Syrien

Ali Hassans Intrige

Issa Touma

Der syrische Autor Nihad Sirees beschreibt in seinem Buch «Ali Hassans Intrige» das Leben unter Diktator Hafes al-Assad, dem Vater von Baschar al-Assad. Mit lauter Propaganda und Gewalt orchestriert dieser die Massen. Der Roman, der vor rund 10 Jahren erschienen ist, ist auf erschreckende Weise aktuell.

Bevor ich ging, ass ich mit Lama zu Mittag. Es gab ein einfaches Essen, Lamas Spezialität – leckere Falafel-Sandwiches. Ich verschlang gleich zwei, während sie sich mit einem halben begnügte. Damit sie besser rutschten, tranken wir ein Bier dazu. Ich hatte Lama schon gesagt, dass ich meine Schwester besuchen wolle, um ihre Meinung über Mutters Heirat zu hören und etwas über die Hintergründe zu erfahren, die mir schleierhaft geblieben waren. Vielleicht hatte Samîra meine Mutter ja eingeweiht. Frauen reden sehr offen miteinander und haben keine Geheimnisse.

Vorher aber, erklärte ich Lama, müsse ich erst einmal meinen Personalausweis in der Parteizentrale abholen, denn um halb zehn solle ich mich ja bei der Militärischen Sicherheit melden, wie mir der Kommandeur dieser Streife bei Mutters Wohnung befohlen habe. Sofort machte sich Lama wieder Sorgen. Durch unsere Diskussion über die Heirat meiner Mutter mit Ali Hassan war ihr völlig entfallen, dass ich noch diese beiden Behördengänge zu erledigen hatte. Ängstlich klammerte sie sich an mich und ermahnte mich, bloss ruhig zu bleiben und die Sicherheitsleute ja nicht zu verspotten oder sonstwie zu provozieren. Sie seien so schnell reizbar und verstünden keinen Spass. Aus einem kleinen Scherz könne eine Katastrophe entstehen, und womöglich müsste ich dann eine ganze Woche lang jeden Tag bei ihnen antanzen.

Als ich Lama verliess und die Treppe hinunterstieg, liefen die Fernseher noch immer auf Hochtouren. Die Korrespondenten vor Ort schwärmten vom überwältigenden Aufbruch der Massen, führten Interviews und befragten die Leute über ihre Gefühle gegenüber dem Grossen Kommandanten und dem Ereignis des zwanzigsten Jahrestages. Die Kundgebung näherte sich anscheinend ihrem Ende. Trotzdem waren die Strassen wie leergefegt, als ich aus dem Gebäude trat. Also marschierte ich wieder zu Fuss los, diesmal in Richtung Stadtzentrum. Nach ein paar hundert Metern sah ich die ersten Autos fahren. Dann kamen mir vereinzelte Gruppen von Leuten entgegen. Etliche daheim gebliebene Männer huschten aus ihren Häusern, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass die Festveranstaltung wirklich beendet war. Aber es waren verschwindend wenige im Vergleich zu denen, die vom Zentrum zurückkehrten. In diesem Augenblick begann ein ohrenbetäubendes Hupkonzert, und eine Kolonne von Autos setzte sich in Gang. Die Insassen, allesamt junge Männer, schwenkten Bilder und Fahnen und liessen den Grossen Führer hochleben. Im Gedränge mussten sie wohl oder übel manchmal etwas bremsen. Doch nicht lange, und sie verloren die Geduld. Ihre Hochrufe wurden lauter und lauter, bis sie in sinnloses Gebrüll umschlugen.

Auch zu Fuss kamen jetzt immer mehr Horden von jungen Männern mit Bildern und Plakaten, deren Losungen den Führer und seine Partei rühmten. Ihre Hemden waren durchgeschwitzt, ihre Gesichter und Augen rot wie Tomaten. Obwohl sie bereits heiser waren, krächzten sie unaufhörlich Hochrufe. Minuten später steckte ich mitten im Gewühl. Einige junge Männer wirkten völlig erschöpft, die meisten aber befanden sich in einer Art euphorischem Rauschzustand. Sie verhielten sich, als wäre die Kundgebung keineswegs vorbei, sondern käme gerade erst richtig in Schwung. Ihre Plakate schwenkend, nahmen sie die Strasse von einem Gehsteig zum anderen in Beschlag und stoppten die Autos, auch wenn die Fahrer unaufhörlich hupten und die Insassen lautstark protestierten. An einer Kreuzung wurde ich Zeuge eines Handgemenges zwischen jugend-lichen Randalierern und Autofahrern. Schon von weitem war zu hören, wie sie schreiend und fluchend mit Fäusten auf die Karosserien hämmerten. Kurz darauf schaltete sich eine dritte Gruppe ein und bewarf die Streitenden mit Steinen. Mehrere Leute, zu denen auch ich gehörte, flüchteten vorsichtshalber in die Hauseingänge. Im nächsten Augenblick erschienen Trupps der Sicherheitskräfte und bewaffnete Abteilungen der Partei, die sofort auf alle Beteiligten einprügelten. Wer von den Jugendlichen noch dazu in der Lage war, nahm die Beine unter den Arm. Die Autokolonne rollte weiter, obgleich manche Fahrer bei der Aktion nicht ganz ungeschoren davonkamen.

