bedeutung zweifelt. Sondern vor allem auch, weil es gegenwärtig Entwicklungen gibt – in Gestalt von Überwachungstechnologien, Big Data, Transparenzidealen, Shitstorms und Skandalisierungen –, die, sagen wir es zurückhaltend, unseren Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben in einer freien Gesellschaft stark widersprechen: Autonomie ist gefährdet. Und wir halten es, soviel vorweg, für dringend notwendig, diese Errungenschaft zu verteidigen.

Autonomie ist nämlich – zumindest aus heutiger europäischer Sicht – unverzichtbar für ein sinnvolles, selbstbestimmtes Leben. In einem gewissen Sinne kann man davon sprechen, dass Autonomie sowohl eine Tatsache als auch ein Wert ist: Sie ist eine Tatsache, weil Individuen Autonomie besitzen und mo- derne Staaten sie gewähren, doch sie ist gleichzeitig ein Wert: Wir gehen im Allgemeinen davon aus, dass Autonomie erstrebenswert ist. Das hat vor allem damit zu tun, dass Autonomie uns Freiheitsspielräume gewährt. Autonome Menschen können – in gewissen Grenzen – selbst entscheiden, welche Ausbildung sie machen, welchen Beruf sie wählen und mit welchem Partner sie ihr Leben oder Teile davon verbringen wollen. Doch Autonomie gibt es nicht umsonst: Entscheidungsspielräume können schnell zu Entscheidungszwängen werden, und Offenheit führt oft zu Unsicherheit. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Gründen, Autonomie als eine zivilisatorische Errungenschaft zu bezeichnen.

Doch was heißt »Autonomie« eigentlich? Geht man dieser Frage nach, dann stellt sich schnell der Verdacht ein, dass Autonomie ihre Beliebtheit auch ein wenig ihrer Unbestimmtheit verdanken könnte. Das sieht man schon daran, was wir alles als autonom bezeichnen: Autonom können Menschen sein, aber auch Staaten und Teile von Staaten, autonom sind aber auch Kunstwerke und seit einiger Zeit sogar Roboter oder Autos.

Doch was haben Roboter schon mit Kunstwerken oder gar mit autonomen Individuen gemeinsam? Nicht viel, möchte man sagen, doch das wäre zu kurz gegriffen. Gemeinsam ist Staaten, Individuen und Robotern nämlich eine gewisse Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen, die ihnen Spielraum lässt, eigenen Regeln und Prinzipien zu folgen. Autonome Roboter werden nicht ferngesteuert, autonome Kunstwerke dienen keinem direkten Zweck, autonome Staaten können ihre eigenen Gesetze erlassen und autonome Individuen – wir hatten das bereits gesehen – können weitgehend selbst bestimmen, was sie tun.

Das ist zunächst einmal eine gute Sache und einer der Gründe dafür, dass wir Autonomie als eine zivilisatorische Errungenschaft betrachten. Tatsächlich scheinen wir Autonomie um ihrer selbst willen zu schätzen, eben weil sie uns Freiheits- und Handlungsspielräume verschafft. Besonderen Respekt haben wir vor autonomen Individuen dann, wenn diese Widerstände überwinden. Darin scheint zumindest einer der Gründe für un- sere besondere Wertschätzung von autonomen Personen wie Antigone, Martin Luther, Georg Elser oder den Geschwistern Scholl zu liegen.

Diese zivilisatorische Errungenschaft hat sich in einem vergleichsweise lang andauernden und recht komplexen historischen Prozess herausgebildet. Dieser Prozess vergrößert einerseits die Spielräume, die Gesellschaften ihren Mitgliedern lassen: Traditionelle Gesellschaften in vergangenen Epochen boten in der Regel wenige Alternativen, was Lebensführung, Beruf, die Wahl des Partners oder den Wohnort betraf – von Mode und Musikgeschmack ganz zu schweigen. Das hatte auch damit zu tun, dass viele Möglichkeiten gar nicht zur Verfügung standen: Man kann sich nicht zwischen einer Karriere als IT-Spezialist und einer Laufbahn als Mediendesigner entscheiden, wenn es weder Computer noch Mediendesign gibt.

