LEBENSGESCHICHTE

«Es ist die Freiheit, die mich hier hält»

Fotografie: Bianca Dugaro
Fotografie: Bianca Dugaro

Nach dem Zusammenbruch der Föderativen Republik Jugoslawiens wuchsen ab 1990 auch die Spannungen zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten in Bosnien-Herzegowina. Von 1992 bis 1995 herrschte ein brutaler Krieg. In der Folge kamen viele Flüchtlinge in die Schweiz. So auch Alma Redzic und ihre Familie. Neuland hat mit der heutigen Zürcher Kantonsrätin gesprochen.

«Als Schweizerin mit Migrationshintergrund setze ich mich für die Gleichstellung aller in der Schweiz lebenden Menschen ein. Ich will in einer Gesellschaft leben, in welcher alle dieselben Chancen auf Glück und Freiheit haben. Ich will den gleichen Zugang zu Bildung und gleiche Rechte für alle sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit!»

Alma Redzic, Kantonsrätin Grüne, Zürich

Alma Redzic kommt aus einer Sitzung der kantonsrätlichen Kommission Bildung und Gesundheit. Es ist ein schwüler Juniabend, Gewitterwolken türmen sich über der Stadt Zürich. Der Feierabendverkehr braust lärmend über den Stampfenbachplatz. Wir treffen uns in einem Strassencafé zu einem längeren Gespräch über ihre Erinnerungen an die Flucht aus Bosnien-Herzegowina, ihre Ankunft in der Schweiz und wie sie hier Fuss fasste.

Alma ist gross, schlank und politisch engagiert. Vor einem Jahr ist sie für einen Kollegen der Grünen Partei in den Zürcher Kantonsrat nachgerückt. Bis vor kurzem war sie noch Präsidentin der Jungen Grünen des Kantons Zürich. Weil der 30. Geburtstag Ende August vor der Tür steht, hat die Zürcherin den Stab an eine jüngere Person weitergereicht. Weniger Politik heisst das aber noch lange nicht. Neben ihrem Kantonsratsmandat wird sie sich künftig in der Geschäftsleitung der Grünen der Stadt Zürich engagieren.

Überhaupt gehören politisches Engagement und hundertprozentiger Einsatz zu Alma wie die Sterne zum Himmel. Daneben studiert sie Jurisprudenz und verdient ihren Lebensunterhalt als Kanzleimitarbeiterin. «Mein Privatleben beschränkt sich auf die Politik», sagt sie. Eingeschränkt fühlt sie sich dadurch nicht. Zur politischen Arbeit gehöre Beziehungen zu pflegen, Kontakte zu knüpfen und sich zu vernetzen, erklärt sie. Politik bedeute für sie nicht Opfer bringen, sondern sie mache ihr auch sehr viel Spass. «Nach der politischen Arbeit sitzen wir zusammen und trinken etwas», erzählt sie. Wenn sie etwas tut, dann tut sie es richtig. Alma ist ehrgeizig. Mit Bestnoten hat sie ihre Prüfungen in Privat- und Strafrecht abgelegt. Noch vier Semester, dann hat sie den Bachelor in Recht.

Ihr Leben ist nicht so einfach verlaufen, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Freiheit, heute das tun zu können, was sie interessiert, und so leben zu können, wie sie möchte, musste sie sich hart erkämpfen. «Ich hatte aber auch sehr viel Glück in meinem Leben», erzählt Alma. Viele Leute hätten sie in schwierigen Phasen unterstützt, vor allem ihre Lehrerinnen und Lehrer in der Sekundar- und Kantonsschule im Zürcher Oberland. Wie auch ihre Mutter, die sich in früheren Jahren wie eine Löwin für sie und ihren Bruder einsetzte.

So nach der Geburt von Alma. Alma kam 1982 viel zu früh in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bihac zur Welt. Bihac liegt im Nordwesten der heutigen Republik Bosnien-Herzegowina und grenzt an Kroatien. Weil alle Brutkästen in der Region Bihac bereits belegt waren, setzte ihre Mutter alle Hebel in Bewegung, dass Alma mit einem Wagen ins kroatische Zagreb transportiert wurde. Zusammen mit anderen Frühgeburten ging die Fahrt los – Alma überlebte als einzige. Auch nach der Scheidung, als ihre Mutter mittellos dastand, sorgte sie für Alma und ihren jüngeren Bruder. Almas Mutter kehrte mit ihren beiden Kindern auf den Bauernhof ihrer Eltern zurück. Alma: «Ich war fünf Jahre alt, als sich meine Eltern scheiden liessen.» Ihr Grossvater, der viele Jahre als Saisonnier in Hinwil im Zürcher Oberland gearbeitet hatte, vermittelte ihrem Vater einen Job in der Schweiz. Dort lernte ihr Vater eine andere Frau kennen und liess sich kurz darauf von Almas Mutter scheiden. Sie seien die ersten Scheidungskinder im stark muslimisch-religiös geprägten Dorf gewesen, in dem Koran-Unterricht ebenso zum Alltag gehörte wie Schulbildung. Das sei nicht gerade sehr «cool» gewesen, erinnert sich Alma.