Ich verliess den schützenden Hausflur und setzte meinen Weg fort, selbstverständlich gegen den Strom … Ringsum wurden die Störenfriede von Parteileuten herausgefischt und an die Wand gestellt. Einer der Genossen fixierte mich, ihm war aufgefallen, dass ich nicht wie alle anderen stadtauswärts, sondern Richtung Zentrum ging. Eine Weile ver-folgte er mich mit misstrauischen Blicken, liess mich jedoch passieren. Sicher hatte er gemerkt, dass ich nicht beim Umzug gewesen war. Als ich mich umdrehte, um festzustellen, ob er mir noch nachschaute, wurde ich von der in Gegenrichtung vorwärtsdrängenden Menge beinahe umgerissen. Unversehens traf mich eine Holzstange. Der Arbeiter, der das Führerbild trug, war vorschriftsmässig nach dem Willen der Partei in seine blaue Montur gekleidet.

Das hat man davon, wenn man gegen den Strom schwimmt … Unaufhörlich stiess ich mit Entgegenkommenden zusammen, und je weiter ich ging, desto überfüllter wurden die Strassen, desto mühsamer musste ich mir einen Weg bahnen. Ich fühlte mich erschöpft und bereute, Lamas Apartment um diese Zeit verlassen und nicht bis zum Sonnenuntergang gewartet zu haben. Trotzdem kämpfte ich mich weiter vorwärts. An einer Abbiegung hoffte ich, die Nebenstrasse sei vielleicht etwas leerer und ich könnte dem Gedränge ausweichen. Doch ich musste erkennen, dass sie genauso voll war wie alle anderen Strassen. Also liess ich den Gedanken fallen und setzte meinen Marsch geradeaus fort. Nicht allein das Menschengewühl machte mir zu schaffen. Es war vor allem der Lärm, der unvermindert anhielt. Autos hupten, Jugendliche schrien. Aus den Lautsprechern an den Balkonen und Bäumen dröhnten patriotische Hymnen, militärische Marschmusik und die überschnappenden Stimmen enthusiastischer Moderatoren. An einem Hauseingang machte ich halt, ich konnte nicht mehr weiter. In diesem Moment sah ich, wie direkt vor mir eine grosse Gruppe junger Demonstrantinnen, alle in Khaki gekleidet, von einer Horde randalierender Jugendlicher angepöbelt wurde. Das erste Auto, voll beladen mit Halbwüchsigen, preschte heran, als wollte es die Mädchen überrollen. Jedesmal, wenn der Fahrer Gas gab, heulte der Motor schrecklich auf. Hier und da vernahm ich Schreie. Während einige Mädchen lachten, kreischten andere vor Angst. Plötzlich kamen Dutzende Männer angerannt und bildeten einen schützenden Ring um die Demonstrantinnen. Dann rückten sie in geschlossener Formation gegen das Auto vor. Einer der Männer versetzte dem Fahrer einen Boxhieb mitten ins Gesicht. Die Jugendlichen stiegen aus, und es begann eine Strassenschlacht. Als Waffen benutzten sie die hölzernen Tragestangen der Poster. Die Porträts des Grossen Führers landeten auf der Erde und wurden mit Füssen getreten! Während sich die Männer und die Jugendlichen mit den Stöcken verprügelten, ergriffen die jungen Mädchen die Flucht. Gleich darauf knallte ein Schuss, und wir sahen einen Trupp Parteigenossen mit gezückten Revolvern gegen die ineinander verbissenen Raufbolde vorstürmen. Um die Kämpfenden zu trennen, schlugen sie wahllos mit ihren Schiesseisen auf die Köpfe ein. Anscheinend fühlte sich einer der Männer in seinem Stolz gekränkt, er begehrte auf und ging auf den Genossen los, der ihn geschlagen hatte. Beide beschimpften sich wüst. Sofort liessen die anderen von den Streithähnen ab und wandten sich dem Mann zu. Sie prügelten so lange auf ihn ein, bis er ohnmächtig wurde. Dann hoben sie ihn auf und verfrachteten ihn in eins ihrer Autos, um ihn für weitere Sonderbehandlungen mitzunehmen.