Doch die Entwicklung erfasst nicht nur die objektiven Möglichkeiten für autonomes Handeln, vielmehr verändert sie auch die Erwartung, wie viel Autonomie einem Individuum zusteht und was man eigentlich unter Autonomie zu verstehen hat. Ablesen lässt sich das z. B. an Entwürfen für ideale Staaten, wie sie sich bei Platon, Thomas Morus, Tommaso Campanella und später bei Ernst Bloch finden. Ursprünglich lassen solche Staatsutopien den Individuen nur ein Minimum an persönlichem Spielraum: Kleidung, Familienstand, Aufenthaltsort und natürlich auch der Beruf werden von Staats wegen festgelegt. Vielfach mischt sich dieser Staat auch in die engste Intimsphäre ein, in Sexualität, Familie und Partnerschaft. Autonomie gilt hier nicht nur als unnötig, vielmehr ist sie ganz offenbar unerwünscht. Später, mit der Entwicklung moderner Gesellschaften, geraten solche Einschränkungen aber in Verruf: In den negativen Utopien von Aldous Huxley und George Orwell taugen solche Ein- griffe nur noch als Schreckensszenarien – selbst wenn sie dem Glück der Mehrheit dienen.

In neueren positiven Utopien dagegen wird dem Einzelnen im Gegensatz zu den traditionellen Staatsutopien ein Maxi- mum an Spielraum zugebilligt; Ernst Bloch erklärt einen Prozess der privaten Selbstbesinnung zur Bedingung von Autonomie, die gleichzeitig eine Voraussetzung für die Realisierung seines utopischen Entwurfes darstellt: Das Individuum hängt nicht mehr vom utopischen Staat, sondern der utopische Staat vom Individuum ab.

Immer wieder wird damit ein Zusammenhang sichtbar, der auch für unsere eigene Gegenwart von Bedeutung ist: Autonomie ist an Privatheit gebunden. Sie benötigt einen geschützten Raum, in dem sich individuelle Besonderheiten und Möglichkeiten erst entwickeln können. Wird die Privatsphäre gefährdet, so wie dies in den traditionellen Staatsutopien, in den negativen Utopien, vor allem aber in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts geschieht, dann steht auch Autonomie auf dem Spiel. Soll diese dagegen gefördert werden, dann muss es auch einen Bereich von Privatheit geben, in dem sich individuelle Besonderheiten zuallererst entwickeln können.

Ernst Bloch liefert nur eines von vielen Beispielen dafür, dass es innerhalb dieser Entwicklung zu einer massiven Steigerung der Erwartungen kommt, wie viel Autonomie ein Staat seinen Bürgern zuzugestehen hat. Gleichzeitig ändert sich aber auch die qualitative Vorstellung davon, was Autonomie eigentlich bedeutet. So hatte z. B. Immanuel Kant, dessen Moralphilosophie zentrale Bedeutung für die Etablierung des Autonomiebegriffs hat, einen direkten Zusammenhang zwischen Autonomie, Moralität und Vernunft hergestellt. Wer moralisch handelt, der handelt in Kants Augen vernünftig, und weil er als Mensch ein vernünftiges Wesen ist, handelt er damit gleichzeitig auch selbstbestimmt. Lässt man sich dagegen von anderen Prinzipien leiten, dann handelt man in Kants Augen nicht nur irrational, sondern auch heteronom, also fremdbestimmt. Kant treibt damit die Emanzipation von sozialen und religiösen Konventionen voran, gleichzeitig grenzt er aber individuelle Merkmale als Bestandteile von Autonomie aus: Wer sich von seinen persönlichen Wünschen und Überzeugungen leiten lässt, der handelt in Kants Augen heteronom.

Doch die Entwicklung geht weiter. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Autonomie mehr und mehr als individuelle Autonomie verstanden. Persönliche Wünsche und Bedürfnisse gelten nun nicht mehr als Einschränkungen, sondern umgekehrt als konstitutive Bestandteile von Autonomie; gleichzeitig wird die enge Bindung an die Vernunft aufgegeben. Eine wichtige Rolle spielen dabei Autoren wie Max Stirner, Friedrich Nietzsche und später der bereits erwähnte Ernst Bloch. Während Kant das Individuum praktisch vollständig auf die Rationalität verpflichtet hatte, macht Max Stirner die Ratio in einem nicht ganz ungefährlichen Gegenzug vom Individuum abhängig. Auch bei anderen Autoren treibt das Bemühen um Autonomie zuweilen merkwürdige Blüten. Vor allem die Grenzen, die die Natur dem individuellen Handlungsspielraum setzt, sollen beiseitegeräumt werden. Zu erkennen ist dies bereits bei Charles Baudelaire und später in der Décadence; die russischen Utopisten wollen dann kurz nach der Wende zum 20.Jahrhundert gleich noch die Naturgesetze verändern, den Tod abschaffen und letztlich die totale Kontrolle über die Natur gewinnen.

Autonomie, so kann man hier sehen, hat offenbar auch ihre Schattenseiten. Wir werden uns ausführlich mit ihnen beschäftigen. Dennoch glauben wir, dass es sich insgesamt um eine wich- tige Errungenschaft des zivilisatorischen Prozesses handelt. Eine Errungenschaft, die konstitutiv für Freiheits- und Entscheidungsspielräume ist, ohne die ein sinnvolles Leben aus heutiger Perspektive überhaupt nicht mehr vorstellbar wäre. Gleichzeitig ist Autonomie aber auch unverzichtbar für das Funktionieren moderner, hochdifferenzierter Gesellschaften.