Mit dem letzten Bus

Als die politischen Spannungen immer massiver wurden, reisten Alma, ihre Mutter und ihr Bruder 1991einen Tag vor Kriegsausbruch nach Slowenien, um Verwandte zu besuchen. Dass die beiden Kinder dabei waren, war eher Zufall. «Meine Mutter wollte zuerst alleine reisen, doch meine Grossmutter beharrte darauf, dass sie uns Kinder mitnahm», erzählt Alma. Später erfuhren sie, dass es der letzte Bus war, der Bosnien noch verlassen konnte bevor die Grenzen geschlossen wurden. Zwei Jahre lebten sie bei ihren Verwandten in Slowenien. «Es ist aus heutiger Sicht unglaublich. Sie haben uns einfach so aufgenommen, gaben uns Kost und Logis.» Als die Flüchtlingsströme zunahmen und die Situation in Slowenien besonders wegen rassistischer Übergriffe immer prekärer wurde, organisierte ihre Mutter einen Schlepper für die Flucht über Österreich in die Schweiz.

Eine lange Odyssee begann. Der erste Versuch, in Österreich einzureisen, misslang. «Meine Mutter weckte uns mitten in der Nacht. Wir fuhren los. Meine Mutter sagte uns nicht, wohin die Reise ging. Unsere Gruppe bestand aus zwei Müttern mit je zwei Kindern und einem Fluchthelfer. An der österreichischen Grenze ging es zu Fuss über die grüne Grenze. Wir durften nicht reden. Wir marschierten, stolperten durch den Wald. Plötzlich gingen mitten im Wald Scheinwerfer an und bewaffnete Polizisten oder Militärs zielten mit Waffen auf uns. Unser Helfer wurde zu Boden gedrückt. Wir wurden die ganze Nacht verhört. Auch die Kinder. Wie wenn wir alles gewusst hätten, ich war elf Jahre alt, meine Bruder zwei Jahre jünger. Am nächsten Tag wurden wir im Kastenwagen wieder nach Slowenien zurückgefahren. Das war ziemlich demütigend.»

Der zweite Versuch gelang, obwohl auch nicht alles nach Plan verlief. «Wieder waren wir eine Gruppe mit zwei Müttern mit je zwei Kindern und einem Fluchthelfer. Es war herbstlich kalt. Meine Mutter hatte mich in einen pinkigen Skianzug gesteckt. Der Schlepper langte sich an den Kopf und sagte meiner Mutter: Frau, was hast Du Dir dabei gedacht, wir müssen uns im Wald verstecken! Wir marschierten auf der anderen Seite der Grenze durch den Wald. Wir kamen langsamer voran als geplant. Die andere Frau hatte einen schweren Koffer dabei. Es stellte sich dann heraus, dass sie ihr gesamtes Geschirr eingepackt hatte. Der Helfer wurde wütend und leerte den Koffer aus.» Auf der anderen Seite der Grenze, wartete die Fluchtgruppe im Wald auf die anderen Helfer. Diese sollten sie weiterbringen. Doch auch nach stundenlangem Warten tauchte niemand auf. «Es war unsäglich kalt. Ich fror.» Der Schlepper marschierte nach Slowenien zurück, um zu telefonieren und die anderen aufzufordern, doch noch zu kommen. Sie waren aber bereits weg. Almas Mutter hatte dem Schlepper aber noch eine Telefonnummer einer Kollegin aus Wien mitgegeben. Der Schlepper rief die Kollegin an und bat sie, die Frauen und Kinder abzuholen. «Du musst dir vorstellen, da ruft ein wildfremder Mann mitten in der Nacht aus dem Nichts an und bittet dich, deine illegal einreisende Kollegin samt Kindern und weiteren Personen abzuholen! Sie holte uns tatsächlich ab. Wir kamen nach Wien. Ich war verfroren. Zuerst steckten sie mich in ein heisses Bad, damit ich auftaute. Zum Essen gab es ein Mohnsemmeli. Ich vergesse das nie mehr. Ich hatte so Hunger. Wir wohnten einige Wochen in Wien. Ich realisierte, dass wir da, wo wir waren, nicht hätten sein dürfen. Sobald die Polizei kam, mussten wir uns ruhig verhalten, oder einen anderen Weg einschlagen. Wir durften nicht frech werden und nicht auffallen.»

