Ägyptische Autorinnen

Revolution gegen das Patriarchat

Sahar al-Mougy. (Sherif Sonbol)
Sahar al-Mougy. (Sherif Sonbol)

Es brauche soziale und sexuelle Revolutionen, um die Mubaraks in den Köpfen und Schlafzimmern zu stürzen. Die Gesellschaft müsse aus ihren starren Vorstellungen herausgerissen werden. Das schreiben die ägyptische Journalistin Mona Eltahawy und die ägyptische Autorin Sahar al-Mougy, die für die Befreiung der Frauen in Ägypten kämpfen. Eine exklusive Vorabpublikation aus dem Buch «Literatur der Rebellion» von Susanne Schanda.

«Warum hassen sie uns?», fragte die streitbare Journalistin Mona Eltahawy im Mai 2012 im amerikanischen Polit-Magazin Foreign Policy und meinte damit nicht etwa die Amerikaner oder Israelis, sondern die arabischen Männer. Frauenfeindlichkeit, ja Hass auf Frauen bestimme die arabischen und muslimischen Gesellschaften in der ganzen Region. Und sie zählt die Fakten auf: Genitalverstümmelung bei 90 Prozent der ägyptischen Frauen, Kinderehen in zahlreichen muslimischen Ländern; in Saudi-Arabien sind Frauen lebenslänglich Unmündige, aber auch in Ägypten müssen sie die Erlaubnis eines Mannes aus der Familie einholen, bevor sie verreisen, sich verheiraten oder scheiden lassen dürfen.

Die frauenfeindlichen Strukturen in den arabischen Gesellschaften, die sich in Form von Gewalt und Unterdrückung äusserten, seien durch einen tief sitzenden Frauenhass begründet. Dies habe sich auch mit den Revolten in der Region nicht verändert, so Eltahawy: «Solange sich die Wut nur auf die Unterdrücker in den Präsidentenpalästen richtet und nicht auf die Unterdrücker in unseren Strassen und Wohnungen, solange hat unsere Revolution noch nicht einmal begonnen.»

Die 45-jährige, mehrfach ausgezeichnete Journalistin lebt seit 2000 in den USA, besucht ihr Geburtsland Ägypten jedoch mehrmals im Jahr. Während der Revolte nahm sie in Kairo an zahlreichen Demonstrationen teil. Als im November 2011 die Polizeigewalt gegen Demonstranten wieder aufflammte, wurde auch Mona Eltahawy für zwölf Stunden in Haft genommen und dort von Polizisten sexuell misshandelt und geschlagen, wobei ihr der linke Arm und die rechte Hand gebrochen wurden. Doch die Journalistin klagt nicht nur die Staatsgewalt an. Denn sie war kurz zuvor auch von einem Mann in der Menge auf dem Tahrir-Platz sexuell belästigt worden: «Misshandlungen durch die Polizei klagen wir sofort an, doch wenn unsere Kollegen uns Gewalt antun, nehmen wir an, dass sie vom Regime bezahlte Agenten seien, weil wir die Revolution nicht schlechtmachen wollen. Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob. Wir müssen den Hass beim Namen nennen.»

NUR Kopftücher und jungfernhäutchen?

Der Essay hat in Ägypten erhitzte Debatten ausgelöst. Zahlreiche Frauen, auch Feministinnen, warfen der Autorin vor, sie degradiere die arabischen Frauen zu Opfern und bestätige die westlichen Klischees über die unterdrückten Frauen im Mittleren Osten. Eltahawy, die in Ägypten nach ihrer Misshandlung durch die Polizei noch wie eine Heldin gefeiert worden war, galt nun plötzlich als Nestbeschmutzerin, weil sie es wagte, die Integrität von sogenannten Revolutionären anzuzweifeln, und weil sie die Frauenfeindlichkeit in der arabischen Welt anprangerte. Doch die Angeschuldigte verteidigt sich: «Wenn ich sage, dass die arabische Kultur patriarchalisch bestimmt ist, verneine ich damit nicht, dass es Frauen gibt, die dagegen ankämpfen.»