Die Gelegenheit schien günstig, sich zu verdrücken. Keiner der Passanten beachtete mich, wie gebannt verfolgten sie das Geschehen … Ich setzte meinen Weg fort. Ein paar Minuten später strauchelte ich über einen Körper, den ich im Menschengewühl nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Hinter mir stolperten auch andere Leute darüber. Ich kehrte um und sah, dass es eine verschleierte Frau war, die auf der Strasse lag. Sie war bewusstlos, sicher durch das Gedränge und die Hitze, die inzwischen zwar ein wenig nachgelassen hatte, jedoch immer noch drückend war. Ich zog die Frau auf den Gehsteig und lehnte sie mit dem Rücken an eine Hauswand. Schreiend warnte ich die Leute, sie sollten nicht auf sie treten oder über sie hinfallen. Dann rief ich laut nach Wasser, aber niemand hatte welches dabei. Eine Frau blieb stehen. Sie beugte sich über die Ohnmächtige und ver-suchte, sie mit leichten Schlägen auf die Wange wachzurufen. Doch alles war umsonst. Unterdessen hatten drei Männer mit ihren Körpern eine Absperrung gebildet, um die auf dem Gehsteig Liegende vor dem Menschenstrom zu schützen. Während ich noch Ausschau hielt, ob uns vielleicht jemand aus einem Haus etwas Wasser bringen könnte, um das Gesicht der Frau zu benetzen, knatterte plötzlich eine MG-Salve. Es klang nahe, sehr nahe. Wir hatten keine Ahnung, warum die Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten. Ringsum brach Panik aus, die Menschen rannten umher und suchten ein Versteck. Die anderen, die mit mir bei der Frau gestanden hatten, wurden mitgerissen. Sie waren weit abgedrängt, als ich der Länge nach hinschlug. Einige Leute stürzten über die Ohnmächtige. Auch mich trafen die Fusstritte verängstigter Menschen, die über mich hinweghasteten. Um Schlimmerem zu entgehen, versuchte ich aufzustehen. Aber es gelang mir nicht. Kaum rappelte ich mich ein wenig vom Boden auf, wurde ich von neuem umgeworfen. Hätte die panische Massenflucht nicht von selbst aufgehört, wäre ich bestimmt nicht mehr auf die Beine gekommen. Als ich wieder nach der Frau sah, fand ich sie in einem üblen Zustand. Sie blutete an verschiedenen Stellen im Gesicht, ebenso an den Händen und Füssen. Ich packte sie unter den Achseln, stemmte sie hoch und lud sie mir auf die rechte Schulter. Mit meiner Last betrat ich die Asphaltstrasse, taumelte zwischen den Autos und den Menschen umher und schrie, sie sollten mich durchlassen. Zum Glück reagierten die Leute auf meine Rufe. Bald kam ich schneller vorwärts. Einige liefen sogar voraus, um mir den Weg frei zu machen.

Mir war klar, dass die Frau sterben würde, wenn ich sie liegenliess. Andererseits schien es unmöglich, das öffentliche Krankenhaus schnell genug zu erreichen, um sie zu retten. Zum Schluss rannte nur noch ein einziger Mann vor mir her und versuchte mir freie Bahn zu verschaffen. Ich bemerkte, dass wir bereits die Abbiegung zum Krankenhaus erreicht hatten. Der Mann gab sein Letztes, um mir das Durchkommen zu erleichtern. Und immer wieder machte er mir Mut. Ich spürte weder das Gewicht der Frau noch die Hitze, die mir fast den Atem nahm. Der gute Mann rief mir zu, ich solle nicht aufgeben. Es sei nicht mehr weit, versicherte er mir, gleich wären wir da. In Wirklichkeit war es noch eine lange Strecke bis dorthin. Irgendwann, ohne Vorwarnung, verliessen mich die Kräfte. Ich rang nach Luft, die Beine knickten mir ein. Trotz allem wollte ich unbedingt weiterlaufen. Die Frau hätte sterben können, wenn ich sie absetzte, um mich auszuruhen. Plötzlich aber verlor ich den Boden unter den Füssen, vielleicht war ich über einen Stein gestolpert, vielleicht knickten mir auch die Knie ein. Ich fiel hin und mit mir die Frau. Es war ein schrecklicher Sturz. Eine Sekunde lang schoss ich waagerecht durch die Luft, neigte mich dann und ging unter der Last der Frau kopfüber zu Boden, ohne sie jedoch loszulassen. Sie prallte so heftig mit dem Gesäss auf, dass ihr Oberkörper wieder emporgeschleudert wurde. Ich ahnte, dass es ihr Tod wäre, wenn der Kopf ungebremst auf die Erde träfe. Er würde zerschellen, das war gewiss. Instinktiv streckte ich meine linke Hand weit, weit vor. Der Kopf der Frau kam genau darauf zu liegen und schlug im nächsten Moment auf dem Asphalt auf. Es war, als hätte ein gewaltiger Hammer meine Hand getroffen. Bestimmt war sie gebrochen.

