Gleiches Recht auf die Welt / Gegenbewegung

Anleitung für eine gerechtere Welt

Beim Flanieren durch die Strassen von Zürich gesehen: Ein Zaun markiert die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum. Foto: Judith Stofer
Beim Flanieren durch die Strassen von Zürich gesehen: Ein Zaun markiert die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum. Foto: Judith Stofer

6,3 Milliarden Menschen könnte es materiell besser gehen. Was müssten sie dafür tun? Ihr gleiches Recht auf die Welt nicht mehr gedankenlos aus der Hand geben. Und schauen, dass Exklusivrechte auf Territorien korrekt ausgehandelt und entschädigt werden – so dass jeder Mensch von aller Lebensgrundlagen profitiert, wie es sich gehört. Wie? Warum? Ein paar Denkanstösse.

Wer die Schriften Immanuel Kants kennt oder die Aufschriften der Zuckerbeutel studiert, weiss: Das Zitat, das im Titel anklingt, heisst «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.» Gefolgt von: «Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.»

Was sagt mir der Verstand, wenn es um die Welt selbst geht? Um die von Natur aus vorhandene Welt mit all ihren Lebensräumen und Lebensgrundlagen, all ihren Wohn- und Arbeits-Plätzen, all ihren Rohstoff- und Energie-Quellen? Z.B. dies:

__  Natürlich habe ich das gleiche Recht auf diese Welt wie alle anderen Menschen.

__  Natürlich habe ich eine Entschädigung zugut, wenn ich mein Recht andern zur Verfügung stelle, damit Exklusivrechte auf Grundstücke möglich werden.

__  Und natürlich braucht es dafür ein Aushandlungssystem zwischen allen Menschen.

MEISTBIETEN UND GLEICHAUFTEILEN

Dank dem Web wird eine korrekte Aushandlung erstmals in der Geschichte möglich:

__  Alle Grundstücke, auf die es ein Exklusivrecht gibt, kommen auf eine Webplattform.

__  Das Exklusivrecht hat jeweils der, der einen am Höchsten für den Ausschluss entschädigt. Laufend, z.B. pro Jahr.

__  Alle Entschädigungen werden regelmässig aktualisiert und allen Menschen übermittelt.

Immer zu gleichen Teilen.

Und die Immobilien? Die waren bisher Alibi, um die Entschädigung an alle Menschen zu vergessen. Dabei… Ändern die Immobilien etwas daran, dass man von einem Grundstück ausgeschlossen ist? Natürlich nicht. Sie sind ein zweiter Faktor, der dazu kommt. Und wenn zwei Faktoren eine Rolle spielen, sagt der Verstand, dann soll man nicht einen davon vergessen. Sondern eine Lösung suchen, die beide berücksichtigt. Vorschlag deshalb:

__  Es gibt einerseits eine laufende Entschädigung an alle Menschen. Und andererseits eine Ablösesumme vom neuen zum alten Inhaber, falls gewechselt wird.

__  Damit keine Entschädigung ausgehebelt wird, hängen die beiden Zahlen zusammen: Laufende Entschädigung pro Jahr = fixer Prozentsatz der Ablösesumme.

__  Dieser Prozentsatz kann aktualisiert werden, wenn sich die Wertvorstellungen ändern (immer die höchste Zahl, der die Mehrheit zustimmt).

Muss man zuerst «das Rad der Geschichte zurückdrehen», bevor mehr Gerechtigkeit möglich wird? Nein. Man kann aus dem Stand starten. Indem man die Exklusivrechte – mit den aktuellen Inhabern – in das neue Aushandlungssystem stellt.

Was passiert dann?

__  Wer die anderen Menschen entschädigt, wie es sich gehört, hat das betreffende Exklusivrecht weiterhin. Eine überdurchschnittliche Beanspruchung von Exklusivrechten kostet unter dem Strich entsprechend – und eine unterdurchschnittliche Beanspruchung bringt zusätzliches Geld.