Tatsächlich zeigt sie sich in ihrem Essay überzeugt, dass die arabischen Revolten zwar durch einen Mann ausgelöst wurden – den tunesischen Strassenverkäufer Mohammed Bouazizi –, aber dereinst von arabischen Frauen vollendet würden. Und sie zählt Frauen auf, die sich gegen männliche Gewalt lautstark zur Wehr gesetzt haben: Salwa al-Husseini, die erste Ägypterin, die sogenannte Jungfräulichkeitstests kritisierte – ein ganz und gar demütigendes Prozedere, bei dem Polizeiärzte festgenommenen Frauen mit einem Finger in die Scheide griffen, um zu prüfen, ob sie noch Jungfrau seien. Samira Ibrahim verklagte als Erste einen dieser Ärzte vor Gericht. Sie erreichte dadurch zwar, dass solche Tests verboten wurden, der verantwortliche Arzt wurde jedoch freigesprochen.

«Sie sind unsere Bouazizis», schreibt Eltahawy. Frauen seien mehr als bloss Kopftücher und Jungfernhäutchen: «Unsere politischen Revolutionen werden erst gelingen, wenn sie von Revolutionen des Bewusstseins begleitet werden – soziale, sexuelle und kulturelle Revolutionen, die die Mubaraks in unseren Köpfen und Schlafzimmern stürzen.» In einem Interview mit der britischen Zeitung The Independent verrät die kämpferische Journalistin, dass sie sich die Arme tätowieren lassen will, sobald die Narben der Polizeigewalt verheilt seien: «Auf diesem Arm soll der Name der Mohammed-Mahmud-Strasse stehen, wo ich angegriffen wurde, so will ich die Märtyrer dieses Orts ehren. Auf den anderen Arm soll Sekhmet kommen, die ägyptische Göttin für Vergeltung und Sex. Sie hat ein Löwenhaupt.»

Kampf gegen patriarchale Zwänge

Der Kampf der Frauen gegen patriarchale Zwänge ist in Ägypten keineswegs neu. Zeitgleich mit der europäischen und amerikanischen entstand auch die ägyptische Frauenbewegung bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Huda Shaarawi, die erste Präsidentin der ägyptischen Feministinnenunion, legte 1923 in einem symbolischen öffentlichen Akt ihr Kopftuch ab. Sie trug die Anliegen der Frauen ins Parlament und legte mit ihrem Engagement den Grundstein für die ägyptische Frauenbewegung. Dem Druck dieser Aktivistinnen ist es zu verdanken, dass unter dem sozialistischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser 1956 das Wahlrecht für Frauen eingeführt, später die Universitäten ausgebaut und weitreichende Bildungsmöglichkeiten und Karrierechancen für Frauen geschaffen wurden.

Buchverkäufer in den Strassen Kairos. (Sherif Sonbol)

Sein Nachfolger Anwar al-Sadat reformierte das Familienrecht, schränkte die Polygamie ein und gestand den Frauen ein begrenztes Scheidungsrecht zu. Doch erst seit dem Jahr 2000 dürfen sich Ägypterinnen scheiden lassen, ohne beweisen zu müssen, dass ihr Ehemann sie misshandelt oder Schuld an der Zerrüttung der Ehe trägt. Dennoch ist das Ungleichgewicht bis heute frappant. Während Männer ihre Scheidung ohne Angabe von Gründen selbst aussprechen können und dafür nicht einmal vor Gericht zu gehen brauchen, müssen Frauen für eine Scheidung lange Gerichtsverhandlungen in Kauf nehmen, auf alle finanziellen Ansprüche verzichten und den Brautpreis zurückzahlen. Kinder aufzuziehen, ist für eine alleinstehende Frau unter diesen Bedingungen schier unmöglich.

Ausbruch aus dem Puppenheim: Sahar al-Mougy

Die schwierigen, oft verzweifelten Lebensumstände von Frauen, die sich nicht in die traditionellen Muster einpassen wollen oder können, spiegeln sich auch im Schaffen zahlreicher Schriftstellerinnen. Sahar al-Mougy, 1963 in Kairo geboren, ist erfolgreiche Autorin und Dozentin für englische Literatur an der Universität Kairo und bezeichnet sich stolz als Feministin. Nicht zuletzt durch ihren persönlichen Werdegang ist sie zu einem Vorbild für junge Autorinnen geworden, die sich in Workshops für kreatives Schreiben um die verehrte «Dr. Sahar» scharen.