Als der Mann sich umwandte, sah er uns fallen. Unwillkürlich hob er die Hände, als könnte er uns auffangen, obwohl er einen halben Meter entfernt war. Er sah auch, dass der Kopf der Frau ohne meine Hand zerschmettert worden wäre. Während ich mich vor Schmerzen krümmte, bat er die Vorübergehenden, achtzugeben und nicht über uns zu stolpern. Später, nachdem wir im öffentlichen Krankenhaus angelangt waren, erzählte er mir, wie schockiert die Leute über den Anblick gewesen seien. Man stelle sich vor: ein Mann und eine Frau zwischen den Füssen der Passanten, auf dem Gehsteig übereinanderliegend! Es sei nicht leicht gewesen, die Schaulustigen fernzuhalten. Als ihm der Ge-danke kam, dass meine Hand gebrochen sei, habe er die Umstehenden gebeten, uns zu helfen. Tatsächlich fanden sich drei Jugendliche bereit, die Frau zu tragen. Er selbst stützte mich, und so schleppten wir uns weiter, bis wir endlich mit Mühe und Not das Krankenhaus erreichten.

Dort stellte man fest, dass die Frau bereits seit einer knappen Stunde tot war. Woran sie gestorben sei, könne man nicht sagen, die genaue Todesursache wäre nur durch eine Obduktion zu ermitteln, allerdings würden sie nichts dergleichen unternehmen. So viele Leute opferten bei einem Aufmarsch ihr Leben für den Grossen Führer. Und niemand behaupte, hier liege ein Verbrechen vor! Für sie war es normal, dass bei Festakten der Partei und nationalen Anlässen Menschen erstickten oder zu Tode getrampelt wurden. Es genügte, ihre Namen aufzuschreiben und die Liste an die zuständige Behörde weiterzuleiten, wo die Toten als Märtyrer anerkannt wurden.

Was mich betraf, so teilte man mir mit, dass mein Mittelfinger gebrochen sei. Die linke Hand war inzwischen stark angeschwollen, der heftige Aufprall hatte zu einem bläulichen Bluterguss von fünf Zentimetern Durchmesser geführt. Der Arzt schiente den Finger, gab mir einen Eisbeutel gegen die Schwellung und empfahl, den Arm waage-recht zu halten, damit der Schmerz nachlasse. Überhaupt solle ich die Hand möglichst gar nicht benutzen. Nachdem die Krankenschwester meinen Arm in eine Binde gelegt und diese am Hals verknotet hatte, bat sie mich, im Korridor Platz zu nehmen. Man wolle von mir noch einige Angaben über die Frau. Auf dem Gang traf ich den guten Mann wieder, der mir geholfen hatte hierherzukommen. Er sass draussen und wartete auf mich.

Ich setzte mich neben ihn auf die Bank. Der Leichnam der Frau lag vor uns auf einer Trage, die man am Boden abgestellt hatte. Ihr Körper war mit einem weissen Laken zugedeckt. Auf unsere Frage erklärte man uns, der Kühlraum sei bereits überfüllt. Sie liessen die Toten einfach in den Gängen liegen. Es stank bestialisch, infolge der starken Hitze gingen die Leichen rasch in Verwesung über. Schweigend sassen wir da, noch immer schockiert über die Nachricht vom Tod der Frau, zu deren Rettung wir alles Menschenmögliche unternommen hatten. Der Gang war voller Patienten, die bei der Kundgebung die verschiedensten Unfälle erlitten hatten. Sie erhielten eine medizinische Notversorgung, danach wurden sie auf den Korridor geschickt, bis man sie wieder zur Untersuchung aufrief oder bis die Röntgenaufnahmen von ihren gebrochenen Gliedmassen entwickelt waren. Ständig trafen neue Opfer ein, während die vorigen noch warteten. Hinzu kam, dass viele Verletzte von Helfern begleitet wurden. Bald waren alle Plätze besetzt. Manche Patienten mussten mit dem nackten Boden vorliebnehmen oder sich an die Wand lehnen. Bei dem starken Andrang konnte es geschehen, dass ein Verwundeter mit blutverschmiertem Gesicht hereinstürzte und, ohne es zu merken, auf einen Toten trat oder über die Füsse der am Boden Kauernden stolperte. Oft trugen mehrere Männer einen Bewusstlosen herein, was jedesmal zu einem heil-losen Durcheinander führte. Nicht selten wurde dabei ein Verletzter durch einen kräftigen Stoss der Retter zu Boden gestreckt. Ringsum gab es nur Chaos und Tod, Blut und gebrochene Glieder und dazu die würgenden Gerüche von Narkosemitteln, Desinfektion und Verwesung … Schwindlig konnte einem werden.

