Ausgrenzung

«Rassismus trifft dich im Kern deines Menschseins»

Teza
«Teza» ist ein Film aus Afrika und auch ein Film über Europa.

Der äthiopische Filmregisseur Haile Gerima weiss, was es heisst, wegen seiner Herkunft minderwertig behandelt zu werden. Für ihn macht jedoch gerade die Herkunft einen Menschen einzigartig. Fil­me­ma­chen als eine Form von Wider­stand, um kul­tu­relle Werte zu erhal­ten, die abgewertet werden.

Seit vielen Jahren machst du Filme zu Afrika und seiner Geschichte. Was bedeutet dir Afrika, was ist für dich die afrikanische Landschaft?

Haile Gerima: Afrika bedeutet für mich unendliche Weite. Aber nicht nur das, sondern auch ein reiches Vermächtnis einer Kultur, die von der Elite in Afrika nicht wahrgenommen wird. Es gibt wenige Bemühungen zur Erhaltung dieser Kultur, und das hindert die Entwicklung von Theater, Kino und Literatur. Dadurch ist es der am meisten zensierte Kontinent.

Die Landschaft des Kontinents ist eine sehr bunte gegenüber der harten Realität Afrikas. Sie trägt stark die Erinnerungen der Menschen in sich, und Künstlerinnen und Künstler wie Filmschaffende können sehr viel herausholen, wenn sie sich mit der Landschaft beschäftigen und sie bitten, ihnen Geschichten zu erzählen.

Für mich ist jedes Tal, jeder Berg, jeder Fluss in Afrika Hüter der Erinnerungen und Geschichten der Afrikaner. Ich finde, dass wir uns kaum auf diese Schönheit der Landschaft und auf ihre Fähigkeit des Erzählens berufen, und dies hat zum Chaos in Afrika beigetragen. Für mehr Frieden in Afrika braucht es eine Versöhnung zwischen Landschaft und Menschen.

Man soll sich nicht von falschen Ideen der Modernisierung verwirren lassen, die unsere Beziehung zur Landschaft und der Natur grundsätzlich ablehnt. Unsere Vorfahren hatten eine wesentliche und spirituelle Beziehung zur Landschaft; die heutige Generation ist sich ihrer nicht mehr bewusst. Sie schauen auf die andere Seite des Ozeans, um Inspiration zu finden.

Die Landschaft ist das eine, in ihr können sich menschliche Beziehungen entfalten. Wie sehen denn diese aus?

Haile Gerima: Vergessen wir den ganzen Kontinent, sprechen wir nur von einem Land wie Äthiopien oder Ghana. Die Menschen können sich nicht mit anderen in Beziehung bringen. Sogar die künstlichen Grenzen der Klassen basieren auf einer globalen Grenzziehung. Die Bourgeoisie in Äthiopien, Ghana oder Südafrika verbindet mehr mit Europa oder Nordamerika als mit dem eigenen Land, es ist also ein sehr verformtes Wachstum.

Die lokalen menschlichen Beziehungen werden geprägt durch importierte, umstrittene Dogmen, Ideen, die nicht in die Menschen, das Land und die Landschaft integriert sind. So tritt etwa der Materialismus völlig grotesk auf, weil er nicht zu der spirituellen Kultur gehört. Er existiert, als wäre er ein Kennzeichen der Gesellschaft, und muss sich dennoch nicht vor ihr verantworten.

In Afrika werfen wir unsere traditionellen Kleider ab und bekleiden uns mit neuen, europäischen Kleidern. Indem wir dies tun, werden wir zwar modern, aber es entsteht eine chaotische Situation. Man versucht, auf oberflächliche Weise universell zu sein und rückt sich dadurch in ein groteskes Licht. Denn wir haben keinen bestimmten Platz mehr.

Meiner Meinung nach befindet sich die Identität besonders in Afrika in einer grundsätzlichen Krise. Wenn wir an unserer spezifischen Identität arbeiten, können wir unseren Platz in der globalen Menschheit finden. Aber da wir unsere spezifische Menschlichkeit verloren haben, können wir nicht einfach so teilhaben an der globalen menschlichen Rasse.

Welche Rolle spielt die Geschichte, spielen Geschichten?

Haile Gerima: Einerseits ist das Erzählen von Geschichten eine Art Heilung, gerade in Afrika, es ist eine Form der Teufelsaustreibung. Ich denke, dass Geschichten früher die Funktion von Psychiatern übernahmen. Es werden individuelle Geschichten erzählt, und diese einzelnen Geschichten werden von der Gemeinschaft zusammengefasst und zur Geschichte eines Volkes.