Sie selbst sei spät zum Schreiben gekommen, erzählt sie in ihrer Wohnung auf dem Mokattam-Hügel, einem friedlichen Wohnviertel der Stadt, wo sie sich nach der Scheidung von ihrem Mann neu eingerichtet hat. Ihre Kindheit und Jugend waren wohlbehütet, beide Eltern liberale Intellektuelle, auch die Mutter war berufstätig. Sie beschreibt sich als schüchternes Kind, verwöhnt von der Familie. «Ich hatte einen wunderbaren Vater, mit einer riesigen Bibliothek, und ich durfte alles lesen, was ich wollte, Hans Christian Andersen, Nagib Machfus und viele andere.»

Als Teenager hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Schriftstellerin zu werde, die Idee aber wieder aufgegeben, weil sie bezweifelte, begabt und inspiriert genug zu sei. Noch als Studentin, mit 19, heiratete sie den Mann, den sie heiraten wollte – gegen den Willen ihres Vaters. Sie interessierte sich für indische und buddhistische Philosophie, Sufismus und das ägyptische Altertum, die Zeit der Pharaonen. Sie gebar eine Tochter und einen Sohn. Zwei Tage in der Woche arbeitete sie an der Universität als Dozentin und schrieb ihre Dissertation. Ihr Mann begann, sie zu kontrollieren.

Er sei eifersüchtig auf ihre eigene Welt gewesen, sagt sie heute, ein traditioneller ägyptischer Mann, der eine ruhige, folgsame Ehefrau haben wollte: «Die Ehe wurde zu einem Käfig für mich. Wenn ich mit meinem Mann stritt, dann stritt ich nicht bloss mit ihm, sondern gegen das ganze traditionelle patriarchalische Wertesystem dieser Gesellschaft. Ich war eine einzelne Frau gegenüber einer ganzen Gesellschaft, die Frauen sagt, dass nichts wichtiger sei als ihre Familie. Ich hatte jahrelang geglaubt, ich müsse das brave Mädchen spielen – was ich auch tat. Die gesellschaftlichen Erwartungen an eine weibliche Existenz hatte ich fraglos übernommen: Familie, Kinder, Wohnung. Ich lebte wie Henrik Ibsens Nora im Puppenheim.»

«Wer bist du?»

In ihrer zunehmenden Verzweiflung setzte sie sich hin und begann zu schreiben – über ihre Gefühle, Sehnsüchte, Ängste. «Beim Schreiben entdeckte ich das Kind in mir, das ich all die Jahre unterdrückt hatte.» Sie war gerade 30 und wusste, dass sie nicht mehr auf die gleiche Weise weiterleben wollte. Die literarische Selbsterforschung führte schliesslich zum Einsturz ihres familiären Lebens. Sie verlangte die Scheidung, ihr Mann weigerte sich. Er gab sie erst frei, als sie einwilligte, die Kinder bei ihm zu lassen. «Es war schrecklich, die Familie zu zerreißen, die Kinder zu verlassen, aber ich konnte und wollte nicht mehr zurück», sagt al-Mougy.

Ihre ersten Erzählungen stammen aus dieser Zeit der Selbstbefreiung und erschienen 1998 unter dem Titel Sayedat El Manam  («Die Traumfrau»). Die Titelgeschichte feiert den kreativen Prozess als Gebären, beschreibt das Bearbeiten von Granit mit den Werkzeugen des Bildhauers als schmerzvolle Selbsterschaffung: «Das Hämmern des Meissels fällt mit dem von der Stirn tropfenden salzigen Schweiß zusammen, der sich auflöst in freudvollem Schmerz beim Anblick des Steins, der die Biegung einer kleinen, zarten Hand preisgibt, einen schmalen Arm an einem neugeborenen Körper mit offenem Mund; offen vor Überraschung. Offen vor Lachen. Oder ist es Qual!»

Um die Suche nach einer neuen Identität kreist die Erzählung Morgendämmerung, für die al-Mougy die Protagonistin aus Sonallah Ibrahims Roman Zaat wieder aufleben lässt. Eine durchschnittliche Ägypterin, durchschnittlich verheiratet, gut funktionierend – bis sich seltsame Symptome einstellen: Kopfweh, Schlaflosigkeit und das unbestimmte Gefühl, etwas verloren zu haben.