Wie gesagt, der gute Mann und ich sassen dicht nebeneinander auf der vollen Bank und schwiegen. Der Anblick, die Geräusche und Gerüche hatten uns die Sprache verschlagen.

Nach einer Weile erkundigte ich mich nach seinem Namen. »Dschamîl Chajjât«, sagte er, »bekannt als Abu Achmad.« Als auch ich mich vorstellte, sah er mich gross an. Ich musste lächeln und fragte, was mit ihm sei. Er antwor-tete, er habe mich gar nicht erkannt. »Schuld sind wohl meine schwachen Augen …« Abu Achmad war fünfundfünfzig Jahre alt. Seit langem hatte er versucht, meine Adresse zu ermitteln. Er wollte mir seine Geschichte erzählen, damit ich sie in meinem nächsten Buch verwendete. Ich brachte es nicht fertig, ihn zu enttäuschen und ihm zu sagen, dass ich verstummt sei und mit dem Schreiben aufgehört hätte. Also gab ich ihm meine Telefonnummer und bat ihn, mich in einer Woche, nach den Feierlichkeiten, anzurufen. Doch er begann gleich hier, in dieser unerträg-lichen Atmosphäre, zu erzählen.

Abu Achmad war in einem staatlichen Betrieb für die Vervielfältigung von Dokumenten zuständig gewesen. Einmal ging der Kopierer kaputt, auf jeder Vorlage und damit auf jeder Kopie hinterliess er grosse schwarze Flecken. Abu Achmad gab das Gerät zur Wartung, und zwei Wochen später bekam er es mit einigen Verbesserungen zurück. Zwar druckte es immer noch schwarze Kleckse, aber nicht mehr so viele. Man konnte sie hinnehmen, zumal die Vorlagen selbst nur Kopien waren, sozusagen Originale für den Alltagsgebrauch. Die echten Originale wurden fein säuberlich in den Akten aufbewahrt. Es war vor zwei Jahren, etwa um diese Zeit, als er von der Parteikommission seines Betriebs den Auftrag erhielt, von einem Farbfoto des Führers zehntausend Kopien herzustellen, die anschliessend als Plakate die Wände zieren sollten. Bekanntlich müssen zum Jahrestag alle Mauern komplett mit Postern bedeckt sein, auch wenn eins aussieht wie das andere. Und sowieso ist kein grosser Unterschied zwischen all diesen Bildern. Abu Achmad schilderte den Verantwortlichen das Problem mit dem Kopiergerät. Doch er fand kein offenes Ohr, weder bei seinem Vorgesetzten noch bei sonst jemandem. Er musste die Anweisung ausführen, andernfalls hätte man ihm die Schuld an einer Panne zugeschoben. Die Zeit war knapp, die Festlichkeiten standen vor der Tür. Und die Mauern verlangten nach Porträts des Grossen Kommandanten.

Abu Achmad fertigte zehntausend Kopien an. Noch in derselben Nacht holten die Genossen und Sicherheits-kräfte die Stapel ab, um die Plakate gleich anzukleben. Am Morgen, wenn die Betriebstore geöffnet wurden, sollten die Arbeiter und Angestellten die über und über mit Führerbildern geschmückten Wände bestaunen. Als Abu Achmad am nächsten Tag zur Arbeit kam, erwarteten ihn bereits die Geheimdienstler in seinem engen Kabuff. Sie nahmen ihn fest und schleppten ihn zum Verhör in eine Abteilung der Staatssicherheit. Sechs Monate vergingen, bis er wieder her-auskam … Während dieser Zeit wurde er geschlagen und auf unmenschliche Weise gefoltert. Man bezichtigte ihn, den Grossen Führer beim Kopieren vorsätzlich verunstaltet zu haben. Denn sämtliche Kopien waren mit schwarzen Tupfen übersät. Zu seinem Pech war der allergrösste Fleck genau im Gesicht gelandet – der Führer sah aus wie ein Pirat mit Augenklappe. Abu Achmad wurde Dutzenden von Ermittlern vorgeführt, die ihn nach allen Regeln der Kunst prügeln und misshandeln liessen. Zum Schluss hatte er kein Fleisch mehr an den Füssen, sein Rücken zeigte tiefe Einschnitte, und seine Hoden waren durch die Elektroschocks geschrumpft. Selbst mit dem »deutschen Stuhl« hatten sie ihm gedroht. Hierbei wird der Häftling »zusammengefaltet«: Man zwängt ihn so tief in einen Eisenrahmen, dass seine Wirbelsäule überdehnt oder gar gebrochen wird. Abu Achmad sollte gestehen, wer seine Komplizen bei diesem Verbrechen waren, welcher oppositionellen Organisation er angehörte und wer ihn auf die Idee gebracht hatte, den Grossen Führer auf zehntausend Plakaten als Seeräuber zu verunglimpfen. Sie wollten unbedingt ein Geständnis, um das Dossier zu schliessen und ein Urteil zu sprechen. In ihren Augen handelte es sich um ein eindeutiges Verbrechen. Die morgendliche Konfrontation der Angestellten mit Wänden voller Piratenbilder des Grossen Kommandanten – das konnte nur ein gezielter Anschlag sein. Und so etwas durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen!