Geschichten sind also wie das Rückgrat des Körpers, die ganze Geschichte ist gleich dem Brustkorb. Aber der Brustkorb könnte ohne das Rückgrat gar nie bestehen. Diese Beziehung zeigt mir, dass die einzelnen Geschichten der menschlichen Psyche die Geschichten einer Gemeinschaft oder eines Dorfes überhaupt erst trägt.

Und es ist auch eine Form von Widerstand, um diese Idee nochmals aufzugreifen. Ich merke, dass sehr viele offizielle Geschichten zu verneinen versuchen, dass sie subjektiv und individuell sind.

Viele Individuen machen eine Gemeinschaft aus. Manchmal versuchen die Leute in einer Gemeinschaft nur die Gemeinschaft zu sehen, sie sprechen einfach von der Masse. Dann greife ich ein und sage: Nein, die Masse besteht aus Individuen. Und die Geschichten, die die Einzelnen in eine Bewegung einbringen, sind sehr wichtig. Das wird mir immer bewusster: Viele Äthiopier in Anberbers Alter in Teza kamen in europäische oder nordamerikanische Länder, wo sie zur Schule gingen. In diesen Schulen flossen ihre individuellen Erzählungen in ein Kollektiv ein.

Das Stichwort Widerstand ist gefallen – welche Rolle spielt er?

Haile Gerima: Als ich Sankofa drehte, wurde ich gefragt, worum es in dem Film gehe. Ich antwortete: Es geht um Widerstand gegen die Sklaverei. Das afroamerikanische Filmpublikum sagte mir damals, als der Film zum ersten Mal in den USA aufgeführt wurde: Sankofa ist ein heilender Film.

Ich fragte mich, was das mit Widerstand zu tun hatte. Ich hatte vorher nie gemerkt, dass Widerstand auch einen heilenden Aspekt mit sich bringt. Oder vielmehr führt es zu einem heilenden Prozess. Wenn man seine Menschenwürde verteidigen muss, erneuert man seine Menschlichkeit und damit seine spirituelle Grundlage. Ich spürte, dass diese Phänomene stark verbunden sein mussten.

In Bezug auf das Filmemachen äussert sich der Widerstand vor allem gegen koloniales Gedankengut. Es gibt folkloristische Lieder, Kinderspiele, wie in Teza, wenn das kleine Kind von der Waisenfamilie singt. Wenn man diese festzuhalten versucht, um sie nicht zu verlieren, werden sie zu einer Art erhaltenem Vermögen auf einer Bank. Zum Beispiel die Volkslieder am Anfang von Teza, mit dem Bild der Heilung, das man sehen kann. Es geht um eine Form von Widerstand, um Dinge zu erhalten, die abgewertet wurden.

Anberber, die Hauptfigur in Teza, ist ein Mann, der seine Heimat verlässt und heimkehrt, der sie wieder verlässt und wieder heimkehrt. Mich hat im Dialog etwa sein Umgang mit dem Körper beeindruckt: Sein Körper und sein Geist in Bezug auf die Heimat. Der Körper kehrt zurück, sagt er, der Geist bleibt dort. Und an einer anderen Stelle: Ich habe studiert, um Krankheiten auszumerzen. Es geht in Teza also um Körper und Geist. Wo liegen die Unterschiede in Bezug auf diese Erfahrung – der Körper kann sich bewegen, der Geist kann anderswo sein.

Haile Gerima: Das wird eine lebenslängliche Konfusion bleiben. Mein Körper ist der sichtbarste Teil; speziell in Bezug auf unsere Generation fühle ich den Geist als unser inneres Selbst.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es kann, wenn ich davon rede, aber in meinen Filmen strebe ich es an: Da ist dieser physikalische Körper, ob das nun in Europa oder in den USA sei, wir sehen einen Körper, diesen Fremden von irgendwo. Aber wir können nicht wissen, was das innere Selbst ist oder was er oder sie wünscht.

Das Einfachste ist es, den Körper zu lesen, das kann jeder ganz einfach, und manchmal kommen die Leute dann und ziehen eine dumme Schlussfolgerung aus ihrer Körperlektüre. Aber den inneren Geist, den inneren Gedanken, das innere «Was einer denn wirklich möchte», ist eine andere Geschichte. Es gibt so etwas wie ein Hängen des Menschen zwischen Körper und Geist. Das Kino nun, das hat die Fähigkeit, in den inneren Geist vorzudringen und diesen zu artikulieren. Das ist es, was ich versuche, und es ist das Schwierigste am Ganzen.