In einer schlaflosen Nacht irrt Zaat suchend durch die dunkle Wohnung und setzt sich schließlich in einen Sessel ans Fenster, wo sie sich selbst gespiegelt sieht: «Ein scharfes Gefühl von Neugier überwältigte sie, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Eine Neugier, deren Wurzeln, Verlauf und Ende sie selbst war. Würden die Worte der Hymne gedeutet werden? Würde die bleierne Last von ihrer Brust genommen werden? Würden andere Dinge zu sehen sein als das beschädigte riesige graue Gebäude, andere Geräusche zu hören als die Metro und das Hupen der Autos? Gäbe es eine Antwort auf die erste der Fragen, die nun flüsternd ihr Ohr erreicht: Wer … wer bist du … du … du?»

Für Sahar al-Mougy wurde das Schreiben in dieser Zeit zu einem Mittel der Selbstbefreiung. «Ich plante nicht, was ich schreiben wollte. Sondern ich fing an, suchend und fragend und wurde mir immer stärker der gesellschaftlichen Normen bewusst, die mein Leben beschnitten.»

Es war aber nicht nur die Erfahrung der persönlichen Unterdrückung und Befreiung, die sie zur Feministin gemacht hat, sondern auch ihre Beobachtung, wie schlecht es den Frauen in dieser Gesellschaft generell ging: «Frauen werden nicht nur von Männern unterdrückt, sondern sie internalisieren die Abwertung, die sie andauernd erfahren, die patriarchalen Werte, und tragen so schließlich selbst zur eigenen Unterdrückung bei.»

Wo bleibt die Frage nach dem Sinn?

Sie hat als Kind und Jugendliche noch die liberalen 1960er- und 1970er-Jahre erlebt. Mit dem aufkommenden Islamismus wurde die Gesellschaft danach deutlich konservativer, was besonders die Frauen mit rigorosen Kleidervorschriften zu spüren bekamen: «Als ich studierte, trugen bloss drei von fünfzig Frauen an der Uni ein Kopftuch. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Das Kopftuch ist zu einem kulturellen Zeichen der Identität geworden.»

Bereits seit Jahren beobachtet al-Mougy, wie die Religiösen auch die Medien zunehmend dominieren. Sie sieht sich manchmal Fatwa-Sendungen im Fernsehen an, in denen das Publikum einem TV-Imam Fragen stellen darf. Was sie dabei erschrecke, sei der Umstand, dass die Menschen dort nur Anweisungen hören wollten, wie sie sich in dieser oder jener Situation zu verhalten hätten, aber niemand frage nach dem tieferen Sinn und der Bedeutung der Dinge. «Das ist eine fortgesetzte kollektive Gehirnwäsche, die bereits vom Mubarak-Regime unterstützt wurde. Jede Diktatur hat ein Interesse daran, die Menschen klein und still, passiv und geduldig zu halten.»

Dass dies in Zukunft, unter einem islamistischen Regime, noch schlimmer werden könnte, glaubt Sahar al-Mougy nicht. Durchs offene Fenster der Wohnung dringt von einer Moschee der Ruf des Muezzins zum Nachmittagsgebet. Auch der Hauptsitz der Muslimbrüder ist ganz in der Nähe, ein wuchtiges Gebäude, das die Finanzkraft der Organisation erahnen lässt. Doch die Autorin lässt sich nicht beeindrucken, im Gegenteil. Sie macht sich lustig über die ungeschickten öffentlichen Auftritte des neuen Präsidenten Mohammed Mursi und glaubt, dass die Islamisten sich durch ihre politische Unfähigkeit selbst abschaffen würden.

«Unsere liberalen, intellektuellen Zirkel trauten den Brüdern nie, denn wir kannten deren Geschichte und Ziele. Aber die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass die Muslimbrüder die Männer Gottes und daher vertrauenswürdig sind. Es wird sich zeigen, ob dieses Vertrauen berechtigt ist. In der Politik müssen sich die Islamisten mit den grundlegenden Problemen der Gesellschaft auseinandersetzen. Wenn sie nicht aufhören, vorschreiben zu wollen, wie sich Frauen benehmen und anziehen sollen, dann verlieren sie ihre Wähler. Das ist eine Frage der Zeit.»

Sahar al-Mougy sieht von Tag zu Tag mehr Menschen, die das machtpolitische Lavieren der Muslimbrüder durchschauen und sich enttäuscht von ihnen abwenden. «Entweder es gelingt ihnen, nach dem Vorbild der Türkei, Politik zu machen, oder sie landen auf der Müllhalde der Geschichte», prophezeit sie.