Am Ende mussten sie einsehen, dass es doch kein Sabotageakt gewesen war. Trotzdem wurde Abu Achmad zum Sündenbock erklärt. Sein Betrieb, in dem noch nie irgend jemand irgendeine Verantwortung übernommen hatte, machte ihn für alles verantwortlich. Die Genossen, die Vorgesetzten und Sicherheitskräfte bauschten die Sache auf, indem sie in ihren Berichten und Zeugenaussagen erwähnten, der Mann sei kein hundertprozentig aufrichtiger Patriot. Mit eigenen Ohren habe man gehört, wie er einmal einen Witz über die Partei gerissen und ein andermal über die Verteuerung der Tomaten geklagt habe. Abu Achmad wurde von einem Sondergericht zu sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Diese Zeitspanne entsprach exakt der Untersuchungshaft, in der man ihn mit Prügeln, Bastonade und Elektroschocks gefoltert hatte. Also wurde er entlassen und wieder in seinem Betrieb beschäftigt – allerdings als Reinigungskraft und unter ständiger Aufsicht und Kontrolle …

Eine Krankenschwester erschien und forderte mich auf mitzukommen. Als auch Abu Achmad aufstand, gab sie ihm mit einem strengen Blick zu verstehen, dass er nun gehen müsse. Ich reichte dem guten Mann die Hand und verabschiedete mich von ihm, nachdem er mir versprochen hatte, mich bald einmal anzurufen. Dann folgte ich der Krankenschwester. Sie war verärgert über das beispiellose Durcheinander und stiess die Patienten grob aus dem Weg. Wir stiegen die Treppe hinauf, in der oberen Etage gingen wir weiter bis zur Mitte. Sie klopfte an eine Tür und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten. Mit einer ungeduldigen Handbewegung wies sie mich hinein, schloss hinter mir die Tür und ging fort.

Offenbar befand ich mich im Büro des Stationsarztes. Das Zimmer war leer. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. Der Beutel, den ich noch immer auf meine geschwollene Hand drückte, war inzwischen lauwarm geworden, das Eis war geschmolzen. Ich stand auf und warf ihn in einen Papierkorb unter dem Waschbecken neben der Tür. Der Bluterguss hatte ein bläuliches Weinrot angenommen, eine trübe Farbe, die auch mich trübsinnig stimmte. Ich zog die Hand aus der Binde, aber der starke Schmerz veranlasste mich, sie schnell wieder hineinzulegen und still zu sitzen. Plötzlich ging die Tür auf, und der Arzt, der mich behandelt hatte, ein Mann in den Fünfzigern, trat ein. Ich erhob mich zur Begrüssung. Er reichte mir höflich die Hand und setzte sich, jedoch nicht an seinen Schreibtisch, sondern auf den Stuhl mir gegenüber. Er öffnete eine Mappe, die er mitgebracht hatte, und zog seinen Kugelschreiber aus der Brusttasche.

»Wie geht es Ihrer Hand?« fragte er, bereit zum Schreiben.

Ich zeigte ihm den Bluterguss. »Sehen Sie selbst.«

Er lächelte. »Seien Sie froh, dass sie nicht zerschmettert ist.«

Ich nickte seufzend.