Du sprichst im Film auch vom Körper und wie schwierig es sein kann, darin zu stecken. Das heisst: Man kommt mit einem bestimmten Körper zur Welt. Wenn wir dann unterwegs sind, dann begegnen wir anderen und die nehmen als Erstes deinen Körper wahr und reagieren auf deinen Körper. Das wird ja für Anberber zum Problem.

Haile Gerima: Anberber steht da für viele Immigranten in Europa oder in den USA: Der Immigrant wird als Körper gesehen, seine oder ihre innere Seele und Geist gehen unter, gehen verloren. Deshalb ist die Menschheit instabil oder zumindest ihre Perspektive ist destabilisiert oder deformiert. Aber das ist nicht der einzige Punkt. Auch wenn einer heimkehrt, ist der physikalische Körper das, von dem alles ausgeht.

Ich habe versucht, über die Erzählung etwas von dieser Idee zu bieten, dieser Schwebe, unfähig hier zu sein, unfähig dort zu sein. Über die Imagination sind die Menschen ja imstande, ins Innere einer Seele zu gehen, in den Geist einer Person. Aber wir sind als menschliche Wesen behindert, unsere Imagination weiter zu kultivieren. Es wird alles immer mehr auf die Erscheinung reduziert: auf die Gestalt des Körpers und auf die Farbe der Haut. Sich selber zu erweitern, sich in den anderen hineinzuversetzen, das ist etwas, was immer schwieriger wird.

Den Körper in der Welt herum zu bewegen, ist das eine, aber das andere ist der Geist: Ein bewegter Körper kommt mit einem veränderten Geist zurück.

Haile Gerima: Ja, genau. Weil die Rückkehr des Körpers gesehen wird ohne die Verwundungen des Geistes. Wenn du physisch zurück bist, was soll dann mit dir los sein, warum sollst du nicht so sein, wie du warst?

Innen gibt es viele Wunden und Entstellungen, die sind jenseits des Körpers und nur schwer zu sehen, sogar von Leuten, die dich lieben wie dein Bruder, dein Onkel, die Mutter. Die Mutter hat eine Ahnung, sie will Anberber in Teza einen Raum geben, damit er an diesem Prozess arbeiten kann. Aber die Gesellschaft macht das nicht.

Gibt es in deiner Erfahrung einen Unterschied zwischen Europa und den USA in Bezug auf die Begegnung mit dem Anderen, insbesondere was die Hautfarbe anbelangt: Reagiert man in Europa anders als in den USA? Oder anders gefragt: Hat der Körper eine unterschiedliche Bedeutung?

Haile Gerima: Der wesentliche Unterschied ist der, dass du deinen Körper in den USA nehmen kannst und in eine schwarze Umgebung gehen kannst, du kannst dort definitiv in einer schwarzen Bewegung und Kultur untertauchen und verschwinden. Das heisst nicht, dass du dort dann nicht auch neue Probleme haben kannst mit deiner Erscheinung. In Europa ist die Schwierigkeit ja die, dass es keine alte Gemeinschaft gibt, der man sich anschliessen könnte so wie die afroamerikanische in den USA.

Ich selber war überhaupt nicht darauf vorbereitet, mit Rassismus konfrontiert zu werden. Ich kam aus diesem ganz einfachen Ansatz: Ich mache eine Reise, ich gehe, um zu bringen. Für mich war das damals, als ich nach Amerika reiste, wie wenn ich Wasser am Fluss holen gehen würde. Man holt Wasser und kehrt zurück. Aber du hast keine Vorstellung von dem, was dann passieren kann, dass du da nicht einfach Wissen holen kannst und heimkehren.

Die meisten Leute, die ich kenne, sind auch gegangen, um etwas zu bringen: Feuer, Wissen, Modernisierung oder was immer ihre Motivationen waren. Und dann gerätst du in eine nie mehr endende Geschichte. Denn wenn du heimkehrst, bist du dort nicht mehr dieselbe Person, weil du eine Reise gemacht hast, die dein Leben komplexer gemacht hat.

In deinen Filmen geht es immer wieder um Menschen, die bewegt werden und sich bewegen. Was heisst für dich Migration, die heute in aller Munde ist?