__  Wie sich das Interesse an einer über- oder unterdurchschnittlichen Beanspruchung auf einer stimmigen Basis entwickelt, kann niemand voraussagen. Sicher aber ist: Da man laufend einen Durchschnittsteil aller Entschädigungen bekommt, ist ein Lieblingsteil am Lieblingsort immer bezahlbar. Für jeden Menschen. Egal wie hoch geboten wird.

__  Und sicher ist auch: Es ist noch kaum jemand verhungert, der persönlich von einem Durchschnittsteil aller Grundstücke und Ressourcen profitierte.

Warum DIESES ENGAGEMENT?

Warum besteigt ein Bergsteiger einen Berg? Eine legendäre Antwort lautet: «Because it’s there». Und warum widmet jemand einen schönen Teil seines Lebens dem gleichen Recht auf die Welt, bzw. dem entsprechenden Vorwärtsmachen? «Because it’s not there».

Dazu kurz die Fakten. Im Jahr 2012 ist es 43 Jahre her, seit die Vernetzungsmöglichkeit, die heute Internet heisst, angebahnt wurde. Und auch schon 21 Jahre, seit dieses Internet als World Wide Web breiter bekannt wurde. Wie hoch aber ist die Zahl der Studien, die sich damit befassen, ob und wie sich die neuen Vernetzungsmöglichkeiten sich für das gleiche Recht auf die Welt nutzen liessen? Null. In Zahlen: 0.

Tun wir endlich etwas! Das ist die Motivation hinter diesem Einsatz. Dazu braucht es weder persönliche Schicksalsschläge noch besondere Momente der Erleuchtung, wie oft vermutet wird.  Man kann viel Glück haben im Leben (übrigens auch Haus- und Grundeigentümer sein) und trotzdem für eine gerechtere Welt kämpfen. Genau so, wie einem die Menschenrechte auch dann am Herzen liegen können, wenn man nicht selber im Gefängnis sitzt. Es gibt eine Verantwortung, die über die eigene Lebenssituation hinausgeht.

Eigentlich ist die Frage eher, wie man dieses Engagement durchhält.

Da überlegt man eine Lösung,  die jedem Menschen unabhängig von Geschlecht, Macht oder Lebensart zu seinem Teil der Welt verhilft… und darf sich z.B. gleichzeitig anhören, man schreibe ein System fort, das «männlich, spekulativ und geldgetrieben» sei.

Da arbeitet man an einer Entwicklung, die Milliarden von Menschen neue Perspektiven eröffnet… und erhält gleichzeitig entgegengeschleudert, man propagiere «nach mir die Sintflut».

Sicher hilft es, wenn man in den Bergen geboren ist. Und drum nicht gleich die Flinte ins Korn oder den Computer ins Gestein wirft, wenn’s stürmt oder schneit.

GRÖSSTER WIDERSTAND AUS VERSEHEN

Den grössten Sturm in den Köpfen löst offenbar das Meistbieten aus. Dabei ist schon das Wort selbst weder «männlich» noch «weiblich», sondern sächlich…

Und inhaltlich heisst Meistbieten nichts anderes, als dass für die exklusive Beanspruchung von Grundstücken die unverfälschte Entschädigung bezahlt wird. Wer das Gefühl hat, man müsste die Entschädigungen «mit Rücksicht auf die Ärmeren» verfälschen, begeht einen brutalen Denkfehler. Entschädigungen unter dem Marktpreis würden bedeuten, dass die, die überdurchschnittlich Grundstücke beanspruchen, privilegiert werden – und die mit weniger Grundstücken benachteiligt.

Wenn die laufende Entschädigung für Grundstücke an alle Menschen fliesst, dann ist das mehr als «Kosmetik» – wie manchmal unterstellt wird, «weil immer noch Geld fliesst». Ob Geld an die richtigen Empfänger fliesst oder nicht, ist ein elementarer Unterschied. Und die Entschädigung dafür, dass man sein gleiches Recht auf die Welt zur Verfügung stellt, ist auch kein schmieriger «Spekulationsgewinn», für den man sich schämen muss. Vielmehr kann man sich mit bestem Gewissen auf dieses Geld freuen. Es ist ein natürlicher Teil eines Kreises, der sich stimmig schliesst.