Nawal al-Saadawi (Mitte), die Feministin der ersten Stunde, im Literatursalon
Café Riche. (Foto: Sherif Sonbol)

Freizügigkeit in der Literatur

Während die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung immer konservativer wird, zeigt sich in den jüngsten Werken von Schriftstellerinnen eine Freizügigkeit, die sich diesem Trend kühn entgegenstellt. Sahar al-Mougys Roman Noon erforscht literarisch die widersprüchlichen Herausforderungen, mit denen sich unabhängige ägyptische Frauen in einer konservativen Gesellschaft konfrontiert sehen. Deren Emanzipationsprozess beschränkt sich allerdings nicht auf das Bewusstsein und den Geist. Auch die Befreiung des Körpers, der weiblichen Sexualität steht zur Debatte.

Die Hauptfigur heißt Sara, ist eine geschiedene Frau Ende dreissig, die einen illustren Freundeskreis pflegt, geistige Erfüllung in ihrer akademischen Forschung findet und sexuelle Beziehungen ohne Trauschein lebt – ein Tabu in der ägyptischen Gesellschaft. Weitere Figuren sind ein Mann und zwei nonkonformistische Frauen aus der Mittelschicht. «Diesen Leuten gelingt es durch ihre Freundschaft, eine Art unabhängige Parallelgesellschaft zu bilden, in der sich ihnen neue Horizonte der Erfahrung und der Erkenntnis erschließen», erklärt die Autorin. Der Roman spielt vor dem politischen Hintergrund der Terroranschläge in den USA und dem Abu-Ghraib-Skandal im Irak in der Zeit zwischen 2001 und 2003. Als Erzählerin hat al-Mougy Hathor eingesetzt, die Göttin der Liebe, des Tanzes und der Musik im pharaonischen Ägypten.

Göttinnen aus der ägyptischen Mythologie finden sich oft in der Literatur von Frauen, wenn es um weibliche Macht und Sexualität geht. Sahar al-Mougy will mit diesen Figuren aus der vorislamischen Zeit das unterdrückte Weibliche wiederbeleben, und zwar nicht als ein Element in der Psyche von Frauen, sondern vielmehr das Weibliche in der Welt.

Bereits in ihrem Erzählband «Die Traumfrau» hat sie der Göttin Isis eine Rolle zugewiesen: «Es ging mir um eine neue Interpretation des Mythos von Isis, die von der patriarchalen Kultur als Göttin des Opfers und der Liebe interpretiert wurde, wohingegen niemand von ihrer Stärke sprach. Die Frage ist, zu welchem Zweck diese Figur dem männlichen Denksystem untergeordnet und verfälscht wurde. Dieses Bild der Geschlechter prägt bereits die Psyche von kleinen Kindern.»

Sahar al-Mougy setzt bewusst auf die eigene, ägyptische Tradition als Symbol der Kraft und Eigenständigkeit, wenn sie sich mit den Unzulänglichkeiten im Ägypten des 21. Jahrhunderts auseinandersetzt, in dem «der Horizont der Visionen immer enger wird und die Träume zu ersticken drohen». Sie glaubt an das innere Potenzial der Menschen, um der Hässlichkeit der Welt zu trotzen.

«Diese Welt von Bush, Mubarak und Saddam Hussein bildet den entfernten Hintergrund der Geschichte in ihrem Roman «Noon». Parallel zu Bushs internationaler Hexenjagd gegen die muslimische Welt erzählt der Roman von der gesellschaftlichen Hexenjagd in Ägypten, bei der Mütter ihre Töchter unterdrücken, während die Frauen hart darum ringen, echte Liebe zu leben, echte Beziehungen, in denen sie sich verwirklichen können.»

Tabu der weiblichen Sexualität gebrochen

Hatte Sahar al-Mougy ihre ersten Erzählungen noch relativ rasch und aus einer spontanen Eingebung heraus niedergeschrieben, kostete dieser komplexe Roman sie vier Jahre Arbeit, ihre ausgedehnten Recherchen zur ägyptischen Mythologie nicht eingerechnet. Eine der wichtigsten Herausforderungen in diesem Prozess sei es gewesen, nicht in die Falle der Selbstzensur zu geraten, eine Gratwanderung beim Thema Sexualität.