Haile Gerima: Migration ist universell. Jeder Mensch migriert aus irgendeinem Grund. Aber es gibt Politiker, welche die Kunst des Schwindelns beherrschen, die nicht das wahre Problem herausgreifen können. Sie verwenden die Immigration als Ursache eines gesellschaftlichen Problems, als schwächstes Glied. Wenn jemand finanzielle Probleme oder Schwierigkeiten mit seiner Frau hat, wird diese Wut immer sofort auf die Immigranten zurückgeführt. Denn sie sind die Verpönten. Immigranten wissen darüber Bescheid, wenn sie Grenzen überqueren. Ihre Kinder jedoch nicht.

Diese politische Besessenheit von Immigration als grundlegendes Problem eines Landes ist zuerst einmal falsch; Immigranten sind nicht das Problem eines Volkes. In jedem Land, sogar dort, wo die Immigranten herkommen, gibt es grössere interne Probleme. Da diese aber nicht gelöst werden können, rückt man lieber die Immigranten in den Fokus, als Erklärung, weshalb das Leben beängstigend oder das Jobangebot knapp sein kann.

Aber mich interessiert an der Migration, wie sie die Kinder psychologisch gesehen völlig verunstalten kann. Der Mensch der migrierenden Generation kennt die Konsequenzen der Migration, ist bereit dafür und weiss, dass er in ein fremdes Land gekommen ist und hier arbeiten und das Leben verbessern will. Das sehe ich in Europa, in Amerika an einer Anti-Lateinamerika-Haltung, die insbesondere Mexiko betrifft.

Das kommt von Menschen, die nichts anderes zu tun haben, als wären sie die Beschützer diese Gesellschaft. Sie wissen nicht einmal, dass sie auch einmal Immigranten waren, und das ist das Lustige an der Immigration: Amerika wurde von Immigranten besiedelt, die das Land von Indigenen raubten.

Die meisten weissen Amerikaner, welche die Mexikaner von der mexikanischen Grenze fernhalten sollen, wissen nicht, dass sie ursprünglich von Europa kamen. Womöglich erinnern sie sich daran, wenn sie eine Verbindung zu ihren Vorfahren suchen, dass ihr Geschlecht früher mal aus England, Dänemark oder Schweden stammte. Aber wenn Immigranten befragt werden, nimmt man immer eine politische Position ein, und gesteht sich mehr Macht zu.

Ich glaube, dass Menschen, die besessen sind von der Migrationsfrage, selber ein Problem haben. Wenn man ein Problem mit anderen Menschen hat, gerade mit den Schwächeren, entspringt das oft einem eigenen Problem. Das kann auch ein gemeinsames sein, wenn man sich in einer Gruppe gegen andere Menschen wendet.

Eng verknüpft damit ist die Frage der Identität.

Haile Gerima: Jeder Mensch kommt von irgendwoher, niemand entspringt einfach der dünnen Luft. Oft werden die Leute dazu gezwungen, sich ihrer Herkunft wegen minderwertig zu fühlen. Dadurch wird ihre Identität aus dem Fenster geworfen.

Was einen Menschen identifiziert und einzigartig macht, ist, wo er herkommt. Er bringt damit eine Melodie in die Gemeinschaft. Identität bedeutet grundsätzlich eine gemeinsame kulturelle Anpassung, die man von seinem Herkunftsland erhalten hat, wie man die Welt sieht, durch Geschichten, Lieder, Tänze. Dadurch wurde man an eine Kultur gewöhnt, der ganze Körper harmonisiert mit diesem Verständnis, welches nicht überall dasselbe ist. Alle Menschen haben einen sehr melodischen Hintergrund, und das macht für mich die Identität einer Person aus.

Meiner Meinung nach kann nur ein beschämter Mensch seinen Ausdruck in der Gewalt suchen. Aus unbeschämten Leuten kann keine Armee entstehen. Kein General hat eine Armee, die nicht einer vernachlässigten Klasse entspringt, die ihrer Rechte beraubt wurde. Kleinbauern, die Arbeiterklasse, Leute ohne Geld – sie wollen die Reise in den Krieg benutzen, um ihre vertikale Mobilität in der Gesellschaft zu begründen. Herkules und all die anderen, sie zogen in den Krieg und kamen als Legende, jedoch neurotisch zurück: Sie töten ihre eigenen Familien.

Hast du spezielle Erfahrungen mit Rassismus?

Haile Gerima: Ich war sehr ahnungslos, als ich Äthiopien verliess, und war schockiert, als ich auf die Rassenfrage stiess. Über die Jahre fand ich natürlich heraus, wie ich zu kämpfen und Widerstand zu leisten hatte, aber zu Beginn zerstörte es mich komplett.