Himmlische Butter

Ihre Mutter und ihr Grossvater organisierten die Weiterreise in die Schweiz. Auch diese verlief nicht ohne Zwischenfälle. Doch schliesslich kamen sie im Flüchtlings-Empfangszentrum in Kreuzlingen an. Das war Ende Oktober 1993. Bleibende Erinnerungen an Kreuzlingen hat Alma nur wenige. Sie erinnert sich an das feine Frühstück – Ruchbrot, Konfi und Tee, vor allem aber an die himmlische Butter –  an die vielen Spritzen, die sie erhielten, und an die anderen Flüchtlinge aus der ganzen Welt. Alma: «Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben schwarze Menschen.» Sie erinnert sich aber auch an die grossen Schlafräume und daran, dass alle überrascht waren, dass sie, die Elfjährige, bereits so gut Englisch sprach und ohne Probleme übersetzen konnte. «Im bosnischen Fernsehen waren die amerikanischen Soaps nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Auf diese Weise habe ich Englisch aufgesogen wie ein Schwamm», erklärt sie.

Nach der Empfangsstation Kreuzlingen wurde die Familie Redzic nach Opfikon (ZH) in ein Flüchtlingsheim verlegt, danach fanden sie Unterschlupf in einer Flüchtlingsbaracke in Hinwil (ZH). Sechs Jahre lebten sie dort. Bereits nach einem Jahr sprach Alma so gut Deutsch, dass sie in die Sekundarschule wechseln konnte. 1995, nach dem Krieg, drohte die Abschiebung. Erst 13-jährig, wurde Alma bewusst, dass nichts sicher war im Leben. Der Ausweis F (vorläufige Aufnahme) garantierte weder den Aufenthalt noch die Existenz. «Ich bin zwar da, aber es ist nicht ganz sicher, ob ich existiere. Das habe ich verstanden», bringt sie es auf den Punkt. Ihre Mutter arbeitete hart für den Familienunterhalt und kämpfte gegen die ständig drohende Abschiebung. Alma stürzte in eine Identitätskrise. «Wir konnten tun und machen, was wir wollten. Wir gehörten einfach nie dazu», erzählt sie. Im Winter 1998 konnte die ganze Familie für eine Woche nach Bosnien reisen, um die Rückkehr für den Sommer 1999 vorzubereiten. Diesen Aufenthalt hat Alma nicht in guter Erinnerung, zu stark war sie bereits von der westlichen Lebensart geprägt. Für sie war nach dieser Zeit klar: Sie wollte für immer in der Schweiz bleiben. Als sie wieder in der Schweiz war, schaffte sie die Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule. Solange sie in der Kanti war, konnten sie nicht abgeschoben werden. Noch während der Kantizeit stellte sie den Einbürgerungsantrag. 2003 wurde sie Schweizerin.

Manchmal vermisst Alma Bosnien schon, die Sprache, die Landschaft, die Musik. Vor allem aber die schöne Sprache. «Als mein Bruder und ich das erste Mal Schweizerdeutsch hörten, sahen wir uns nur an und sagten gleichzeitig: Diese hässliche Sprache müssen wir nun lernen!» Gleichwohl entspricht ihr die Lebensweise hier mehr als in Bosnien. Es ist vor allem das Gefühl der Freiheit, das sie nicht mehr missen möchte. Zudem hat sie mehr Zeit in der Schweiz als in Bosnien verbracht: neun Jahre in Bosnien, zwei Jahre in Slowenien und 19 Jahre in der Schweiz. Wenn dann aber im Kantonsrat wieder einmal mehr über unterschiedliche Kategorien von Schweizern und Schweizerinnen debattiert wird, über hier geborene und eingebürgerte, dann setzt sie die Kopfhörer auf und hört Musik von «Müslüm». Es sei eine Arroganz zu meinen, dass alle in die Schweiz kommen wollten, meint sie. Dabei sei es doch so, dass es die meisten Ausländerinnen und Ausländer einfach hierher verschlage. «Mich hat auf jeden Fall niemand gefragt, ob ich in die Schweiz kommen will, in ein Land, in dem man mich oft spüren lässt, dass ich nicht willkommen bin.»

Zur Autorin:

Judith Stofer ist nicht nur Journalistin, sondern auch Fraktionskollegin von Alma Redzic im Zürcher Kantonsrat. Im April 2011 wurde Judith Stofer zusammen mit zwei Kollegen für die Alternative Liste (AL) in den Kantonsrat gewählt. Die drei AL-Kantonsräte gehören der Fraktion der Grünen an.

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