Lebensräume

«Diese Machermentalität bringt uns nicht weiter»

Nachtigall (von Luca Schenardi)
Nachtigall (von Luca Schenardi)

Wir lieben die Vögel. Trotzdem nehmen wir ihnen die Bäume, die Sträucher und die Wiesen weg, die sie zum Leben brauchen. Der Künstler Luca Schenardi geht einer Gesellschaft auf die Spur, die auch im Garten gerne Ordnung hat.

«Jede Gesellschaft hat die Vögel, die sie verdient», ist das Fazit deiner langjährigen Auseinandersetzung mit der Vogelwelt in der Schweiz. Was sagen die Vögel über uns aus?

Luca Schenardi: Die Vögel sind ein Spiegelbild unserer Lebensweise und unseres widersprüchlichen Verhältnisses zur Natur. Der Vogel ist in unserer Gesellschaft ein sehr positiv angesehenes Tier und ein Symbol für Freiheit. Er ist kulturell prägend und von archetypischer Bedeutung. Man hat die Vögel gern.

Trotzdem stehen heute über 40 Prozent der Vogelarten in der Schweiz auf der Roten Liste, das heisst fast die Hälfte. Ohne das Engagement von Naturschutzorganisationen wie der Vogelwarte Sempach oder dem Schweizerischen Vogelschutz SVS wären es noch mehr.

Die Vögel werden in der Schweiz vor allem durch die Zerschneidung der Landschaft durch Strassen und Siedlungen und die seit Jahrzehnten voranschreitende Intensivierung der Landwirtschaft verdrängt. Dafür stellt man ein paar Vogelskulpturen in den Garten, Sarkophage für das verschwundene Leben.

In den Gärten auf deinen Bildern findet man vor allem eines: Ordnung. Was bedeut es, wenn wir beginnen, die Natur aufzuräumen?

L. S.: Ich sehe darin eine gewisse Programmierung der westlichen Gesellschaft. Man muss immer etwas machen, immer eine Wertschöpfung herausholen, alles möglichst auspressen. Ganz nach dem Grundsatz «Ora et labora», «Bete und arbeite». Konsum ist die Religion, die Wirtschaft ist Gott.

Das hat etwas Manisches. Man braucht nur einen Blick in die Gärten von Einfamilienhäusern zu werfen: Das Eigentum will nach den eigenen Vorstellungen gestaltet sein. Man kann die Natur nicht einfach Natur sein lassen und sich an dem freuen, was wächst. So werden etwa Bäume gefällt und die verbliebenen Strünke mit Schnitzereien verziert und überdacht. Solche abstrusen Gebilde sind von einer gewissen Komik. Wie der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Werk «Haben oder Sein» aufzeigt, haben wir grosse Mühe, einfach nur zu sein.

Viele Leute wissen gar nicht, was sie anderes machen sollen als zu arbeiten. Sogar die Ferieninitiative haben die Schweizer abgelehnt, dabei bräuchte es unbedingt mehr Zeit für Musse und dafür, das eigene Leben und das System, in dem wir drin sind, kritisch zu reflektieren. Diese Machermentalität bringt uns nicht weiter.

Was geht in dir vor, wenn du durch zubetonierte Landschaften und Agrarwüsten wanderst?

L.S.: Es ärgert mich und macht mich zuweilen unglaublich wütend. Doch meine Wut ist mittlerweile etwas kleiner geworden. Nach drei Jahren Arbeit an meinem Buchprojekt bin ich etwas müde und ausgebrannt. Eine gewisse Nüchternheit hat Einzug gehalten.

Ich kann als Einzelkämpfer die Welt nicht ändern. Der Trend zum Eigenheim hält an: Fast drei Viertel aller seit dem Jahr 2000 erstellten Gebäude sind Einfamilienhäuser.

Ich glaube, es muss leider etwas passieren, bevor sich diese Entwicklung ändert. Es ist wie bei den AKWs. Vor der AKW-Katastrophe in Fukushima wurde die Anti-AKW-Bewegung alles andere als ernst genommen.

Welches ist dein grösstes Anliegen?

L.S.: Dass gewisse politische Kreise einsehen, dass es noch etwas anderes gibt, als nur dem Geld nachzurennen. Ich weiss, dieses Anliegen ist reines Wunschdenken, das nur in Utopia in Erfüllung gehen wird.

Doch materieller Reichtum allein macht nicht glücklich, auch wenn sich die Schweiz oft als Insel der Glückseligkeit darstellt. Wenn in einem Land viermal mehr Menschen Selbstmord begehen als im Strassenverkehr sterben, dann kann etwas nicht stimmen.

Heute geht es vor allem um Profit und Arbeitsplätze, das heilige Sakrament. Mit diesen Argumenten werden viele Naturschutzanliegen versenkt und unzählige Landstriche von unschätzbarem Wert geopfert. «Der Markt entscheidet», das ist eine Sprache, die ich nicht verstehe.

⬆ nach oben