Rassismus trifft dich im Kern deines Menschseins, wenn gesagt wird, dass du weniger menschlich bist. Auch hier kommt es wieder von Leuten, die mit sich selbst Probleme haben. Die meisten Rassisten haben Probleme, sie sind psychologisch gesehen nicht stabil und erfüllt. Sie haben ein psychologisches Defizit in ihrer Verfassung. Das ist kein bekanntes Phänomen, aber die rassistischen Vorkämpfer kamen aus fragilen Gemeinschaften und wurden zu den Köpfen solcher Bewegungen.

Ich ging also nach Amerika und wurde dort mit Rassismus konfrontiert. Ich war kein Student mit Stipendium, ich arbeitete als Gärtner, um mir die Schule finanzieren zu können. So sah ich mich gegenüber von weissen, vorstädtischen Frauen. Sie bleiben den ganzen Tag zu Hause, kümmern sich um die Erziehung ihrer Kinder, währenddem ihre Männer fort sind. Innerhalb ihrer eigenen Klasse sind diese Frauen am stärksten unterdrückt, und als Gärtner solcher Hausfrauen nahm ich ihre Bitterkeit wahr, und ihr Rassismus durchstach mir das Herz.

Ich hatte mehrere solcher Erfahrungen, und nachdem ich mit viel Selbstvertrauen von Äthiopien gekommen war, bekam ich zum ersten Mal Zweifel daran, wer ich eigentlich war. War ich etwas wert? Die Fähigkeit des Rassismus, jemanden so zu verbiegen, schockierte mich.

Was ist Politik?

Haile Gerima: Die Kunst des Schwindelns. Die Politik bietet oft ein Versteck an für Menschen, die individuelle Probleme nie verarbeiten konnten. Ich denke, dass Politik als Kultur oft die geistige Dimension der Kultur verleugnet.

Die Politik war schon immer der einfachste Ort für Menschen, wo sie sich versammeln konnten, denn die Politik verlangt nicht diesen moralischen Aspekt der menschlichen Beziehungen. Politik ist nur ein Stempel des Dogmas, des Lehrsatzes, und solange du automatisch die richtigen Worte aussprichst, bist du akzeptiert. Es geht nicht um den inneren Geist. Wir wissen also nicht, ob jemand wirklich so denkt, aber wir glauben sofort, was der Politiker sagt.

Nun, da die Politik auf der ganzen Welt so wichtig geworden ist, hat sie sich gegen den spirituellen Aspekt der Menschen gewendet. Es ist sehr schwierig, jemanden spirituell oder kulturell zu betrügen. Mit blossen Worten geht das schon, aber nicht auf Basis der Kultur, weil es da um bestimmte Werte geht. In anderen Worten: Kultur beurteilt dich aufgrund deiner Taten, Politik aufgrund deiner Worte.

 

(Foto: Walter Ruggle)

Biographie

Haile Gerima wurde 1946 in Gonder, Äthiopien geboren. Er wuchs auf dem Land auf und in der Erzählkultur seiner Grosseltern, die Abends ums Feuer Geschichten erzählten. Der Vater war ein Dramatiker und jene Person, die Haile Gerima am stärksten beeinflusste.

In der Highschool führte der spätere Filmemacher bereits Regie in Stücken, die seine Mitstudierenden aufführten. Ab 1967 studierte er an der Goodman School of Drama in Chicago und Film an der UCLA. Seit 1975 lehrt er Film an der Howard Unversity, Washington.

Die ersten Filme drehte er anfangs 1970er Jahre. 1976 holte er sich in Locarno mit Harvest: 3000 Years den Silbernen Leoparden. 30 Jahre später wurde der Film von Martin Scorsese restauriert in Cannes wieder aufgeführt.

Filmographie:
1972: Hour Glass
1972: Child of Resistance
1976: Bush Mama; Harvest: 3000 Years.
1978: Wilmington 10 – USA 10.000
1982: Ashes And Embers
1985: After Winter: Sterling Brown
1993: Sankofa
1994: Imperfect Journey
1999: Adwa – An African Victory
2008: Teza

 

Teza

Das Gespräch ist ein Auszug aus einem langen Gespräch mit Haile Gerima, von dem sich ein grösserer Teil auf der DVD des Films «Teza» findet, die in der edition trigon-film erschienen ist. Im Herbst 2014 erscheinen da auch die Klassiker von Haile Gerima in einer kleinen Box mit 3 DVDs.

DVD-Box Haile Gerima

⬆ nach oben