Sei es wegen dieses Reizthemas oder wegen der geschickten Werbekampagne, die erste Auflage des Romans war 2007 binnen einer Woche ausverkauft. Sahar al-Mougy wurde als feministische Autorin gefeiert, die das Tabu der weiblichen Sexualität antastete. Seither wurden acht weitere Auflagen mit je 3000 Exemplaren nachgedruckt, ein beachtlicher Erfolg.

«Es reizt mich, die Gesellschaft aus ihren starren Vorstellungen darüber herauszureißen, was eine Frau ist, was ein Mann ist, was sein sollte – ja, dieses ›Sollte‹ anzukratzen. Mit meinem Schreiben erschüttere ich die Gesellschaft in diesen Überzeugungen, führe den Leserinnen und Lesern unterschiedliche Formen der Existenz vor Augen, Variationen der Selbstwahrnehmung, und die Frage, was der Sinn des Lebens sein könnte.»

Während Sahar al-Mougy in der frühen Phase ihres Schreibens ihre eigene Hauptfigur war, hat sie ihren Blick später erweitert und auf andere Figuren ausgedehnt, auch auf männliche. Ihre soziale Welt ist die Mittelklasse geblieben: «Es geht um die Doppelmoral der Mittelklasse, die Unterdrückung und die Lügen des Patriarchats.» Schreiben bedeutet für die Autorin längst nicht mehr nur Befreiung aus einer Lebenskrise. Der Antrieb zum Schreiben komme zwar von einem inneren Schmerz, sagt sie: «Aber Schmerz ist etwas anderes als Kampf. Den Kampf habe ich hinter mir. Nun kann ich sagen, dass ich eine freie und glückliche Frau bin. Wenn man seinen Traum verwirklicht hat, beginnt man, sich zu fragen, wie man anderen helfen könnte. Das kann ich auf persönlicher Ebene tun oder durch das Schreiben. Letzteres hat einen weitreichenden Effekt.»

Dieser Effekt ist nicht unumstritten. Gerade in Ägypten, mit seinem schlechten Bildungssystem und der hohen Analphabetenrate, wird die Wirkung von Literatur selbst von Schriftstellern oft angezweifelt. Noch vor dem 25. Januar 2011 hatte Sahar al-Mougy von vielen befreundeten Autoren die Frage gehört: «Warum schreiben wir eigentlich? Was soll das überhaupt? Es liest doch sowieso niemand.» Sie hatte dem stets widersprochen, denn sie war sicher, dass es Menschen gibt, die lesen. «Das Blogging-Phänomen gibt mir Recht. Hier habe ich die Bestätigung, dass mein Schreiben wahrgenommen wird, auch von Leuten, die ich nicht kenne, die meine Texte kommentieren und weiterempfehlen. Wenn man das weiß, schreibt man mit mehr Engagement, Motivation und Zuversicht, dass man die Menschen erreichen kann.»

Nicht nur im Internet, auch live bei Lesungen und Diskussionen begegnet die Autorin ihrem Publikum. Zahlreiche ihrer Leserinnen sind junge Frauen, etwas über 20 Jahre alt und empfänglich für neue Erfahrungen. «Ich spüre es, wenn ich Menschen treffe, die ein Buch von mir gelesen haben und es in sich weiterleben lassen. Einmal hat mir sogar eine junge verschleierte Frau gesagt, dass sie sich in einer der Figuren in meinem Buch wiederfinde. Dabei sind diese Figuren ganz anders als sie. Die Leserinnen erkennen sich im Konflikt, in den Fragen, den Situationen. Ihre bisherigen Gewissheiten kommen ins Wanken. Die kleinen Teufel spielen mit ihnen, und es ist nicht schlecht, auf diese Teufel zu hören, denn manchmal haben sie recht und könnten dein Leben zum Besseren wenden.»

Doch nicht allen Leserinnen gefallen Sahar al-Mougys Bücher: «Kürzlich sagte mir eine schüchterne Frau an einer Literaturdiskussion, dass sie den Roman Noon nicht mochte und es schwierig fand, die Lektüre fortzusetzen, weil er all ihren religiösen Überzeugungen widersprach. Das Buch war offenbar ein Schock für sie. Sie fand sich selbst nicht in dieser Welt wieder. Oder vielleicht erkannte sie doch einen Teil von sich und verkraftete das nicht? Aber sogar diese junge verschleierte Frau kam immerhin zur Buchdiskussion und wollte sich austauschen. Die Idee, dass man sein Leben neu erfinden kann, berührt die Leser.»