»Sie wussten nicht, dass Sie eine Tote trugen«, sagte er. »Ist das richtig?«

»Ich wusste es nicht. Konnten Sie feststellen, wer sie ist?«

»Wir haben so viele Tote hier. Wenn sich bis morgen früh niemand nach ihr erkundigt, wird sie auf den städtischen Friedhof überführt und beerdigt.«

»Sie muss doch eine Familie haben«, wandte ich traurig ein, »einen Ehemann, Kinder …«

»Sicher«, sagte der Arzt. »Aber was sollen wir denn machen?«

Ich schaute ihm in die Augen. Er hielt stand und erwiderte meinen Blick, als wollte er mir sein Leid klagen. Eine Zeitlang blieben wir so, ohne uns zu rühren. Schliesslich sah er zur Tür und erhob sich leise. Auf Zehenspitzen schlich er hin, jedoch nicht geradewegs, sondern von der Seite her. Mit einem Ruck riss er die Tür auf … Es war niemand draussen. Nachdem er in beide Richtungen des Gangs Ausschau gehalten hatte, schloss er die Tür wieder und kehrte verlegen lächelnd zurück.

»Ist’s möglich, dass man Sie belauscht?« fragte ich.

»Ihretwegen«, flüsterte er. »Sie sind eine bekannte Persönlichkeit. Man wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Ihnen nachzuspionieren … Ich sag Ihnen: Ich könnte platzen!«

Anfangs wollte ich mich dumm stellen und seine Anspielungen ignorieren. »Wie bitte?«

»Merken Sie denn nicht, was vor sich geht? Der Mensch hat doch überhaupt keinen Wert mehr! Heute brachte man uns mindestens fünfundvierzig Leichen – Menschen, die im Gedränge erstickt sind, die zertrampelt oder von Freudenschüssen getroffen wurden. Als was soll man das alles bezeichnen?«

»Als ein Unglück.«

»Sie haben wohl Bedenken, offen mit mir zu reden? Ich habe Sie extra hierbehalten, um mit Ihnen allein zu sein. Mir ist durchaus bekannt, dass Sie oben schlecht angeschrieben sind. Deshalb wollte ich mich Ihnen anvertrauen … Ich könnte platzen!«

»Sehen Sie sich vor! Es muss doch nicht sein, dass Ihnen dasselbe passiert wie mir. Sie sollten ruhig und ohne zu murren weiterarbeiten. Sonst wird man Ihnen das Leben schwermachen.«

»Das weiss ich ja. Ich habe nur eine Bitte: Finden Sie mir einen treffenden Begriff für diese Vorgänge.«

»Einen Begriff? Das ist alles, was Sie von mir wollen?«

»Wir können kein langes Gespräch führen. Am liebsten würde ich den ganzen Tag mit Ihnen zusammensitzen und reden. Aber leider … Ich habe keine Zeit. Da unten warten über dreihundert Verwundete und Patienten mit Kreislaufkollaps. In fünf Minuten wird jemand hier anklopfen und mich holen. Sowieso werden sie in ihren Berichten vermerken, dass wir allein im Zimmer gesessen haben.«

»Sie hätten das nicht riskieren dürfen, Herr Doktor.«

»Deshalb bitte ich Sie … Sagen Sie mir bloss eines: Wie kann man das nennen, was sich hier abspielt? Ein einziges Wort würde mir genügen, es könnte ein Gespräch, das Stunden erfordert, auf den Punkt bringen. Bitte, so reden Sie doch!«

Ich sah in seine schmerzerfüllten Augen, die zwischen mir und der Tür hin und her wanderten. Es fehlte nur noch, dass er keuchte, um das Bild eines Gehetzten vollkommen zu machen. Ich überlegte. War diese Szene nicht der Inbegriff dessen, was man sich unter »surrealistisch« vorstellt? Ein Arzt, so alt wie meine Mutter, der mich um eine Bezeichnung für seine Lebensumstände anflehte …

Plötzlich hörte ich mich sagen: »Surrealismus … Surrea-lismus …«

Er las mir das Wort von den Lippen ab. Entspannt fiel er auf seinen Stuhl zurück. Den Blick zur Zimmerdecke gerichtet, murmelte er: »Surrealismus … ja, ja, Surrealismus! Das ist genau der richtige Ausdruck.«

»Geht es Ihnen jetzt besser?«

Er richtete sich auf. »O ja, ich bin wie erlöst«, sagte er glücklich. »Ich danke Ihnen, Sie haben mir sehr geholfen. Es gibt keinen anderen Begriff für diese Vorgänge, er trifft den Nagel auf den Kopf.«

Er beugte sich vor, um mir noch einmal zu danken. Ein Klopfen an der Tür liess ihn zusammenschrecken. Es war dieselbe Krankenschwester. »Doktor Raimund«, mahnte sie, »man erwartet Sie unten.«

Er erhob sich. Sein Gesicht, das eben noch vor Freude gestrahlt hatte, verdüsterte sich wieder. »Ich komme schon.«

Er klappte die Mappe zu und steckte den Kugelschreiber in seine Brusttasche. »Nun, Herr Fathi«, wandte er sich an mich, »haben Sie jedenfalls besten Dank für Ihre Informationen über die Frau.«

Ich stand auf, um mich zu verabschieden, in geheimem Einvernehmen drückte ich ihm die Hand. Dann ging ich hinaus und stieg die Treppe hinunter, ins Erdgeschoss mit den Leichen und Verwundeten und den üblen Gerüchen.