Umso bedenklicher sind daher die zahlreichen Hinweise darauf, dass Autonomie heute in mehrfacher Hinsicht gefährdet ist. Zum einen weckt eine Vielzahl wissenschaftlicher Befunde Zweifel an unserer Fähigkeit zu autonomem Handeln. Sozial-psychologische Experimente zeigen beispielsweise, dass es mit unserer Widerstandskraft gegenüber äußeren Einflüssen längst nicht so weit her ist, wie wir das gerne annehmen. Gravierend sind diese Einschränkungen vor allem deshalb, weil sie großenteils unserer Kontrolle entzogen sind. Wir nehmen diese Einflüsse nicht wahr; sie werden unabhängig davon wirksam, ob wir uns selbst als autonom begreifen oder nicht, und in vielen Fällen können wir kaum etwas gegen sie tun: Stellen Sie sich einfach mal mit jemand anderem an eine belebte Straße und schauen Sie auffällig nach oben oder gähnen Sie in einer öffentlichen Veranstaltung. Nach kürzester Zeit werden Sie von Menschen umringt sein, die genau dasselbe tun.

Es kommt hinzu, dass sich unsere prinzipielle und oft auch gar nicht problematische Anfälligkeit für soziale Einflüsse durch die Entwicklung des Internets noch deutlich verstärken kann. Dies beginnt mit den sogenannten sozialen Netzwerken, in denen Menschen ihr Privatleben öffentlich ausbreiten, es setzt sich fort mit Medienkampagnen, die in kürzester Zeit ganze Gesellschaften in Aufruhr versetzen können, und es endet mit der Bespitzelung durch Geheimdienste und Internetkonzerne, die früher oder später zu ganz entscheidenden Einschränkungen unserer Spielräume für autonomes Handeln führen können.

Dass unsere Handlungsspielräume gefährdet werden, wenn unsere Privatsphäre in die Öffentlichkeit gezerrt wird oder wir zum Opfer von Überwachung und Medienkampagnen werden, ist nicht weiter überraschend. Wesentlich interessanter ist die Frage, ob nicht auch die aktive Beteiligung an solchen Aktivitä- ten unsere Autonomie einschränkt. Natürlich stellen wir unsere Privatfotos in der Regel selbst ins Netz. Doch entwickelt sich innerhalb solcher Netzwerke nicht ein regelrechter Druck, es den anderen gleichzutun? Vieldiskutiert ist inzwischen der soziale Druck, der entsteht, wenn man sichtbar online ist und nicht sofort auf eine Frage oder einen Kommentar antwortet. Deutlicher noch zeigen sich neue soziale Zwänge in Fällen von Cy- bermobbing und Shitstorms. Entwickelt sich hier nicht eine Eigendynamik des Mitmachens, die auch den »Tätern« die Kon- trolle darüber entreißt, was hier passiert und eskaliert? In jedem Falle gehört es zur Komplexität von Autonomie, dass sie nicht nur durch offen sichtbaren Zwang gefährdet wird, viel- mehr kann sie auch durch subtile, für den Einzelnen kaum erkennbare Einflüsse unterlaufen werden.

Die skizzierten Probleme sind gravierend, aber – so soll hier gezeigt werden – wir sind ihnen nicht einfach ausgeliefert. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf die wir uns stützen wer- den, verraten nicht nur etwas über die Einschränkungen unse- rer Autonomiefähigkeiten, sie geben auch Hinweise, wie wir diesen Einschränkungen begegnen können. Wenn wir die Me- chanismen verstanden haben, die unsere Autonomie gefährden, dann gewinnen wir Mittel und Wege, uns dagegen zur Wehr zu setzen. Dies mag einfacher sein, wenn der Druck von den Mit- gliedern des lokalen Fußballvereins ausgeht, und schwieriger, wenn irgendein Geheimdienst oder ein mächtiger Internetkonzern dahinterstecken, aber die Erkenntnis unserer Abhängigkeit gibt uns in jedem Falle bessere Chancen, etwas zu unternehmen, das intelligenter ist als die Kündigung unserer Mitgliedschaft bei Facebook. Obwohl auch die schon intelligent ist.

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Der vorliegende Beitrag von Harald Welzer und Michael Pauen ist ein Auszug aus dem Buch “Autonomie. Eine Verteidigung“. Es erscheint am 21. April 2015 im S. Fischer Verlag. Auszug mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlags.

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