Den Volksaufstand vom 25. Januar 2011 und die folgenden Wochen auf dem Tahrir-Platz bezeichnet Sahar al-Mougy nach wie vor als Revolution, trotz der Rückschläge. «Mein Bild von meinem Heimatland hat sich dadurch verändert. Ich hatte zuvor immer ein äusserst problematisches Verhältnis zu Ägypten. Ich liebte das Land, gleichzeitig ärgerte ich mich darüber. Diese Zwiespältigkeit ist passé.

Ich hätte nie erwartet, dass wir eine Revolution zustande bringen würden. Das kollektive Selbstbild hat sich verändert. Wir wurden uns gewahr, wer wir wirklich sind; wir haben Vertrauen in uns selbst gewonnen und wissen nun, dass wir etwas bewegen können. Dieses kollektive Selbstbild ist sehr wichtig, was auch immer an der politischen Front passiert.»

Sahar al-Mougy hat sich seit Jahren auf verschiedenen Ebenen für eine Demokratisierung ihres Landes eingesetzt. Sie engagierte sich in der Organisation The Women and Memory Forum, einer ägyptischen NGO, für die Aufarbeitung der arabischen Geschichte aus der Gender-Perspektive. Von Beginn an war sie aktives Mitglied bei der Kifaya-Bewegung, die für ein Ende des Mubarak-Regimes kämpfte, und später Gründungsmitglied der Gruppe «Schriftsteller für den Wandel».

Bei all diesen Aktivitäten, die den Boden für eine Veränderung bereiteten, habe auch die Jugend eine eminent wichtige Rolle gespielt, sagt al-Mougy: «Die jungen Blogger waren stark genug, um stehendes Wasser in Bewegung zu bringen. Ich meine damit nicht nur politische Blogs, sondern das Bloggen überhaupt. Ein Mädchen, das anonym einen Blog schreibt, hat jede Möglichkeit, ihre Eltern oder Lehrer zu kritisieren.

Im virtuellen Raum kann sie sich austauschen, sie erhält Zustimmung und gewinnt Stärke. Bloggen ist in diesem Sinn eine Form von Aktivismus. Dann kam Facebook dazu und multiplizierte die Kommunikationsmöglichkeiten.» Auch der literarische Boom der letzten Jahre in Ägypten wäre ohne die Aktivitäten im Internet nicht möglich gewesen:  «Es wurden virtuelle literarische Zirkel und Gemeinschaften gegründet. Die Kinder des Internets haben den Büchern einen grossen Dienst erwiesen, indem sie lasen, diskutierten und die Bücher weiter verbreiteten.»

Wie sich der politische und gesellschaftliche Umbruch auf das künftige literarische Schaffen am Nil auswirken wird, darüber kann vorläufig nur spekuliert werden. Sahar al-Mougy hat die vorübergehend unterbrochene Arbeit an einem Roman wieder aufgenommen.

«Ich habe das Gefühl, dass das Schreiben der ägyptischen Autorinnen und Autoren allgemein abenteuerlicher und riskanter sein wird, da wir erlebt haben, dass Wunder tatsächlich geschehen. Diese befreite Vorstellungskraft könnte das Schreiben transformieren, zumindest auf der Inhaltsebene. Es gibt ein Vertrauen, neue Territorien zu erkunden, ein Vertrauen in die Fähigkeit, verrückte Welten zu erschaffen, in der Dinge geschehen, die verrückt und zugleich relevant sind.»

 

Das Buch «Literatur der Rebellion» erscheint am 25. April 2013 im Rotpunktverlag.

Buchvernissage: 7. Mai 2013, 20 Uhr, Theater Rigiblick, Zürich

Buchpräsentation: 22. Mai 2013, 20 Uhr, Käfigturm, Bern

Am 12. Juni findet zudem im Literaturhaus Basel und am 13. Juni im Kaufleuten Zürich eine Diskussion mit der Autorin Susanne Schanda und dem ägyptischen Schriftsteller Chalid al-Chamissi statt.

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