Tief aufatmend verliess ich das Krankenhaus. Die Strassen waren weniger überlaufen, der Verkehr rollte wieder normal. Nur die Luft war noch immer staubig, und die Fahrbahn und die Gehsteige quollen über von Abfällen. Ein sanfter Wind fächelte über die zerrissenen Plakate und Transparente, die Zeitungsfetzen und leeren Fast-food-Tüten. Plötzlich fegte eine Bö den Unrat zusammen und wirbelte ihn in die Höhe. Dann fiel alles wie hingeschüttet zu Boden, nur um kurz darauf von neuem emporgeschleudert zu werden. Die Hitze hatte nachgelassen, eine erfrischende Brise kam auf, doch die Pflastersteine und Hauswände speicherten die Hitze.

Ich holte tief Luft, um den eingeatmeten Krankenhausgeruch von Verwesung und Desinfektion aus meinen Lungen zu vertreiben. Wie gut, dass ich nicht Doktor Raimund war, der sich vor Bespitzelungen und Berichten fürchtete und nach einem Wort suchte, um Ruhe zu finden. Statt ein längeres Gespräch über die Situation zu führen, musste er sich mit einem einzigen Begriff begnügen. Jetzt war er wieder dem beklemmenden Gestank ausgeliefert, während ich in der Staubluft wenigstens durchatmen konnte. Aber auch ich hatte noch einige unangenehme Dinge zu erledigen. Wäre Doktor Raimund mit alldem konfrontiert, brauchte er wohl mehr als nur eine Bezeichnung.

Ich warf einen Blick auf mein linkes Handgelenk und sah, dass die Armbanduhr verschwunden war. Wahrscheinlich hatte ich sie im Gedränge verloren, oder sie war zerbrochen, als der Kopf der Frau auf meine Hand aufschlug. Ich fragte einen Passanten, wie spät es sei. Halb sieben, antwortete er. Ich beschloss, zur Parteizentrale zu gehen, um meinen Personalausweis abzuholen. Der Umzug war längst beendet, vielleicht waren die Genossen inzwischen zurückgekehrt.

Ich hielt ein Taxi an und nannte dem Fahrer das Ziel: »Zum Parteipräsidium.«

Im Autoradio wurde eine Aufzeichnung von der heutigen Kundgebung gesendet. Alle Augenblicke schaltete sich der Moderator im Studio dazwischen, um mitzuteilen, dass auch die Rede des Grossen Führers an diesem ruhmreichen Tag noch einmal übertragen werde. Vorerst drang freilich nichts weiter als sinnloses Getöse aus dem Radio, eine tumultartige Geräuschkulisse, die immer wieder vom Moderator mit jener Ankündigung unterbrochen wurde, jeden Moment sei die Rede des Grossen Führers zu erwarten. Ich bat den Fahrer, das Radio abzustellen. Ungläubig wandte er sich zu mir um, er traute seinen Ohren nicht.

Ich wiederholte: »Bitte, machen Sie das Radio aus.«

»Meinen Sie wirklich, ich soll es abdrehen?«

»Ja doch, machen Sie es aus!«

Er sicherte sich ab. »Auf Ihre Verantwortung …«

»Jaja, auf meine Verantwortung.«

Er zuckte mit den Schultern und schob die Lippen vor. Dann knipste er das Radio aus und brachte mich zur Parteizentrale. Vor dem imposanten Gebäude hielt er an, allerdings in respektvoller Entfernung von der schwerbewaffneten Wache. Nachdem ich gezahlt hatte, sagte ich, er könne nun das Radio wieder anstellen, was er sogleich tat. Ich stieg aus. Als er abfuhr, vernahm ich die Stimme des Führers, der gerade mit seiner Rede begann.

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli

 

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Die deutsche Übersetzung des satirisch-politischen Romans  «As-Samt was-Sachab» («Das Schweigen und das Gebrüll») erschien 2008 unter dem Titel «Ali Hassans Intrige» im Lenos Verlag. Diesen September kommt voraussichtlich eine neue Taschenausgabe heraus.

Inzwischen ist der Roman auch ins Französische und Englische übersetzt und mit dem englischen PEN-Preis und dem Coburger Rückert-Preis ausgezeichnet worden.

Wer diesen Roman heute zur Hand nimmt, wundert sich, dass er überhaupt erscheinen konnte. 

 

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