Zugleich entlastet die schlüssige Kombination von Meistbieten und Gleichaufteilen die Welt von viel Anmassung und Arroganz. Der grösste Macker kann herumtoben wie er will – die sanfteste Seele kommt zu genau gleich viel.

 GERECHTIGKEIT UND ÖKOLOGIE

Der zweite angetönte Sturm, der mit der «Sintflut», hat damit zu tun, dass oft das Wer und das Was durcheinandergewirbelt wird. Wer z.B. unterstellt, die Meistbietenden erhielten «wie heute ebenfalls das Recht, den Boden auszubeuten und zu zerstören», projiziert etwas in den Mechanismus, das nichts damit zu tun hat.

Als Mensch, der sich Tausende von Stunden unbezahlt für eine gerechtere Welt einsetzt, propagiert man sicher nicht ihre Zerstörung! Wenn schon freut man sich, wenn auch der ökologische Rahmen fortschrittlicher wird. Doch selbst wenn eines Tages beschlossen wird, dass die Erde nur noch barfuss berührt werden darf, statt sie mit Schuhen zu treten… Solange es Exklusivrechte gibt – egal ob von Privaten oder von  Kommunen –  braucht es eine korrekte Aushandlung und Entschädigung.

Ein gerechter materieller Mechanismus und griffige ökonomische Rahmenbedingungen sind nicht gegenläufig. Sie verdienen ein paralleles Engagement. Wenn das Projekt Hugo sich auf das Wer konzentriert, dann nicht deshalb, weil das Was – wo soll’s überhaupt Exklusivrechte geben, und wo liegen die Grenzen bei der betreffenden Nutzung? – nicht wichtig wäre. Die Betonung der materiellen Seite kommt daher, dass die Nachhaltigkeitsfrage in Verbindung mit Territorien erkannt ist, die Gerechtigkeitsfrage hingegen noch nicht.

UNO ODER WEITERENTWICKLUNG?

Eine häufige Frage ist, wer denn für das neue System «zuständig» wäre. «Wahrscheinlich die UNO?» Na ja… bis jetzt zeigte von den über 50’000 UNO-MitarbeiterInnen noch niemand entsprechende Ambitionen.

Im Ernst: Die UNO ist eine Vereinigung von Nationalstaaten, die primär den Gewaltpotenzialen entlang entstanden; ein Verbund von Staaten, die Territorien «behaupten», weil eine schlüssige Weltordnung bisher nicht möglich war.

Mit der Möglichkeit zu einer schlüssigen Struktur, mit der jeder Mensch, jede Region, jede Gemeinschaft von einem Durchschnittsteil aller Lebensgrundlagen ausgehen kann, sieht manche Institution vielleicht ganz anders aus.

«Historische Vorbilder» gibt’s für einmal nicht. So etwas wie das Internet und die Vernetzungsmöglichkeit direkt zwischen allen Menschen gab’s in der Geschichte noch nie.

Dadurch rudern all jene, die vom Nacherzählen leben, im Leeren. Und all jene, die ihren Job aus den bisherigen Voraussetzungen heraus gefasst haben, stehen etwas hilflos da.

Man mag zwar bedauern, dass aus den Kreisen, die sonst so gern im Rampenlicht stehen, kaum etwas Erhellendes zum gleichen Recht auf die Welt kommt. Doch man kann ihnen nicht mehr die Schuld geben wie früher. Mit den neuen Möglichkeiten hat man es selber in der Hand, ob es mit der Gerechtigkeit vorwärts geht oder nicht.

Etwas Neues zu verwirklichen, ist zwar nie ganz einfach. Pragmatisch betrachtet ist es aber so, dass rund 90% der Menschen ganz direkt gewinnen, wenn sie endlich von einem Durchschnittsteil der Welt profitieren. Und es gab schon schwierigere Aufgaben in der Geschichte, als eine Änderung, für die bereits der Egoismus reicht…

Aufwachen genügt – viel Spass beim Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen!

Mehr zum gleichen Recht auf die Welt: www.start-hugo.com

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